Man möchte so viel und bekommt so wenig." Dann trägt der verheiratete Liebhaber, kommt er genau nach Terminkalender zu Besuch, "einen Blumenstrauß wie eine Keule". In dem Einfamilienhaus im schweizerischen Mittelland, wo solches sich abspielt, liegt wohlversorgt "in der Keksdose das Radio, bereit für Luftschutzalarm. Die Dose soll verhindern, daß ein NEMP-Schlag die Leiterbahnen verschmort. Anna will in ihrem Luftschutzraum vom Endalarm erfahren. Hinausklettern und die Verwüstung sehen." – "Leute wie Anna fangen sofort mit dem Wiederaufbau an."

Im neuen Roman "Muschelgarten" von Margrit Schriber ist bei der nicht mehr ganz jungen ledigen Anna deren Schwägerin auf Erholungsurlaub: die Wirtin. Sie hat keinen Namen, ist höchstens noch "Arnolds Frau" und alkoholkrank. Arnold, der Wirt, hat sie abgeschoben. Die Bar im "Löwen" macht mit der neuen, drallen Sunny Linsi mehr Umsatz. Und für den Wirt schaut dabei auch noch eine erotische Dreingabe heraus. Im Gegensatz zur Wirtin gelingt der Wirt-Schwester "alles", nur das Leben auch nicht. Die geschilderten Frauen sind Gegensätze in derselben Dimension: nicht ganz bieder, doch in "man"-Formeln denkend, in Selbstauflösung begriffen. Die eine für ihren Bruder, die andere mit ihrem Laster. Über beiden der Schatten des Wirtes, der voranmacht.

In kurzen Sätzen, Tag für Tag, Szene für Szene hält Margrit Schriber das Ungeheuerliche fest, was zwischen Durchschnittsbürgern, die sich für tapfer und senkrecht halten, geschieht, was in ihren wenigen Äußerungen zum Ausdruck kommt, vor allem aber, was sich non-verbal oder bloß in Gedanken abspielt. Gelegentlich bekommt das Frauenhaus im Grünen englische Züge: Garten- und Teestimmung, schweizerisch verkleinert und verlangsamt das Denken. Kurzprosa-Spannung, die über 240 Seiten anhält. Kein Wort zuviel. Die Repetitionen gespenstisch. Unaufhaltsam wächst mit dem Fortschritt Verfall.

Eine Geschichte, die herunterbrennt wie eine Kerze: Gebannt schaut man zu, denn man sieht sie, diese Figuren. Man versteht sie beinah, hat aber kein Mitleid mit ihnen. Da ist Schreibkunst, die über den üblichen Realismus hinauszielt. Und Spannung, die auf ein allmähliches Ende von etwas zusteuert, obwohl ordnungsgemäß alles weitergeht. Peter Burri