Von Margrit Gerste

Saarbrücken, im November

Oskar Lafontaine ist "etwas unzufrieden, daß bislang nur zwei Frauen auf sicheren Listenplätzen stehen", wo doch die Wahlveranstaltungen der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) die bestbesuchten waren; wo es doch Frauen sind, die in ganz ungewöhnlich hoher Zahl der Partei beitreten; "und ich kenne da einen Fall", fährt der kleine große Vorsitzende fort, ruhig und ernst, "eine Frau wird heute gegen einen von ihr hochgeschätzten Genossen kandidieren. Unser Bekenntnis", und nun donnert es schon ein wenig auf die lieben Genossen herunter, "unser Bekenntnis zu mehr Frauen darf nicht nur auf dem Papier stehen."

"Damit ist der Genosse D. gestorben", flüstert einer. So ist es. Der verdiente Gewerkschafter, IG-Metaller und Stadtrat, in schöner Männersolidarität vom Ortsverein bis hinauf zum Landesvorstand unter dem Vorsitz des Oskar Lafontaine durchgewählt und einstimmig nominiert, wird gleich seine so gut wie sichere Zukunft als Landtagsabgeordneter verlieren. Oskar Lafontaine, den "aufgeklärten Absolutisten", wie der Saarbrücker Oberbürgermeister im Rathaus genannt wird, kostet es allenfalls jene vier Stimmen, die nein sagen zu seiner Kandidatur für den Ministerpräsidenten-Posten im bislang schwarz regierten Saarland. "Das war wieder ein Schwenk!" plustert sich einer der verschwindend wenigen Parteifeinde von Oskar, dem Raketengegner und Wachstumsverächter. "Denk an das große Ziel", beschwichtigt listig schmunzelnd ein jüngerer Gefolgsmann, "und wir brauchen die Weiber." Der andere lacht gequält.

Das große Ziel, Oskar Lafontaine markiert es ein wenig kühn in seiner Rede von Politbüro-Ausmaßen: am 10. März die absolute Mehrheit an der Saar; es wird den Fall des Niedersachsen Albrecht beschleunigen; somit ändern sich die Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat; der Machtwechsel in Bonn wird möglich. Und Oskar Lafontaine, das unorthodoxe Erfolgskind, das neben Johannes Rau auch schon mal als künftiger Kanzlerkandidat gehätschelt wird, gibt den programmatischen Ton an: "Wir brauchen eine ökologische Modernisierung der Industriegesellschaft. Der Gast Willy Brandt übernimmt diese "Formel der Wirtschaftspolitik der nächsten Jahrzehnte", "unsere Partei braucht ein ökologisches Godesberg". Einem gestandenen hohen Gewerkschaftsfunktionär scheint die Formel "doch ein wenig zu einseitig".

Doch was soll’s, der Erfolg des Oskar Lafontaine heiligt das Wohlwollen in allen Lagern von links bis rechts, zeichnet harte Töne weich. Selbstbewußt rückt ein Delegierter die Machtverhältnisse zurecht: "Die Gewerkschaften müssen wissen, daß sie auch auf Ökologie schalten müssen, wenn sie die SPD als Instrument behalten wollen." Und Lafontaine darf fordern: "Auch die Gewerkschaften müssen umdenken" – die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, das geht nicht – das Kohle- und Stahl-Land ist pleite, ein Beinahe-Notstands-Gebiet, es braucht "harte und unpopuläre Entscheidungen, soziale Härten werden nicht zu vermeiden sein". Die IG Metall bei "Saarstahl" nimmt es bestürzt zur Kenntnis.

Ein Regierungschef Lafontaine will das Wichtigste keinem Minister überlassen, sondern selber machen: die Bewältigung der Stahlkrise. Er, der ansonsten der klassischen Nationalökonomie (auch dem Marxismus) bescheinigt, sie hätte abgewirtschaftet, wird sich des Rates eines sehr erfahrenen Vertreters der klassischen Ökonomie bedienen: Professor Karl Schiller. Auch dessen "konzertierte Aktion" will er in der Staatskanzlei wiederbeleben. "Wir nennen das aber lieber ‚dreigliedrige Konferenz‘ sagt ein Gewerkschafter.