Von Yagmur Atsiz, Karl-Heinz Janßen und Kathrin Kramer

Die Ampel steht auf Rot. An der Kreuzung beim Schottentor in der Wiener Innenstadt hält ein roter Mercedes 230 E. Um 9.21 Uhr springt ein junger Mann an die Tür neben dem Fahrersitz. Er zieht eine 9-mm-Pistole und schießt mit sicherer Hand durch die Scheibe. Alle sechs Schüsse treffen. Tot sinkt der 52jährige türkische UN-Diplomat Evner Ergun hinter dem Lenkrad zusammen. Ehe der junge Täter, angetan mit Jeansanzug, dunkelblauer Rollhaube und dunkler Brille, im dichten Menschengewühl untertaucht, wirft er noch ein weißes Tuch über das blutüberströmte Gesicht seines Opfers. Darauf hat er säuberlich die Großbuchstaben „ARA“ gemalt, das Zeichen der „Armenischen Revolutionären Armee“.

So geschehen am Montag vorletzter Woche in Wien. Wenig später meldet sich ein anonymer Bekenner bei der Nachrichtenagentur AP: „Wir werden die Anschläge gegen Vertreter des kriminellen türkischen’ Staates innerhalb und außerhalb der Türkei fortsetzen.“

Zugeschlagen haben armenische Terroristen allein in Wien nun schon zum drittenmal. Am 22. Oktober 1975 erschoß ein Killerkommando den türkischen Botschafter Danis Tunaligil an seinem Schreibtisch. Am 20. Juni dieses Jahres wurde der türkische Botschaftsattache Erdogan Özen, angeblich einer der vier stellvertretenden Geheimdienstchefs in Ankara, durch eine Autobombe getötet.

Die Mordserie begann im Jahre 1973. Seither haben armenische Terrorgruppen – es gibt deren mindestens zwei – in verschiedenen westlichen Metropolen und auch in Teheran 31 türkische Diplomaten umgebracht und mehrere so schwer verletzt, daß sie den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen müssen.

Bei insgesamt 185 „Kommandounternehmen“ wurden vierzig Türken und neun Nicht-Türken getötet, 215 Personen verwundet. Der Sachschaden beläuft sich auf mehrere Millionen Dollar. Manchmal richten sich die Terroraktionen auch gegen andere Länder – so in den letzten Jahren besonders gegen Frankreich –, um sie für ihre „freundliche“ Haltung gegen die Türkei zu „bestrafen“. Die spektakulärsten Verbrechen:

  • 7. August 1982: Feuerüberfall in der Abfertigungshalle des Flughafens Ankara: elf Tote, 63 Verletzte;
  • 15. Juli 1983: Bombenanschlag auf dem Pariser Flughafen Orly vor dem Abfertigungsschalter der „Turkish Airlines“: sieben Tote, 68 Verletzte;
  • 28. Juli 1983: Ein Kommando stürmt die türkische Botschaft in Lissabon und tötet die Frau des Geschäftsträgers. Fünf Terroristen sprengen sich mit der Residenz in die Luft.

Jedesmal erklärten die Terrororganisationen hinterher, sie wollten jenen Völkermord rächen, den die Türkei im Jahre 1915 und danach an der armenischen Minderheit begangen habe. Wollte man die Logik der armenischen Terroristen, für das Verbrechen einer Generation die übernächste zu bestrafen, konsequent zu Ende verfolgen, müßte man hierzulande auch Verständnis für eine „Jüdische Geheimarmee“ haben, die aus ähnlichen Gründen im Jahre 1999 anfinge, deutsche Diplomaten zu jagen und zu killen. Auf dieses Argument antworten die armenischen Propagandisten, die Deutschen – wohlerzogen, wie sie sind – hätten sich hinterher für den Holocaust an den Juden entschuldigt, nicht aber die „barbarischen“ Türken für ihren systematischen „Völkermord“.

Unzweifelhaft haben die armenischen Terroristen durch ihre „Propaganda der Tat“ mit Pistolen und Bomben „die armenische Frage“ der westlichen Welt ins Bewußtsein gehämmert, nachdem sie länger als ein halbes Jahrhundert dem Vergessen anheimgefallen war. Die Menschheit wird sich, wohl oder übel, mit den politischen Zielen, den traumatischen Erlebnissen und den unerfüllten Sehnsüchten der Armenier auseinanderzusetzen haben. Das gilt nicht zuletzt für uns Deutsche, deren Geschichte auf unheimliche Weise mit dem tragischen Schicksal des armenischen Volkes verflochten ist. „Ein wilder Wurm, der in die Steppe kroch, von Männern, Weibern, die in Fesseln gingen. Wo sich der Wüste bodenloses Land mit Schrecken auftat: Tier und Mensch zu schlingen.“ Armin T. Wegner, „Meskené am Euphrat, Oktober 1916 im Angesicht der armenischen Deportation“

Der Vorsitzende des Berliner Schwurgerichts unterbrach die Aussage der Zeugin: „Ist das alles wirklich wahr? Ist das nicht Phantasie?“ – „Noch viel weniger als die Wirklichkeit“, antwortete sie, „es war viel schlimmer.“ Christine Tersibaschijan, 26 Jahre alt, war an diesem 2. Juni 1921 von der Verteidigung aufgeboten worden, um die Tat des angeklagten armenischen Studenten Soromon Tehlerjan begreiflich zu machen. Der junge Mann hatte am 15. März 1921 in Charlottenburg auf offener Straße den ehemaligen türkischen Innenminister und Großwesir Talat Pascha erschossen – aus Rache für 1915. Bei einem der Elendszüge hatte er Eltern und Geschwister verloren und mitansehen müssen, wie seinem Bruder mit einem Beil der Schädel gespalten wurde. Er selber, ebenfalls niedergeschlagen, war von Kurden gerettet worden. Vor Gericht erklärte er, kein „Menschenmörder“ zu sein, denn sein Volk betrachte Talat als „menschenähnliches Ungeheuer“. Er wurde freigesprochen.

Noch Grauenhafteres als der Student hatte die Zeugin bei der Deportation aus der Stadt Erzurum erlebt. Von 21 Familienmitgliedern waren nur drei übrig geblieben. Ihr selber entriß man das Kind. Dabei hatte zunächst alles eher ordentlich und gar nicht so bedrohlich angefangen. Die reiche Familie Tersibaschijan war sogar frühzeitig vom Wali (Gouverneur) informiert worden, daß wegen der Nähe der russischen Front die Kriegszone von allen christlichen Armeniern geräumt werden müsse. Die Familien durften für die lange Reise über Hunderte von Kilometern nach Mesopotamien Ochsenkarren ausrüsten, Proviant und Geld mitnehmen. Nach dem Krieg würden sie in ihre Häuser zurückkehren dürfen.

Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Schon vor den Toren der Stadt wurden die Trecks von kurdischen Banden, von Soldateska und anderem Gesindel überfallen und ausgeraubt. Vor allem auf Gold und Schmuck hätten es die Räuber abgesehen. Dreihundert junge Männer wurden ausgesucht, zu zweit aneinandergebunden und in einen reißenden Fluß geworfen. Später wurden die schönsten Frauen und Mädchen vergewaltigt oder entführt; wer sich sträubte, wurde mit dem Bajonett aufgespießt Schwangeren Frauen riß man die Kinder aus dem Leib.

„Die Berichte, welche nichtarmenische Zeugen aus dem Innern bringen, sind so entsetzlich, daß man sie nicht niederschreiben kann“, heißt es 1916 in einer Denkschrift des deutschen Zentrumsabgeordneten Matthias Erzberger an die türkische Regierung. Einer, der sein Leben lang nicht die Schreckensbilder loswurde, war der expressionistische Dichter Armin T. Wegner, der sich damals, dreißigjährig, freiwillig als Sanitätssoldat in die Türkei gemeldet hatte. Nach dem Krieg hat er in einem Brief an den amerikanischen Präsidenten Wilson Zeugnis abgelegt, wie die Armenier starben: „Von Kurden erschlagen, von Feldjägern beraubt, erschossen, erhängt, vergiftet, erdolcht, erdrosselt, von Seuchen verzehrt, ertränkt, erfroren, verdurstet, verhungert, verfault, von Schakalen angefressen. Kinder weinten sich in den Tod, Männer zerschmetterten sich an den Felsen, Mütter warfen ihre Kleinen in die Brunnen, Schwangere stürzten sich, die Hände aneinandergebunden, mit Gesang in den Euphrat.“

Später schlich sich Wegner heimlich in die Elendslager am Rande der Wüste, wo man die wenigen Überlebenden der Trecks erbärmlich dahinvegetieren ließ: „Ich habe Wahnsinnige gesehen, die den Auswurf ihres Leibes als Speise verzehrten, bin Frauen begegnet, die den Leib ihres neugeborenen Kindes gekocht hatten, Mädchen, welche die noch warme Leiche ihrer Mutter sezierten, um das aus Furcht vor den räuberischen Gendarmen verschluckte Gold aus den Därmen der Toten zu suchen.

Von anderer Art waren die Erinnerungen der Krankenschwestern Thora von Wedel-Jarlsberg und Eva Elvers, die den großen Treck von Berg zu Tal beobachteten: „Einige wenige Männer samt Frauen und einer Menge Kindern, viele davon mit hellem Haar und blauen Augen, die uns so todernst und mit solch unbewußter Hoheit anblickten, als wären sie schon Engel des Gerichts. In lautloser Stille zogen sie dahin ...“

Das alles übersetzt in die nüchterne Sprache des deutschen Botschafters Freiherr von Wangenheim am 7. Juli 1915 (nachdem die Austreibung der Armenier auch auf nicht vom Feind bedrohte Landesteile ausgedehnt worden war), hörte sich so an: „Dieser Umstand und die Art, wie die Umsiedelung durchgeführt wird, zeigen, daß die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reich zu vernichten.“

Das armenische Volk ist eines der unglücklichsten auf der Erde. Nach einer alten Überlieferung stammt es von Noah ab, der mit seiner Arche auf dem Berge Ararat gelandet sein soll. Tatsächlich sind die Vorfahren der Armenier wohl im 8. Jahrhundert vor Christi, aus den Steppen Rußlands und an der Donau kommend, in das Hochland zwischen dem Ostrand des Schwarzen Meeres und den Südhängen des Kaukasus eingewandert. Als eigenes Königreich hat sich Armenien das Mittelalter hindurch in diesem Bergland, durch das so viele Eroberer mit ihren Heeren gezogen sind, behaupten können, freilich nur mit Duldung der übermächtigen Nachbarn Byzanz und Persien.

Dann erlag es den Anstürmen der Mongolen und der Türken. Tausende von Armeniern zerstreuten sich, wie einst die Juden nach der Zerstörung Jerusalems, in alle Winde. Die Daheimgebliebenen aber widerstanden unter der Führung Medien in letzter Zeit an die Zahl 1,5 Millionen, mit steigender Tendenz. Auch die deutschen Freunde der Armenier nehmen es da nicht so genau. In einer Publikation der Gesellschaft für bedrohte Völker wurde 1980 behauptet, zwischen 1894 und 1922 hätten die Türken 2,6 Millionen Armenier ermordet; im gleichen Heft kommt aber ein armenischer Publizist für den gleichen Zeitraum auf nur zwei Millionen.

Nach den (nicht sehr zuverlässigen) offiziellen osmanischen Statistiken gab es 1914, also ein Jahr vor den Deportationen, im gesamten Reich einschließlich der europäischen Provinzen und Istanbuls 1 294 851 Armenier (6,9 % der Gesamtbevölkerung). Das armenische Patriarchat, das 1878 beim Berliner Kongreß drei Millionen angegeben hatte, sprach nunmehr von 1 780 000 Armeniern, während die „Encyclopedia Britannica“ (1910) von 1,5 Millionen ausging. In der 1953er Ausgabe der „EB“ wird die Zahl der türkischen Armenier allerdings mit 2 500 550 angegeben. Grund: in der Ausgabe von 1910 war der Autor ein Engländer, in der von 1953 ein Armenier.

Der armenische Patriarch von Istanbul teilte 1921 den britischen Besatzungsbehörden mit, daß in diesem Jahr innerhalb der Vorkriegsgrenzen des Osmanischen Reiches noch 625 000 Armenier lebten. Fridtjof Nansen, der Flüchtlingskommissar des Völkerbundes, gab in seinem Bericht an, zwischen 1914 und März 1921 seien etwa 420 000 türkische Armenier nach Rußland oder nach Russisch-Armenien geflohen. Das macht ohne die bereits in die Vereinigten Staaten, nach Kanada oder Frankreich Ausgewanderten 1 045 000 lebende Armenier.

Geringere Zahlen veranschlagte 1919 der Leiter der armenischen Friedensdelegation bei der Pariser Friedenskonferenz, Bogos Nubar Pascha. Er bezifferte die Zahl der Deportierten auf sechs- bis siebenhunderttausend. (Nach Angaben des türkischen Innenministeriums wurden von Mai 1915 bis Oktober 1916 insgesamt 702 900 deportiert.) Von ihnen seien 80 000 in Syrien und Palästina angekommen, 20 000 in Mesopotamien. 290 000 Armenier seien in den Kaukasus und nach Persien geflohen. Da wäre man ungefähr bei den Zahlen Toynbees.

Sehr genau hat 1973 der DDR-Historiker Ernst Werner die Zahlenspielereien untersucht. Sein Schluß: „Eine Massakrierung von über einer Million dürfte in der Tat übertrieben sein, denn sie setzt einen zu hohen Bestand der armenischen Volksgruppe voraus.“ Zu bedenken ist auch, daß Armenier, um ihr Leben zu retten, „massenhaft“ zum Islam übergelaufen sind, wie der deutsche Botschafter bereits 1915 nach Berlin meldete Sie fehlen in der Statistik.

Verständlicherweise möchten die Türken die Verlustzahlen so niedrig wie möglich halten – auf 250 000 bis 300 000. Manche kommen sogar auf 50 000 bis 100 000, indem sie die Hunger- und Seuchentoten vom Verlustkonto der Armenier abziehen. Umgekehrt werden die türkischen Verluste in Ostanatolien, eingeschlossen die Opfer der armenischen Vergeltungsmassaker in den letzten Kriegsjahren, auf 1,4 Millionen hochgerechnet. Offensichtlich werden dabei die vielen Menschen, die an Erschöpfung, Hunger, Seuchen gestorben sind, mitgezählt.

Was für die Nachkommen der 1915 umgekommenen Armenier allein zählt, ist der unbestreitbare Tod Hunderttausender von Deportierten. Nicht genug damit, diesem Leid folgte nach 1918 noch der Betrug der Siegermächte. Nach dem Zusammenbruch der Türkei 1918 wollten weder die Briten noch die Franzosen, die auch im Süden die armenische Karte ausgespielt hatten, von einem armenischen Staat noch etwas wissen. Im Gegensatz dazu stand jedoch der amerikanische Präsident Woodrow Wilson auf der Seite der Armenier. Die antitürkische Haltung in Amerika war schon 1912 so stark, daß Wilson fragte: „Warum einen guten Botschafter hinschicken? Es wird sowieso bald keine Türkei mehr geben.“

Alle Sieger waren sich einig, die Türkei aufzuteilen oder überhaupt von der Landkarte verschwinden zu lassen (siehe Karte Seite 18). So war im Friedensvertrag von Sèvres (10. August 1920) im Osten der Türkei ein unabhängiger großarmenischer Staat vorgesehen. Dieser Frieden, der praktisch die Existenz eines türkischen Staates beendete, wurde auch von einem Vertreter der am 28. Mai 1918 in Russisch-Armenien gegründeten Republik Armenien mitunterzeichnet – in einer Porzellanmanufaktur. Sèvres war denn auch von allen Pariser Vorortverträgen der zerbrechlichste.

Während die Istanbuler Regierung in Sèvres ihr eigenes Todesurteil unterschrieb, hatte in Ankara bereits der nationale Befreiungskampf unter der Führung von Mustafa Kemal Pascha (Atatürk) begonnen. Kurze Zeit später haben seine Streitkräfte die armenischen Okkupationsregimenter besiegt und aus Anatolien vertrieben. Am 2. Dezember 1920 wurde zwischen Ankara und Eriwan der Vertrag von Alexandropol (Gümrü oder auch Leninakan) unterzeichnet, worin die Armenier den Vertrag von Sèvres für null und nichtig erklärten und auf alle Gebietsansprüche gegen die Türkei verzichteten.

Wenige Monate später wurde die freie Republik Armenien von der Roten Armee abgeschafft. Der Lausanner Friedensvertrag vom 24. Juli 1923 zwischen der kemalistischen Türkei und den ehemaligen Siegermächten enthält über die Armenier kein einziges Wort mehr. Was ein „freies, unabhängiges Armenien“ werden sollte, ist zu zwei Dritteln an die Sowjetunion gefallen und bildet nun die „Armenische Sozialistische Sowjetrepublik“. Der Rest darf in Ankara nicht mehr armenisch genannt werden.

Die noch in der Türkei lebenden Armenier – heute etwa 60 000 – verhalten sich seither loyal. Vergeblich hofften die Armenier in der Diaspora auf internationalen Beistand, bis 1973 die UN-Menschenrechtskommission die armenische Frage auf ihre Tagesordnung setzte. Nachdem die Vereinten Nationen die Greuel von 1915 als „ersten Genozid im 20. Jahrhundert“ bezeichnet hatten, befanden sie in der Schlußsitzung jedoch fast das Gegenteil: die Jungtürken hätten nur auf eine armenische Provokation reagiert. Diese Verlautbarung wurde unmittelbarer Auslöser für den armenischen Terror.

Im selben Jahr rief der 77jährige Grundbesitzer und Schriftsteller Gourge Gianikiian, einziger Überlebender von 26 Familienmitgliedern, dazu auf, in aller Welt die Taktik der Palästinenser, „diese neue Art von Krieg“, nachzuahmen. „Ich höre mit dem Schreiben auf, um den ersten Schritt zu tun.“ Während eines gemeinsamen Abendessens in einem kalifornischen Restaurant in Santa Barbara erschießt er den türkischen Konsul Baydar und dessen Stellvertreter Demir. Sein Aufruf wird von Aram Saroyan, einem Onkel des armenischstämmigen amerikanischen Schriftstellers William Saroyan, ins Englische übersetzt, auf daß die ganze Welt ihn höre.

Und er wird gehört. Wenige Zeit später etablieren sich in Beirut, dem Hauptquartier vieler ausländischer Terrororganisationen, die beiden größten armenischen Terrorgruppen: die „Geheimarmee zur Befreiung Armeniens (Asala)“ und das „Gerechtigkeitskommando wegen des Völkermords an den Armeniern (ICAG)“.

Etwa 200 000 Armenier leben seit 1915 im Libanon, die meisten im armenischen Viertel von Ost-Beirut. Dort gerieten sie 1970 beim Bürgerkrieg – wie so oft in ihrer langen Geschichte – erneut zwischen die Fronten. Manche fühlten sich ihren christlichen Brüdern, den Phalangisten, verpflichtet, andere, vor allem linksorientierte Jugendliche, sympathisierten mit den Palästinensern, mit denen sie ein ähnliches Schicksal verbindet.

Die Asala ist heute ein streng konspirativer Ring jüngerer Leute aus mittelständischen Familien im Libanon, in Frankreich und den Vereinigten Staaten. Ausgebildet werden sie zusammen mit jungen Palästinensern, aber auch – so jedenfalls stellt der israelische Geheimdienst fest – mit Mitgliedern türkischer und kurdischer Widerstandsbewegungen, ungeachtet der Tatsache, daß Armenier und Kureden das gleiche Gebiet beanspruchen.

Das Endziel dieser Organisation ist ein armenischer Staat in der östlichen Türkei – einem Gebiet also, in dem heute 13 Millionen Türken und Kurden leben. Westliche Geheimdienste schätzen die Asala als streng marxistisch und moskautreu ein. Die Sowjetunion stelle ihn nahezu unbegrenzt Geld und Waffen zur Verfügung. Im März 1981 erklärte der damalige Führer der Asala, Mihran Mihranjan, die Sowjetunion sei bereits „befreites Gebiet“ und ein „befreundetes Land“.

Nach der Zerstörung Beiruts gliederte die Asala im Sommer 1982 ihre Kommandozentrale auf. Einige Führer siedelten nach Griechenland um, andere nach Lanarka im griechischen Teil von Zypern. Ein wichtiger Stützpunkt ist heute Paris – in Frankreich leben etwa 300 000 Armenier. Die Asala bedient sich wechselnder Namen. „Orly-Gruppe“ nennt sie sich in Frankreich, als „Schweiz 15“ oder „Organisation 3. Oktober“ tritt sie in der Schweiz auf. Eine Untergruppe ist die „Armenische Revolutionäre Armee (ARA), die nun wieder in Wien zugeschlagen hat. Sie zeichnet sich nach Einschätzung eines BKA-Beamten durch besondere Militanz und Routine aus.

Mitglieder dieser Gruppe sollen auch in der Bundesrepublik organisiert sein. Zusammen mit Anhängern der kurdischen „Partia Kerkeren Kurdistan“ (PKK) sind sie angeblich am internationalen Heroinhandel beteiligt, um ihre Waffengeschäfte finanzieren zu können.

Als „Gegengewicht“ zum Linksterror der Asala schlossen sich 1975 rechte armenische Gruppen ebenfalls zusammen und gründeten die „ICAG“, mit Hilfe der Phalangisten in Beirut und – so heißt es – auch der CIA. Ihre Mitglieder rekrutieren sich vorwiegend aus Anhängern der einst Sozialrevolutionären, heute Mitte- bis Rechtspartei „Tasnac“. „Jüngere Kader der Partei“, so die Bonner Armenien-Expertin Ingeborg Fleischhauer, „greifen zur Waffe, weil sie an den Erfolg demokratischer Mittel nicht mehr glauben können.“ Die Ziele dieser Gruppe: 1. die türkische Regierung soll die Verantwortung für den Völkermord von 1915 übernehmen; 2. sie soll das Recht des armenischen Volkes anerkennen, „einen freien, unabhängigen Staat in dem Land zu gründen, das die Türkei illegal besetzt hält“.

Den Versuch, die gesamte armenische Bewegung in der Welt unter einer politischen Dachorganisation zu vereinen, unternahmen im vergangenen Jahr 70 Armenier, die in Lausanne nach zionistischem Vorbild zu einem „Weltkongreß“ zusammenkamen. (1897 hatte Theodor Herz! auf dem ersten Zionistenkongreß in Basel den Judenstaat proklamiert, ein halbes Jahrhundert vor der Gründung Israels.) Der Kongreßleiter, Pfarrer James Karnusjan, meinte, die Armenier dürften sich nicht mehr allein durch den Patriarchen repräsentieren lassen, sondern brauchten einen Volkskongreß. Dieser soll dann, nach dem Modell der PLO, die Anerkennung durch die Vereinten Nationen suchen.

Sechs Millionen Armenier leben insgesamt in der ganzen Welt verstreut. Allein in den Vereinigten Staaten wohnen 500 000, die sich ein starkes ethnisches Selbstbewußtsein bewahrt haben, dank eigener Schulen, Kirchen und Feste. Dennoch betrachten viele – wie einst die Zionisten – ihren jeweiligen Aufenthaltsort als Exil und Zwischenstation vor der Rückkehr in die Heimat.

Der armenischen Lobby im amerikanischen Kongreß, die in diesem Fall Hand in Hand mit der griechischen Lobby arbeitete, ist es inzwischen gelungen, einen Gesetzesentwurf durch verschiedene Kommissionen zu bringen, der vorsieht, den 24. April zum offiziellen „Gedenktag der Unterdrückung“ zu erklären, also jenen Tag, an dem 1915 der türkische „Genocid“ an den Armeniern begonnen haben soll (das Wort „Genocid“ kam bei den armenischen Exilgruppen erst 1974 nach der türkischen Invasion auf Zypern in Umlauf).

Nach dem Gesetzentwurf soll Washington seine Türkei-Politik in diesem Licht neuordnen. Für den Fall einer Annahme im Kongreß hat das türkische Parlament angedroht, den 24. April auch in der Türkei zum offiziellen „Gedenktag der Unterdrückung“ zu erheben – zur Erinnerung an die ausgerotteten Indianer und die versklavten Neger!

Manche armenische Familie, vor allem im Libanon, bekundet offene Sympathie für die Terroristen. Andere distanzieren sich von jeglichen Gewaltakten. Im August 1982 verbrannte sich in Istanbul der 61jährige Armenier Artin Pelik aus Protest gegen das Blutbad, das die Asala auf dem Flughafen von Ankara angerichtet hatte. „Diese noble Tat“, kommentierte der armenische Patriarch in Istanbul, beweise am eindrucksvollsten das Unbehagen der türkischen Armenier am Terror einiger „fehlgeleiteter und fanatischer Elemente“.

„Niemand bringt Milch, wenn ein Kind nicht schreit“, sagt ein armenisches Sprichwort. Es hat sich nur zur Hälfte erfüllt. Die Terroristen erreichten zwar in kürzester Zeit, was ihren Vätern und Großvätern in 50 Jahren zuvor nicht gelungen war, nämlich das Schicksal des armenischen Volkes aller Welt bekanntzumachen. Auf dem Weg zurück in die fruchtbaren Ebenen ihrer erträumten Heimat jedoch sind sie keinen Schritt weitergekommen.