Passau, im Dezember

Ach, wie war es ehedem doch in Passau so bequem. Und wirklich: Wer schon brachte es über sich, dieser Stadt oder ihren Bürgern irgend etwas am Zeug zu flicken? Deutschlands südöstlichste Stadt war ihres Barocks wegen berühmt, ihrer Lage an drei Flüssen, der Nähe zu Österreich und der Tschechoslowakei. Der weitgereiste Alexander von Humboldt pries sie gar als eine der sieben schönsten Städte der Welt. Daß der Knabe Adolf Hitler hier zwei Jahre wohnte – Braunau ist nicht weit –, ebenso der junge Heinrich Himmler, dessen Vater in Passau unterrichtete, gleichfalls Adolf Eichmann, der hier heiratete und dann den „Anschluß“ vorbereitete – dem stillen Ansehen der Stadt tat es keinen Abbruch.

Eine Kirche, die katholische, und eine Partei, die christlich-soziale, geben noch immer den Ton an, wo 93 Prozent der Bürger katholisch sind und es schon als Sensation galt, daß bei der letzten Kommunalwahl immerhin ein Grüner den gewagten Sprung in die Stadtverordnetenversammlung schaffte. Höchstens Strauß brachte bisher Passau einmal pro Jahr in die Schlagzeilen, bei seinem lärmenden Aschermittwochs-Auftritt in der Nibelungenhalle. Höchstens Hans Kapfinger, noch immer Herausgeber der tonangebenden Neuen Passauer Presse, brachte Anfang der sechziger Jahre die Stadt mit seiner Fibag- und Sexaffäre schon einmal ins Gerede. Sonst aber war und blieb Passau ein friedliches, ruhiges, etwas langweiliges, langsames Gemeinwesen – eine Stadt wie viele, eigentlich nicht der Rede wert.

Das änderte sich, schlagartig, mit den Aktivitäten einer 24jährigen Studentin der Philologie. Als hätte Anja Rosmus-Wenninger, aus alter, angesehener, gutbürgerlicher, gutkatholischer Passauer Familie, in ein Wespennest gestochen, wurde diese bis dahin träge Stadt aufgeschreckt. Dabei hatte es die junge Mutter, die letzte Woche ihre zweite Tochter zur Welt brachte, nur gewagt, vor vier Jahren für einen Aufsatz zum „Sehülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten“ einen Zipfel jener Decke zu lüpfen, die höheren Ortes sorgfältig über die braune Vergangenheit Passaus gebreitet worden war.

War Anja Rosmus-Wenninger vorher noch, als Preisträgerin einer Europa-Ausscheidung, öffentlich gefeiert und mit der Silberausgabe des Stadttalers „Passauer Wolf“ ausgezeichnet worden, so geriet sie nun unversehens in die Rolle des schwarzen Schafes, der ungeliebten Tochter, des störrischen Störenfriedes. Daß sie mit ihrem Aufsatz von 560 Seiten den dritten Preis unter 13 000 Einsendungen gewonnen hatte, die Geschichte der Stadt in kein dunkles Licht gestellt, ihre Bürger nachträglich keineswegs zu schlimmen „Hitlerianern“ gestempelt, sondern eher versucht hatte, der Wahrheit ein wenig auf die späten Sprünge zu verhelfen, brachte ihr diesmal nur Unbill, Ärger, Drohungen sogar ein, die bis zur angekündigten Entführung ihrer kleinen Tochter reichten.

Beschimpft wurde Anja Rosmus-Wenninger, beschattet, auch verfolgt auf Schritt und Tritt. Prozesse mußte sie durchstehen, Beleidigungen ertragen, Spott erdulden. Kein Anwalt mochte sie anfangs verteidigen, kein Stadtrat ihr freiwillig die Archive öffnen, kaum ein Zeuge ihr bereitwillig Auskunft geben. Hätten nicht ihre Eltern zu ihr gehalten, ein Onkel, der bekannt ist als Professor für die Priesterausbildung, der ehemalige Bundesverfassungsrichter Martin Hirsch, letzten Monat dann der Verband Bayerischer Verlage und Buchhandlungen zusammen mit der Stadt München, die ihr für ihre couragierte Aufklärungsarbeit den „Geschwister-Scholl-Preis“ verliehen – wer weiß, ob sie die Anfeindungen länger ertragen, durchgestanden hätte.

Böses, Arges hatte die ehemalige Klosterschülerin mit ihrer sorgsamen, durchaus rücksichtsvollen Aufdeckung des alltäglichen Faschismus in Passau während der zwölf Nazi-Jahre nicht im Sinn gehabt. Sie wollte nicht noch einmal „entnazifizieren“, nicht mutwillig ein schönes, sauberes Nest beschmutzen. Sie wollte nicht einmal ihre Familienbande sprengen, die durch den Vater, einen angesehenen Schulleiter, Diözesenvorsitzenden und CSU-Oberen, wie durch die strenggläubige Mutter fest geknüpft sind. Sie wollte nur vorsichtig einen Schleier lüften, der gleichermaßen über „böse Nazis“ gelegt worden war, die sich als gar nicht so böse erwiesen, und über „gute Antinazis“, die keineswegs so gut abgeschnitten haben.

Denn weder ließ sich, wie Anja Rosmus-Wenninger bei ihrer Spurensuche herausfand, allein der damalige Kreisleiter und Oberbürgermeister Max Moosbauer als Hauptschuldiger an den braunen Pranger stellen, auf den aber sämtliche Schuldkomplexe abgeladen werden konnten, noch konnte der Klerus in jener Zeit von jeder Komplizenschaft blindlings freigesprochen werden, worauf nach 1945 viel Mühe verwandt worden war. Ohne sich als selbstgefällige, rechthaberische Gerechtigkeitsfanatikerin aufzuspielen, deckte das zuvor von allen geliebte, gelobte „Wickelkind“ aus gutem Passauer Hause nach ihren schwierigen Recherchen auf: Die mit der schmutzigen Weste waren damals schnell gefunden worden, zu eilfertig, und die Widerstandskämpfer waren ebenso fix auf den Podest gestellt worden, zu leichtfertig. Und damit war die Welt in der Stadt wieder in Ordnung, sollte es für alle Zeiten sein.

Nur nicht daran rühren oder rütteln. Darum verstanden viele, selbst enge Freunde der stadtbekannten Familie nicht, was in die behütete, „anständige“ Tochter gefahren war, die immerhin von ihrem Vater angeregt worden war, sich nach ihrem ersten Erfolg auch an diesem Wettbewerb zu beteiligen. Darum wiegelten „Tatzeugen“ und Archivdirektoren ab. „Nach so langer Zeit möchte man gerne den Schleier des Vergessens darüber breiten und Gott danken, daß wir diese Zeit so beschützt überstehen durften“, lehnte einer seine Mithilfe bei der nachträglichen Vergangenheitsbewältigung ab. Die Juden? Nie gesehen. Massenerschießungen von sowjetischen Kriegsgefangenen noch kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner? Das war wohl der Moosbauer. Die drei KZ-Außenlager in der Nähe Passaus? Keine Ahnung.

Anja Rosmus-Wenninger, die für ihren preisgekrönten Aufsatz auch erst nach langem Bemühen einen lokalen Verleger fand, hatte die richtige Portion gesunder Skepsis, um solch angestrengte, angeordnete Schwarzweißmalerei nicht für wahr zu nehmen und nach den Graumischungen, den Zwischentönen in dem angeblich so klaren Bild Passaus zu suchen. Und was sie dann in kostspieliger, aufwendiger, oft auch deprimierender Puzzlearbeit herausfand, sah anders aus: Auch diese Stadt war nicht verbrecherischer als andere, nicht brauner, grausamer. Aber sie war eben auch nicht besser, freundlicher, menschlicher. Ihre Passauer Passion brachte es endlich an den Tag: Es war schon damals eine normale, x-beliebige Stadt im Nazireich gewesen, mit Hochstaplern, Hundertprozentigen, Mitläufern, auch Widerborstigen, Widerständlern gegen die braunen Herren und ihre Knechte in den Uniformen. Es hatte bis dahin nur keiner gewagt, an dem allzu simplen, allzu säuberlich markierten Schema von Gut und Böse zu rütteln – aus falschem Stolz und billiger Bequemlichkeit.

Anja Rosmus-Wenninger war plötzlich nicht mehr die brave Bürgerstochter, die jeder mochte, die jeden mochte; sie war nun eine ungeliebte Unruhestifterin. Herrschte Mittelalter in Passau, die junge Mutter und lokale Zeithistorikerin wäre womöglich aus der Stadt gejagt worden, mit Schimpf und Schande.

So aber hat ihr Martin Hirsch in einem Vorwort zu ihrem Buch, dem bald ein zweites über das Schicksal der Passauer Juden folgen soll, geschrieben: Sie habe „uns Alte beschämt“, weil sie dazu beigetragen habe, „das Versagen meiner Generation begreiflicher zu machen“. Auf einmal will der Oberbürgermeister, der ihr vorher die Tür gewiesen hatte, mit ihr reden, sich gütlich mit ihr einigen. Auf einmal sollen ihr sämtliche Akten zugänglich gemacht werden. Auf einmal melden sich Zeugen, die auspacken wollen, die Unterlagen haben, Kenntnisse. Auf einmal glauben auch so manche Passauer nicht mehr daran, daß der eine nur gut, der andere nur böse war, der eine ein schlimmer Nazi, der andere ein hehrer Widerstandskämpfer. Sie fangen allmählich an, sich selber zu fragen: War das wirklich so, wie es uns beigebracht worden war?

Nonne wollte die leidenschaftliche Nachforscherin Rosmus-Wenninger früher einmal werden, dann Lehrerin für Ausländerkinder, jetzt wird sie Journalistin. Erstes Aufsehen erregte die Klosterschülerin, als sie ihren Mathematiklehrer heiratete. Dennoch liebte Passau sie, wie sie umgekehrt Passau liebte. Jetzt aber, nach den bitteren Erfahrungen mit den Passauern, die bis zu ihrer „Schmuddelarbeit“ auch ihrer Familie wegen liebenswert ihr gegenüber gewesen waren, kann sich Anja Rosmus-Wenninger vorstellen, ebenso gut, wenn nicht besser, in Berlin zu leben. Dort geht es ihrer Meinung nach freier und freimütiger zu, wird weniger verschwiegen, vergessen, verdunkelt.

„Herrschaftszeiten“, empört sie sich auf „gut“ Bajuwarisch noch nachträglich über die bestellten Passauer Saubermänner, „daß alle schweigen, lügen, alle angeblich im Recht sind“ – dieses „schreckliche“, mutige, dickköpfige Kind aus Passau, aus einer Staat wie so vielen anderen in Deutschland. Aber mit der verklemmten Bequemlichkeit ist es in Passau nun ein für allemal vorbei. Vielleicht bringt es die Stadt jetzt sogar fertig – wogegen sie sich bisher gesträubt hatte –, zur Erinnerung an die Opfer jener schrecklichen Zeit ein Denkmal aufzustellen. Anja Rosmus-Wenninger wäre bereit, einen Teil ihres Preisgeldes dafür zu stiften.