Von Klaus Pokatzky

Das Auto vom Herrn Baustadtrat steht auf einem reservierten Parkplatz hinterm Rathaus, in der mit einer Lichtschranke abgeteilten Ecke für Stadträte und den Bürgermeister.

Weil Werner Orlowsky aber doch ein alternativer Politiker ist, muß er auf dem Weg dahin erst mal etwas richtigstellen. Er würde seinen alten Audi ("der Vergaser ist immer so eingestellt, daß die Umweltbelastung möglichst gering ist, darauf achte ich") ja viel lieber vorn abstellen, ohne Reservierung auf dem Parkplatz der Angestellten. Aber davon haben ihn die sozialdemokratischen Kollegen Bezirksstadträte abgehalten: der ihm zustehende Platz würde dann ja doch freigehalten, und vorne würde er nur einem anderen Autofahrer die Stellfläche blockieren. Das ist so die normative Kraft des Bürokratisehen, die auch dem alternativen Politiker die Privilegien aufzwingt.

Die nächste Erklärung ist fällig, als er die Tür aufschließt. Vor dem Beifahrersitz gammelt nämlich eine bräunliche Bananenschale vor sich hin, und daneben liegen die Reste einer Schokoladentafel. Da Werner Orlowsky ein bürgerlicher Mensch ist, stellt er nun richtig, daß das Auto am Wochenende von seiner zweiten Tochter benutzt wurde, die als medizinisch-technische Assistentin im Januar für einige Monate nach Nicaragua gehen wird und jetzt deswegen zu einem Vorbereitungstreffen nach Braunschweig fahren mußte: "Und dann sieht das eben hinterher immer so aus."

Das Büro des Baustadtrats für den Berliner Bezirk Kreuzberg sieht natürlich anders aus. Der Chef von 450 Mitarbeitern in den Abteilungen Stadtplanung, Bau- und Wohnungsaufsicht, Hochbauamt, Gartenbau, Tiefbauamt sitzt in einer nüchternen Amtsstube hinter aktenbeladenem Schreibtisch und verbreitet dort die emsige Betriebsamkeit des höheren Beamten mit Vorzimmersekretärin.

Aus dem Rahmen fällt vielleicht der Wandspruch "Lieber selbstverwaltet wohnen als fremdverwaltet verfallen"; ganz gewiß aber das anonyme Schreiben aus seinen ersten Tagen im Amt, das er sich an den Schrank gepinnt hat: "Verfluchter Drogistenarsch, Du Miststück aus dem Tante-Emma-Laden ... Du alter Mistknochen, verschwinde aus dem Rathaus, bevor eine Bombe Deinen fetten Arsch zerreißt."

Aus dem Rathaus ist er natürlich nicht verschwunden, dazu gefällt es ihm nach mehr als dreijähriger Amtszeit dort viel zu gut. Eine Bombe hat er auch noch nicht ins Haus geschickt bekommen; aber kürzlich stieg er nach einer Versammlung in einer Kirchengemeinde spätabends um halb elf und bei Nieselregen in sein Auto, und als er, bei laufendem Motor, noch mal rauskletterte, um die Windschutzscheibe zu säubern, standen auf einmal zwei Gestalten vor ihm und er spürte eine Faust in seinem Gesicht. "Du Kommunistenschwein" hörte er noch, bevor er in den Audi sprang, die Tür hinter sich zuschlug und Gas gab. Ihm blieb ein blaues Auge.

Ein aus dem Rahmen des gewohnten fallender Politikmacher, einer, der die Menschen auf der Straße von Anfang an polarisiert hat. Für die Mieterinitiativen, die Hausbesetzer und die Alternativen war er, heute 56 Jahre alt, jahrelang der Vorzeigebürger: der "Betroffenenvertreter" der Gewerbetreibenden im kaputtsanierten Problemgebiet Kottbusser Tor. Tagsüber stand er hinterm Ladentisch seiner kleinen Drogerie und verkaufte Rasierwasser, Seife und Waschpulver; abends agierte er beredsam und unermüdlich gegen die Wohnungsbaukonzerne und Senatsverwaltungen.

Als die Alternative Liste 1981 im Bezirk Kreuzberg auf 14 Prozent kam und damit sieben der 45 Sitze der Bezirksverordnetenversammlung errang, durfte sie in der paritätisch besetzten siebenköpfigen Bezirksamts-Leitung einen Dezernentenposten beanspruchen. Mit Hilfe der in Kreuzberg reichlich linken Sozialdemokraten wurde der parteilose Mieteraktivist Orlowsky so auf dem AL-Ticket ausgerechnet oberster Bauverwalter in Berlins baulich schwierigstem Bezirk.

Das war für einige natürlich eine herbe Angelegenheit. "Pfui" und "Chaotenhäuptling" gröhlten alkoholisierte Männer in Schlips und Anzug von der Tribüne, als ihn die Bezirksversammlung wählte. Das waren seine zukünftigen Untergebenen. Sie sind inzwischen ernüchtert. Und auch wenn CDU- und SPD-Vertreter heute immer noch gelegentlich mäkeln, organisatorisch könne der Mann durchaus noch was lernen, so hat er doch gute Chancen, auch nach den Wahlen vom 10. März für vier weitere Jahre im Amt zu bleiben.

Die AL zumindest, für die sich Orlowsky in Kreuzberg "zwischen 20 und 25 Prozent" ausmalt, hat bei ihm als einzigem die Rotation aufgehoben und geht mit ihm als Zugpferd in den Wahlkampf.

Wenn man sich mal überlegt, welche eingeschränkten Kompetenzen ein Bezirksstadtrat überhaupt hat, dessen Weisungen und Anordnungen schließlich jederzeit vom übergeordneten Senator kassiert werden können, dann hat er ja auch einiges geleistet für sein Kreuzberg. Eher atmosphärisch ins Gewicht fallen die fünf Bänke, die er für die früher immer im U-Bahnschacht herumlungernden Punks am Kottbusser Tor hat aufstellen lassen – "und einen Müllcontainer, damit die da ihren Abfall reinwerfen können".

Wichtiger schon ist seine beharrliche Unterstützung der Internationalen Bauausstellung IBA, mit der er in einigen Kreuzberger Sanierungsgebieten gänzlich ungewohnte Formen der Bürgerbeteiligung ausprobieren konnte.

Da wird nun nicht nur das praktiziert, was er so gerne und ein paar Dutzend Mal am Tag "behutsame Stadterneuerung" nennt, Bewahrung erhaltenswerter Bausubstanz, bedächtige Änderungen ohne die große Abrißbirne also. Sondern da gibt es nun auch "Erneuerungskommissionen", in denen die Mieter Sitz und Stimme haben und an deren Beschlüssen sich die Ausschüsse der Bezirksversammlung orientieren – mittlerweile in einem solchen Maße, daß auch die CDU-Vertreter schon immer fragen: "Hat sich die Erneuerungskommission denn dazu schon geäußert?"

Sein Lieblingskind ist dabei, Schule zu machen. Auch in angrenzenden Bezirken fangen Bürger an, sehr zum Leidwesen der anderen Parteien, eine solche "Betroffenenbeteiligung" zu begehren.

Natürlich hat er eine wichtige Vermitt-, lerrolle gespielt, wenn es darum ging, die besetzten Häuser Kreuzbergs zu legalisieren, hat auch Bauvorhaben, die ihm nicht ins Konzept der behutsamen Stadterneuerung paßten, hinhalten und hinauszögern, dabei letztlich manche seiner Forderungen durchsetzen können. Aber das alles eben immer nur in dem Maße, das ihm die übergeordnete Behörde in Person des Bausenators zugestand und das alles nur im Rahmen der nach wie vor real existierenden freiheitlich-baulichen Wirtschaftsordnung.

Da unter seinen Augen und völlig legal, wenn auch weniger offen brutal als in der Vergangenheit, nach wie vor weiter spekuliert wird, da westdeutsche Abschreibungsgesellschaften wie ehedem auf Kosten des Steuerzahlers und bei geringer Eigenbeteiligung ihre Profite einheimsen, ist er eher noch ein entschiedenerer Verfechter dafür geworden, daß Grund und Boden kommunalisiert, daß der Wohnungsbau mit gemeindeeigenen Genossenschaften betrieben wird.

Darüber doziert er lang und breit, wie er über jedes Thema lang und breit dozieren kann – mit einer Redseligkeit, die zwar druckreif ist, aber auch etwas Ermüdendes an sich hat. Da wird der einstige Geschichtsstudent sichtbar, der schon an seiner Doktorarbeit über den spanischen Bürgerkrieg saß und diese dann aufgab, als ein amerikanischer Historiker zum selben Thema schneller war als er.

Da wird aber auch der Mann hörbar, der jahrelang Windeln und Parfüm verkauft hat, um seine Familie zu ernähren, und dabei immer sicher war, es besser zu wissen und zur Not auch besser zu machen als die meisten dieser Politiker da oben. Der dann als Aktivist unter vornehmlich jungen Leuten von den Behörden abgewimmelt, weggeschoben, zum Bittsteller degradiert wurde und der nun so einiges nachholen kann, wovon er lange träumen mußte.

Nicht mehr als der popelige Drogist, sondern als "Bezirksstadtrat für das Bauwesen, Kreuzberg" schickt Werner Orlowsky an den Präsidenten und die Mitglieder des Abgeordnetenhauses, an den Regierenden Bürgermeister und die Mitglieder des Senats einen vierseitigen offenen Brief, in dem er die Freilassung der inhaftierten Journalisten Benny Härlin und Michael Klöckner verlangt – in passagenweise etwas eitlen Formulierungen immer mit diesem heute reichlich schwülstig wirkenden Pathos des Zola’schen "J’accuse".

Diese breite massige Gestalt hat etwas Barock-Alternatives an sich. Da ist die Lust, die einer hat, der sozusagen sein drittes Leben fand und eine neue Jugend, und der nun an einem Schalthebelchen der Macht sitzt – der es auch genießt, wenn die Berliner Staatsanwaltschaft gegen ihn "wegen des Verdachts einer Untreue oder eines Betruges" ermittelt, weil er dem einsitzenden Benny Härlin auf einem Briefbogen des Bezirksamts und von diesem frankiert, einen privaten Brief ins Gefängnis geschrieben hat. Um genau 1,24 Mark ging es dabei, und die Geschichte, die im letzten Jahr spielte, erzählt er heute noch gern – schließlich hat ihm später ja auch der Justizsenator persönlich in der Lobby des Abgeordnetenhauses gesagt: "Ich hab’ verfügt, daß der Quatsch eingestellt wird."

Früher, als es die Grün-Alternativen noch nicht gab, sind Leute wie er als die ewigen Querulanten abgestempelt und abgeschrieben worden, die nichts anderes im Sinne haben, als sich aufzuspielen und den Behörden die Arbeit zu erschweren. Heute bekleidet einer wie er politisches Mandat und amtliche Funktion. Vielleicht ist Werner Orlowsky, der alternativ Barocke, damit ja auch Typus einer neuen politischen Kultur.

"Er ist ins Wasser gesprungen, obwohl er gar nicht wußte, ob da überhaupt Wasser drin ist", sagt der Soziologe Volker Härtig, der Orlowsky noch aus den Mieter-Initiativzeiten kennt und demnächst für die AL in die Bezirksverordnetenversammlung einziehen wird. Früher störte Härtig an dem ein Vierteljahrhundert Älteren "so ’ne gewisse Schwatzhaftigkeit und das Eigenbrötlerische" – "aber wie er da Schwimmen gelernt hat, welchen Durchblick der heute hat und welches Durchsetzungsvermögen, wie der auch bei konservativen CDU-Wählern ankommt: Respekt".

Das "Kreuzberger Modell", wie er die im großen und ganzen funktionierende Zusammenarbeit zwischen Alternativen und Sozialdemokraten nennt, sieht Orlowsky nur in beschränktem Maße als übertragbar an. Zwar demonstriert er, der sich zwar sehr an die AL angenähert hat, ihr aber immer noch nicht formal beigetreten ist, alternative Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und darin Kontinuität zu wahren: "Aber so geht das auch nur da, wo die SPD nicht völlig rechts ist, sondern reif genug zur Kooperation mit uns."