Von Yagmur Atsiz, Karl-Heinz Janßen und Kathrin Kramer

Die Ampel steht auf Rot. An der Kreuzung beim Schottentor in der Wiener Innenstadt hält ein roter Mercedes 230 E. Um 9.21 Uhr springt ein junger Mann an die Tür neben dem Fahrersitz. Er zieht eine 9-mm-Pistole und schießt mit sicherer Hand durch die Scheibe. Alle sechs Schüsse treffen. Tot sinkt der 52jährige türkische UN-Diplomat Evner Ergun hinter dem Lenkrad zusammen. Ehe der junge Täter, angetan mit Jeansanzug, dunkelblauer Rollhaube und dunkler Brille, im dichten Menschengewühl untertaucht, wirft er noch ein weißes Tuch über das blutüberströmte Gesicht seines Opfers. Darauf hat er säuberlich die Großbuchstaben "ARA" gemalt, das Zeichen der "Armenischen Revolutionären Armee".

So geschehen am Montag vorletzter Woche in Wien. Wenig später meldet sich ein anonymer Bekenner bei der Nachrichtenagentur AP: "Wir werden die Anschläge gegen Vertreter des kriminellen türkischen’ Staates innerhalb und außerhalb der Türkei fortsetzen."

Zugeschlagen haben armenische Terroristen allein in Wien nun schon zum drittenmal. Am 22. Oktober 1975 erschoß ein Killerkommando den türkischen Botschafter Danis Tunaligil an seinem Schreibtisch. Am 20. Juni dieses Jahres wurde der türkische Botschaftsattache Erdogan Özen, angeblich einer der vier stellvertretenden Geheimdienstchefs in Ankara, durch eine Autobombe getötet.

Die Mordserie begann im Jahre 1973. Seither haben armenische Terrorgruppen – es gibt deren mindestens zwei – in verschiedenen westlichen Metropolen und auch in Teheran 31 türkische Diplomaten umgebracht und mehrere so schwer verletzt, daß sie den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen müssen.

Bei insgesamt 185 "Kommandounternehmen" wurden vierzig Türken und neun Nicht-Türken getötet, 215 Personen verwundet. Der Sachschaden beläuft sich auf mehrere Millionen Dollar. Manchmal richten sich die Terroraktionen auch gegen andere Länder – so in den letzten Jahren besonders gegen Frankreich –, um sie für ihre "freundliche" Haltung gegen die Türkei zu "bestrafen". Die spektakulärsten Verbrechen:

  • 7. August 1982: Feuerüberfall in der Abfertigungshalle des Flughafens Ankara: elf Tote, 63 Verletzte;
  • 15. Juli 1983: Bombenanschlag auf dem Pariser Flughafen Orly vor dem Abfertigungsschalter der "Turkish Airlines": sieben Tote, 68 Verletzte;
  • 28. Juli 1983: Ein Kommando stürmt die türkische Botschaft in Lissabon und tötet die Frau des Geschäftsträgers. Fünf Terroristen sprengen sich mit der Residenz in die Luft.