Von überall her, aus Rom, Paris, München, wehen die Alarmbotschaften. Der europäische Film befindet sich in seiner schwersten Krise.

Als die Krise, die ganz so neu nicht mehr ist – jetzt schraubt sie sich nur dem Zenit entgegen vor Jahren anfing, gab es einen Hauptschuldigen: das Fernsehen. Nun sind gleich drei mächtige Bösewichter auf einen Schlag hinzugekommen. Die Jugendlichen. Die Videos. Und Hollywood.

Die Krise gibt es tatsächlich, und sie ist diesmal wirklich gravierend. "Der italienische Film ist tot", sagt Luigi Comencini, der 61jährige Grandseigneur von Cinecittà, lakonisch. "Ja, wir stecken in einer schweren Krise", gibt Nicolas Seydoux zu, der Hauptaktionär des französischen Film- und Medienkonzerns Gaumont ist.

Gaumont ist ein besonders schlagendes Beispiel. Bislang galt der französische Film, der von Gaumont beherrscht wird, immer noch als recht gesund. Die Franzosen gehen nach wie vor gerne ins Kino, weit regelmäßiger und zahlreicher als alle anderen Europäer; sie sind da den Amerikanern ähnlich. Die Besuchszahlen sind in Frankreich nur minimal zurückgegangen. Frankreich kann auch noch mit richtigen Stars glänzen, Belmondo, Depardieu, die Deneuve, die Adjani. Junge talentierte Regisseure, die ihr Handwerk beherrschen, gibt es auch genügend in Paris, und sie konnten sich bislang nicht einmal beklagen, daß sie ihre Chance nicht bekämen, Trotzdem: es funktioniert nicht mehr.

Gaumont machte in den vergangenen zwei Jahren mit Filmproduktionen einen Verlust von 245 Millionen Francs. Dichtmachen muß Gaumont nur deswegen nicht, weil Nicolas Seydoux mit seinem Privatkapital für das Minus geradesteht; er ist einer der Schlumberger-Erben und Milliardär.

Daß es nicht mehr klappt im europäischen Film, hat selbstverständlich viel mit Hollywood zu tun, mit der Masse neuer populärer amerikanischer Filme. Aber es hat trotzdem etwas sehr Einäugiges, wenn jetzt die intellektuellen Regisseure auf dem alten Kontinent und ihre Weggefährten, die cineastischen Kritiker, in ihrer Katastrophenstimmung rigoros feindselig auf alle Hollywoodfilme reagieren.

Es stimmt schon, in diesem Jahr standen, ob in Italien, Frankreich oder Deutschland, die meisten Kinogänger Schlange für fragwürdige amerikanische Spektakel wie "Indiana Jones" und "Police Academy", in deren brutaler Komik und action jede compassion untergeht. Aber es ist sehr fraglich, ob für einen Film von Volker Schlöndorff oder Michelangelo Antonioni oder Alain Resnais eine nennenswerte Zahl Kinokarten mehr verkauft werden würde, wenn es jene amerikanischen Filme nicht gäbe.