Als Carmen Thomas die Sendung vor zehn Jahren übernahm, haftete ihr noch ein anderes Image an. Ihre Spontaneität kreidete man ihr damals als „vermännlichte Arroganz“, als „herablassende Schnoddrigkeit“ an. Vor allem das männliche Publikum tat sich schwer. Mußte es doch nicht nur verkraften, daß mit Carmen Thomas zum erstenmal eine Frau das „Aktuelle Sport-Studio“ moderierte – obendrein hatte diese Frau auch noch ein loses Mundwerk. „Und nun die Lottozahlen für alle, die immer noch versuchen, auf diese Weise an Geld zu kommen“, spöttelte sie. Den kommenden österreichischen Nationalhelden Niki Lauda lobte sie, nachdem er die Namen aller erdenklichen Automarken geschickt ins Interview hatte einfließen lassen: „Schön, wie Sie das so alles untergebracht haben.“

Dann kam der Tag im Juli 1973, an dem sie sich einen Versprecher leistete, der – unter Männern – einer Todsünde gleichkam: Den Traditionsverein Schalke 04 nannte sie „Schalke 05“. „Gehen Sie doch an den Kochtopf zurück!“, war noch eine der harmlosesten Zuschriften. Auch heute ist der Lapsus noch im allgemeinen Bewußtsein. Selbst auf dem Flughafen von Leningrad und im Grand Canyon, sagt sie, sei sie darauf angesprochen worden. Ein Trauma? Das wohl nicht, sie vermag darauf nur nicht mehr schlagfertig zu antworten, es fällt ihr dazu einfach nichts mehr ein.

Eher zufällig begann ihre berufliche Laufbahn beim WDR. Auf einer Party hatte sie, damals noch Anglistik- und Germanistikstudentin in Köln mit dem Berufsziel Lehrerin vor Augen, den Leiter des Morgenmagazins kennengelernt und ihm von ihrer bevorstehenden Reise nach Irland erzählt. Der Redakteur schlug ihr vor, den Hörern Reisetips von unterwegs zu geben, und reservierte für sie ein Studio in Dublin. Nach ihrer Rückkehr absolvierte sie ein Volontariat im regionalen Fernsehmagazin „Hier und heute“.

Als Carmen Thomas, nach ihrem zweijährigen Ausflug zum ZDF, in Köln „Hallo Ü-Wagen“ übernahm, war dies eine der zahlreichen Schnulzen- und Grußsendungen unter dem Motto: „Ich möchte meine Tante in Oer-Erkenschwick grüßen.“ Behutsam, aber zielstrebig änderte sie das Konzept. Die Schlagerwünsche wurden abgeschafft, statt dessen forderte sie die Hörer auf, soziale wie private Nöte einzubringen. Bald stand jede Sendung unter einem besonderen, stets von Hörern vorgeschlagenen Thema. Sie erhielt einen neuen, größeren Ü-Wagen, den die Fans wegen seiner lila Farbe „Violetta“ nannten. Damit kommt sie jede Woche in eine andere Satdt Nordrhein-Westfalens, um mit den Menschen am Ort zu diskutieren. Das Themenspektrum reicht von Politik bis zu Allerweltsproblemen („Küssen – wen, wo, wann, wie, warum, wohin?“). Auf die Ü-Wagen-Plattform dazugeladen werden Fachleute – Wissenschaftler, Politiker, Journalisten –, denen die Moderatorin jedoch stets nur die Rolle der Auskunftgeber zuweist. Prominenz oder Kompetenz wird nicht bevorzugt behandelt.

Es bleibt nicht aus, daß so mancher sich auf den Schlips getreten fühlt. Doch sind ihr auch kritische Reaktionen nur eine Bestätigung, daß sie’s richtig macht. Die überwältigende Mehrheit der Hörer steht hinter ihr. Ohne diesen Rückhalt, sagt sie, hätte sie die Sendung, insbesondere auch gegen Widerstände im eigenen Haus, gar nicht durchhalten können. Vor zehn Jahren meint sie, sei in Kollegenkreisen noch die Meinung verbreitet gewesen: „Das einzig Störende am Rundfunk sind die Hörer.“

Mittlerweile gilt „Hallo Ü-Wagen“ als Vorbild an praktizierter Rundfunk-Demokratie. Medientheoretiker loben die „basisdemokratischen Anstrengungen“, sprechen vom „Radio als Ombudsmann“. Carmen Thomas gibt am Studiengang Journalistik der Universität Dortmund Kurse über Interview-Technik. Doch wenn sie sagt, sie habe ihr Publikum „richtig lieb“, und am liebsten komme sie zu den Menschen ins Ruhrgebiet, deren Unbefangenheit und „handfeste Herzlichkeit“ sie schätze, dann wird eben auch deutlich: Jenseits aller Medientheorie hängt der Erfolg von Konzepten wie „Hallo Ü-Wagen“ von Gefühlen, von der Sympathie gegenüber den sogenannten kleinen Leuten ab.

Nicht von ungefähr haben ihre Hörer ein so starkes Interesse, Carmen Thomas auch persönlich näherzukommen („... und wollte ich dir schon immer das Du anbieten“). Die Anerkennung mache sie zwar froh, sagt sie, doch zugleich empfindet sie diese Erwartungshaltung als fordernd, verunsichernd. Stets frage sie sich: „Wie reagiere ich angemessen?“