Ein Report der Internationalen Gruppe des Aspen-Instituts

Eine Gruppe von ehemaligen Staatsmännern – Premierminister, Kanzler und Minister –, die Entscheidendes für ihr Land und die Weltpolitik geleistet haben und die neben Erfahrung über genügend Zeit verfügen, um sich Gedanken über die langfristigen Probleme der Zeit zu machen, hat in mehreren Zusammenkünften darüber diskutiert, wie die Welt in 25 Jahren aussehen sollte und was heute geschehen müsse, um eben dorthin zu gelangen. Als ersten Schritt empfehlen sie, die Nato möge beschließen, a) no early first use – also keinen frühen Einsatz von Atomwaffen – b) den Verzicht beider Seiten auf die taktischen Atomwaffen, c) Priorität für ein Verbot jeglicher Antisatelliten-Waffen (ASAT). In bezug auf wirtschaftliche Probleme sollte, so meinen sie, die Normalisierung des Ost-West-Handels das wichtigste Ziel sein. Endlich müsse der Traum aufgegeben werden, daß man durch handelspolitische Abstinenz dem Osten so entscheidende Schwierigkeiten bereiten könne, daß letzten Endes das System sich ändert. Schließlich empfiehlt die Gruppe, ein "Strategie Panel" von wenigen hohen amerikanischen und sowjetischen Repräsentanten einzusetzen, nicht als Verhandlungsgremium, sondern als ständiges Forum für eine informelle Koordinierung der vielfaltigen militärischen Probleme. Die wichtigsten Verfasser des Berichts sind auf Seite 42 abgebildet.

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Die Ost-West-Beziehungen im Überblick

Alle nachdenklichen Menschen machen sich Sorgen über den gegenwärtigen Stand der Ost-West-Beziehungen. Feindseligkeit hat Hochkonjunktur; Kontakte sind spärlich; Rhetorik vernebelt Realitäten; und bei alledem wächst das Risiko für gefährliche Mißverständnisse. Die Furcht vor einer militärischen Konfrontation, die den Atomkrieg auslösen könnte, ist verbreitet; der Glaube daran, daß die politischen Führer in der Lage sind, die Ereignisse unter Kontrolle zu halten, schwindet mehr und mehr. Überdies verursacht der derzeitige Zustand militärischer Spannung, der immer raffiniertere und immer teurere Waffen erfordert, ungeheure wirtschaftliche Kosten für Ost und West und gefährdet damit ernsthaft das Weltwirtschaftssystem.

Wir erwarten nicht, daß sich der fundamentale Gegensatz zwischen Ost und West auflösen wird. Unsere Gesellschaftssysteme sind von prinzipieller Verschiedenheit. Die sowjetische Gepflogenheit, die Menschenrechte daheim und die Souveränitätsrechte anderwärts zu mißachten – wovon Afghanistan Zeugnis ablegt – nötigt den Westen zur Wachsamkeit. Wir erwarten nicht, daß sich die beiden Systeme aufeinander zubewegen, sich einander annähern. Es geht uns auch gar nicht um solche Annäherung. Das Sowjetsystem steht nicht nur im Widerspruch zu unseren Vorstellungen von Freiheit und Gerechtigkeit. Es basiert auf der Idee, daß unser System verschwinden muß und verschwinden wird. Wir aber sollten nicht mit einem Spiegelbild dieser Illusion leben: Die UdSSR wird nicht verschwinden. Sie hat unleugbare Erfolge erzielt und unübersehbare Schlappen hinnehmen müssen, aber sie befindet sich keineswegs im Zustand des Zerfalls. Sie wandelt sich, aber dieser Wandel wird sich kaum rasch vollziehen. Wir müssen davon ausgehen, daß die Sowjetunion auch weiterhin versuchen wird, ihre Einflußsphäre zu vergrößern; sie wird es zumindest solange tun, wie sie kein Risiko darin sieht.