Wer ist Ich?

"Haupts Werk, Das Leben"

Ich" ist ein Instrument des Autors, oft sein einziges: ",Ich‘ spricht von sich und meint die Sache, das nenne ich Literatur. Jene sprechen von der Sache, meinen aber sich selber; und nennen es engagierte Literatur."

Schon in dieser abgrenzenden Prämisse kristallisiert sich Ingolds Thematik: Nicht über sich, sondern übers Ich schreibt er. Als Person müsse der Autor, wolle er am Leben bleiben, hinter seinem Werk verschwinden.

"Zum Beispiel sich selbst, von hinten, vor dem Spiegel stehen sehen und sich selber, vor dem Spiegel stehend, betrachtend, während einem – zum Beispiel mir – der andere – also ich – amüsiert über die Schulter schaut." Immer kann dieser andere – also ich, oder er, der Autor – nicht nach hinten, in den Spiegel sehen, deshalb bedarf es zweier Spiegel, oder eines zweiten (geschminkten) Gesichts: des schreibenden Ichs. Und wer sieht hier eigentlich wen? Wer wem über die Schulter?

"Man sieht sich selber nie genug, niemals ganz." Das Werk spiegelt seinen Autor wie der Spiegel den Betrachter seiner selbst. Und zeigt ihn doch nicht, nur den (reflektierten) Schein. Den bewahrt das Werk (der Spiegel, nicht) als wahr und Schein zugleich.

Poetologische Kommentare, Gedichte und Geschichten, Szenen und Reflexionen hat der Schweizer Felix Philipp Ingold zu einer Art Roman – Ingold, Haupts Werk – verwoben. Der Poet als Voy(ag)eur, zwischen platter Alltagssprache und Wörtern wie "Schme-Schmett-Schmetterling" – das ist, ohne Anfang und ohne Ende, ein verrücktes Leseerlebnis von unterhaltender Komik und scharfsinnigem Witz, hochkompliziert, und auf der nächsten Seite simpel. Und kalauert manchmal recht schön – man kann es lautmalen nennen.

Der Schreiber Konrad Haupt, vormals Golowin (das klingt nach: Ingold), ist die Ausgeburt von Ingolds Kopf. Sein Werk, dem zahllose literarische Ich-Extremisten Pate standen – Ingold zitiert sie – verdeckt das Leben. Wessen Leben? Die Figuren im Werk sind die Kopfgeburten Haupts, der seinerseits: Ingolds Kopfgeburt – bleibt nur Ingolds Leben. Das ist eine Dreiecksgeschichte: jeder ist bloß noch eine Figur des andern, kommt lediglich in dessen Geschichten vor.

Wer ist Ich?

Gedichte schreiben, nicht um Sinn zu transportieren, nein: Sprache als Rhythmus, Phonetik. Nicht Inhalt ist von Bedeutung, sondern Struktur. Geometrie. Und wenn sich die Bilder der Melodie noch unterordnen, entsteht: "poésie pure". Subversiv? Vielleicht eine der Literatur immanente Subversion. Doch wenn, nach Ludwig Hohl (den Ingold ausführlich behandelt), die Literatur die Wirklichkeit der kommenden Generation vorausträumte ...

Lesen, das heißt auch: sich spiegeln im Werk eines andern, das Gerüst (soweit möglich) entziffern, das der Autor mit seinem Text anbietet – und füllen mit Eigenem. Ingold nannte seine Gedichte schon "Spielangebote". In solchen Spielen spiegelt sich der Spieler – ein typisch männliches Bedürfnis sei dies übrigens, sich zu spiegeln, und nicht nur in Spielen, behauptet eine weibliche Figur im Text, die auch schreibt.

"Die Bücher – wie Wüsten – immer wieder – lesend – zu bereisen." Das Spiel beginnt, wenn das Buch gelesen ist, beim Wiederlesen (wozu mich das Buch förmlich verführte). Eine Reise ohne Ziel, ohne Ende, in diesen Schein, der vorgibt, Leben zu sein.