Immer noch keine Klarheit über die Folgen des Spionagefalls beim Tornado-Hersteller: Hat Manfred Rotsch soviel verraten, daß das Kampfflugzeug jetzt nichts mehr wert ist?

Für den Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Alfred Biehle, stand es schon letzte Woche fest: „Das Kampfflugzeug Tornado ist kein Wegwerfflugzeug geworden.“ Ob der als KGB-Spion enttarnte Mitarbeiter von Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) in München, Manfred Rotsch, tatsächlich nichts verraten hat, was den Tornado für den Einsatz unbrauchbar macht, steht allerdings noch dahin. Zweifel sind jedenfalls angebracht.

Nach 22 schon gehörten Zeugen muß der Ausschuß noch weitere 60 vernehmen. Das zum einen. Zum anderen: Die Tatsache, daß Rotsch wie ein Buch plaudert – sein Vernehmungsprotokoll umfaßt bereits über 300 Schreibmaschinenseiten – ist noch kein Beweis dafür, daß Bonn nun auch schon alles weiß, was Rotsch an den Osten verraten hat. Bislang plauderte der KGB-Spion nämlich nur über seine zivile Spionagetätigkeit. Über den möglichen und wahrscheinlichen Verrat von Militärgeheimnissen hat Rotsch noch kein einziges Wort gesagt. Das ist nicht weiter verwunderlich: Während das Strafgesetzbuch für die unbefugte Offenbarung von Betriebsgeheimnissen höchstens zwei Jahre Gefängnis vorsieht, kann der Verrat von Staatsgeheimnissen bis zu zehn Jahre kosten.

Rotsch besaß Material über brisante Neuheiten aus dem Militärbereich. Offiziell heißt es zwar, Rotsch habe nicht zum Schlüsselpersonal seines Unternehmens gehört. Warum aber stand der Spion dann im Rang eines Abteilungsleiters? Wenn Bonn den Fall Rotsch vorerst eher vernebelt als erhellt, dann wohl nur, um die östliche Gegenseite im unklaren darüber zu lassen, wieweit ihr Münchner Spitzenmann sich und seine Tätigkeit offenbart hat.

Im Zusammenhang mit der Festnahme von Rotsch und den anschließenden Ermittlungen stellte sich heraus, daß die Sicherheitsüberprüfungen der Mitarbeiter in der Privatwirtschaft, die an Militärprojekten mitarbeiten, außerordentlich ungenügend sind. Rotsch selbst war seit 16 Jahren nicht mehr überprüft worden. Er ist damit kein Einzelfall. Derzeit sind etwa 20 000 Sicherheitsüberprüfungen überfällig.

Manfred Rotsch stammt aus der DDR. 1954 wechselte er in die Bundesrepublik und war zunächst bei der Firma Junkers tätig. Nach der Fusion von Junkers mit MBB machte Rotsch dann in dem Münchner Unternehmen Karriere. Seine Verpflichtung für das KGB verdankt er einer unbedachten Äußerung: Einem Bekannten gegenüber soll Rotsch, noch Bürger der DDR, geäußert haben, er werde nun in den Westen gehen, weil es ihm im Arbeiter-und-Bauernstaat nicht mehr gefalle. Daraufhin habe der für das KGB tätige Bekannte ihn vor die Wahl gestellt: Strafverfahren nach DDR-Recht oder aber Verpflichtung für das KGB bei gleichzeitiger Ausreiseerlaubnis. Rotsch entschied sich für den Westen und die sowjetischen Geheimdienstler, die ihn lange Jahre als „Schläfer“ behandelten. Aufgeweckt wurde Moskaus Mann in München offenbar erst, als er auch etwas zu bieten hatte.

Wolfgang Hoffmann