Sein Lieblingskind ist dabei, Schule zu machen. Auch in angrenzenden Bezirken fangen Bürger an, sehr zum Leidwesen der anderen Parteien, eine solche "Betroffenenbeteiligung" zu begehren.

Natürlich hat er eine wichtige Vermitt-, lerrolle gespielt, wenn es darum ging, die besetzten Häuser Kreuzbergs zu legalisieren, hat auch Bauvorhaben, die ihm nicht ins Konzept der behutsamen Stadterneuerung paßten, hinhalten und hinauszögern, dabei letztlich manche seiner Forderungen durchsetzen können. Aber das alles eben immer nur in dem Maße, das ihm die übergeordnete Behörde in Person des Bausenators zugestand und das alles nur im Rahmen der nach wie vor real existierenden freiheitlich-baulichen Wirtschaftsordnung.

Da unter seinen Augen und völlig legal, wenn auch weniger offen brutal als in der Vergangenheit, nach wie vor weiter spekuliert wird, da westdeutsche Abschreibungsgesellschaften wie ehedem auf Kosten des Steuerzahlers und bei geringer Eigenbeteiligung ihre Profite einheimsen, ist er eher noch ein entschiedenerer Verfechter dafür geworden, daß Grund und Boden kommunalisiert, daß der Wohnungsbau mit gemeindeeigenen Genossenschaften betrieben wird.

Darüber doziert er lang und breit, wie er über jedes Thema lang und breit dozieren kann – mit einer Redseligkeit, die zwar druckreif ist, aber auch etwas Ermüdendes an sich hat. Da wird der einstige Geschichtsstudent sichtbar, der schon an seiner Doktorarbeit über den spanischen Bürgerkrieg saß und diese dann aufgab, als ein amerikanischer Historiker zum selben Thema schneller war als er.

Da wird aber auch der Mann hörbar, der jahrelang Windeln und Parfüm verkauft hat, um seine Familie zu ernähren, und dabei immer sicher war, es besser zu wissen und zur Not auch besser zu machen als die meisten dieser Politiker da oben. Der dann als Aktivist unter vornehmlich jungen Leuten von den Behörden abgewimmelt, weggeschoben, zum Bittsteller degradiert wurde und der nun so einiges nachholen kann, wovon er lange träumen mußte.

Nicht mehr als der popelige Drogist, sondern als "Bezirksstadtrat für das Bauwesen, Kreuzberg" schickt Werner Orlowsky an den Präsidenten und die Mitglieder des Abgeordnetenhauses, an den Regierenden Bürgermeister und die Mitglieder des Senats einen vierseitigen offenen Brief, in dem er die Freilassung der inhaftierten Journalisten Benny Härlin und Michael Klöckner verlangt – in passagenweise etwas eitlen Formulierungen immer mit diesem heute reichlich schwülstig wirkenden Pathos des Zola’schen "J’accuse".

Diese breite massige Gestalt hat etwas Barock-Alternatives an sich. Da ist die Lust, die einer hat, der sozusagen sein drittes Leben fand und eine neue Jugend, und der nun an einem Schalthebelchen der Macht sitzt – der es auch genießt, wenn die Berliner Staatsanwaltschaft gegen ihn "wegen des Verdachts einer Untreue oder eines Betruges" ermittelt, weil er dem einsitzenden Benny Härlin auf einem Briefbogen des Bezirksamts und von diesem frankiert, einen privaten Brief ins Gefängnis geschrieben hat. Um genau 1,24 Mark ging es dabei, und die Geschichte, die im letzten Jahr spielte, erzählt er heute noch gern – schließlich hat ihm später ja auch der Justizsenator persönlich in der Lobby des Abgeordnetenhauses gesagt: "Ich hab’ verfügt, daß der Quatsch eingestellt wird."