Bucerius: Marion, Sie leben und arbeiten seit 1946 - also mehr als die Hälfte Ihrer jetzt 75 Jahre - in Hamburg, Ist das Ihre Heimat?

Dönboff: Nein, nicht in dem Sinne, in dem man "Heimat" gewöhnlich auffaßt. Da ist meine Heimat natürlich Ostpreußen. Hamburg ist eine zweite Heimat geworden, aber doch eine Ersatzheimat.

Bucerius: Ist Ostpreußen Ihre Heimat, weil dort Ihre Familie seit Jahrhunderten zu Hause ist? Dönhoff: Natürlich spielt die Kindheit eine Rolle, für mich in besonderer Weise aber auch die Familie. Ich habe mich, als ich meine Doktorarbeit schrieb, mit der Geschichte der Familie beschäftigt. Mir ist dabei erst klar geworden, wie lange die Familie in Ostpreußen gesessen und was sie eigentlich gemacht hat. Und beim Schreiben des Buches "Namen, die keiner mehr nennt" bin ich von dem Gedanken ausgegangen, Geschichte so darzustellen, daß da eine Familie siebenhundert Jahre in einem bestimmten Gebiet gesessen hat, das mal polnisch, mal schwedisch, mal preußisch, mal russisch war. Dies war den Dönhoffs offenbar ziemlich gleichgültig, denn sie sind immer da geblieben.

Sommer: Der Standort war wichtiger als die Herrschaft?

Dönhoff: Eigentlich ja. Friedrich der Große war sehr ärgerlich über die ostpreußischen Stände, als sie der Zarin Katharina gehuldigt haben. Dies aber war andererseits sehr vernünftig, denn die Russen hatten im Siebenjährigen Krieg das Land besetzt. Man war also ganz pragmatisch.

Bucerius: Wie lange können Sie Ihre Familiengeschichte zurückverfolgen?

Dönhoff: Im 14. Jahrhundert ist der erste nach Osten gegangen, etwa 1340. Er kam von der Ruhr. Es gab dort einen Hof mit dem Namen Duhnhof. Ich bin nie dagewesen, aber den Hof gibt es, glaube ich, heute noch.