Michael Ruetz war, als in Berlin die Studentenrevolte ablief, dort einer der originellsten und fleißigsten Photographen. Wir konnten uns bei der ZEIT damals darauf verlassen: Jede Woche kamen montags oder dienstags mit der Post eine, zwei oder drei Photographien, die stets brauchbar waren, weil sie das Wesentliche zeigten.

Ziemlich plötzlich hörte er aber mit den Lieferungen auf und verkündete, er habe die Landschaft entdeckt und wolle von Berlin und der APO nichts mehr wissen. Das erste Bild nach diesem Entschluß ward in Dänemark gemacht, am Nordende, wo die Wasser sich treffen von Nord- und Ostsee. Seitdem photographiert Ruetz immer wieder Landschaften. Er tut es mit Hingabe und Hartnäckigkeit, die zu bewundern sind, wenn so hervorragende Ergebnisse dabei herauskommen wie in seinem neuesten Buch "Eye on America". Denn dieses Buch ist mit Sicherheit sein bestes, wenn nicht sogar eines der besten Photobücher überhaupt. Die Bilder bestechen durch ihre Perfektion, thematisch, technisch und kompositorisch. Zudem hat Ruetz noch eine besondere Raffinesse neuster Apparatetechnik benutzt, die Panoramakamera. Die ist zwar im Prinzip keine neue Erfindung, war aber bis jetzt nicht so perfekt zu haben. Ruetz’ Photoauge sieht Amerika als Land- und Stadtlandschaft. Es ist der klassische Blick des Europäers auf die wunderbare, auch wunderliche Wirklickeit der Neuen Welt-Teil Nord. Was Ruetz’ Bilder aber anderen Amerikaphotos voraushaben, ist die beneidenswert gute Lichtwahl. Es sind im richtigen Sinne Lichtbilder, damit die Ursprungsidee der Photographie wieder aufgreifend. Schon im letzten Buch von Ruetz über Sizilien war zu lesen, daß er, des Lichtes wegen, absichtlich dort im Winter photographiert habe. An jedem der neuen Amerikabilder ist zu sehen, daß Ruetz seine Lichtarbeit noch weiter vervollkommnet hat. Er photographiert zwar bei Tag und bei Nacht, aber die besten Bilder sind doch mit Übergangsbeleuchtung gemacht: frühmorgens und bei später Dämmerung. So vermag die Lichtregie auch etwas auszusagen: daß, je nachdem, wie man es sehen will, dieses Amerika erst am Morgen oder schon am Abend seiner Entwicklung angelangt ist. Ruetz’ Blick auf Amerika reduziert auch in anderer Hinsicht. Er zeigt einerseits das, was die Natur als Landschaft vorgeformt hat und andererseits die Werke, die die Natur des Menschen darauf errichtet hat. Natürliche und künstliche Horizonte, eine Farbensymphonie aus der Neuen Welt.

N. D.