Von Henryk M. Broder

Kurz bevor Anfang November der Preisstopp verkündet wurde, langte jeder, der etwas zu verkaufen hatte, noch einmal zu. "Kaufen Sie die Bücher besser heute, morgen erhöhen wir die Preise um 15 Prozent", sagte der Antiquar. Der Kunde, mit den Bräuchen des Geschäftslebens in Israel nicht vertraut, staunte. "Und das machen Sie immer am Anfang eines jeden Monats?" Der Buchhändler schaute nicht einmal auf. "Am 1. und am 15., sonst können wir mit der Entwertung nicht Schritt halten."

Die Bücher bei Pollack in der King George Straße in Tel Aviv tragen statt einer Preisangabe seltsame Buchstabenkombinationen: CX, OE, RT... An den Regalpfosten sind kleine Zettel befestigt, auf denen die Buchstabencodes mit den dazugehörigen Preisen stehen. So muß Cornel Pollack nur zweimal im Monat die Zettel neu schreiben, die Bücher behalten dieselben Codes und bekommen neue Preise. Bei der Buchhandlung Landsberger in der Ben Yehuda Straße hat sich ein anderes System bewährt. Hier sind die antiquarischen Bücher gleich in DM ausgezeichnet. "Mein Weg als Deutscher und Jude" von Jacob Wassermann kostet 30,– DM, das berühmte "Philo-Lexikon" aus dem Jahre 1936 DM 50,-.

Bezahlt wird in Schekel, zum jeweiligen Tageskurs, plus 15 Prozent Mehrwertsteuer. Wir wissen dennoch nicht, ob wir Gewinn oder Verlust machen", sagt die Besitzerin, Esther Parnes, "wenn ich am Anfang des Monats tausend Schekel einnehme, und ich gebe sie nicht sofort aus, dann sind sie am Ende des Monats nur noch 800 Schekel wert." – Frau Parnes könnte ihre Einnahmen auch kurzfristig anlegen, aber die Zinsen für Festgeld liegen unter der Inflationsrate, sie hätte dann keine liquiden Mittel und müßte im Falle einer Abwertung, mit der jedermann täglich rechnet, einen großen Verlust hinnehmen.

Eine Inflation von derzeit über zwanzig Prozent monatlich – aufs Jahr umgerechnet sind das etwa 500 Prozent – macht aus jedem Gewerbetreibenden einen Glücksspieler und aus jedem Verbraucher einen Don Quichotte, der gegen die Windmühlen der ständigen Preissteigerung kämpft, natürlich vergeblich. Daß die Gewerkschaften nunmehr zweiwöchentliche (statt monatliche) Lohnzahlungen eingeführt wissen möchten, daß die Kreditkarten-Organisationen die bargeldlosen Einkäufe dreimal statt wie bisher zweimal (und noch vor kurzem nur einmal) im Monat abrechnen wollen, daß die Bank-Computer, die auf Beträge mit bis zu 15 Stellen eingerichtet sind, an die Grenzen ihrer rechnerischen Kapazität stoßen – dies alles sind äußere Zeichen einer Entwicklung, die sich im Leben eines jeden einzelnen Bürgers stärker bemerkbar macht als der notorische "israelischarabische Konflikt", der inzwischen im allgemeinen Bewußtsein auf Platz zwei hinter die Inflation zurückgefallen ist.

Zum Beispiel: Was macht ein Lohn- oder Gehaltsempfänger mit seinem Einkommen, das ihm am Anfang des Monats ausbezahlt wird, wenn er es vor Wertverlust bis zum Ende des Monats sichern will? Er kann zwischen zwei Möglichkeiten wählen: das Geld sofort in Waren anlegen, der nächsten Preiserhöhung zuvorkommen, die Tiefkühltruhe, die Speisekammer und den Tank auffüllen. Oder er kann auf den Schwarzmarkt rennen (ZEIT Nr. 45), das ganze Geld in Dollar umtauschen, um dann, im Laufe des Monats, nach und nach die Dollars wieder in Schekel zu wechseln, wobei er davon ausgeht, daß durch den ständigen Kursanstieg des Dollar die Differenz zwischen An- und Verkaufspreisen wieder wettgemacht wird, er also keinen Verlust durch den Hin- und Herkauf erleidet. So kommt dem Schwarzmarkt in Israel eine geldwerterhaltende Funktion zu, weswegen die Schwarzmarkt-Dollarkurse fast täglich in den Zeitungen und auch im Radio bekanntgegeben werden.

Zum Beispiel: Was macht der Produzent einer Ware, der seinen Abnehmern sechzig Tage Zahlungsziel einräumen muß, bei 20 bis 25 Prozent monatlicher Inflation? Um nicht knapp die Hälfte seiner Einnahmen zu verlieren, muß er die Inflation gleich in den Preis einbauen. Er berechnet also statt der, sagen wir, an sich fälligen 1000 Schekel von vornherein 1500,- bis 1600,-; bekommt er den Betrag nach sechzig Tagen bezahlt, hat er in realem Wert so viel erhalten, als wenn er gleich tausend Schekel bekommen hätte.