Von Sibylle Zehle

Nach zweieinhalb Jahren verläßt der Geschichtslehrer die Schule. Nie wieder zensieren müssen! – Ein guter Schüler? Ein schlechter? – Wie soll der Geschichtslehrer das wissen. Seine Phantasie läßt eine Einteilung in begabt und unbegabt nicht zu. Wartet doch, dieser Schüler begreift das schon noch, er braucht einfach mehr Zeit dafür als die anderen! Soll ich ihn deswegen mit einer Sechs bestrafen?

„War das die Entdeckung?“ – Die Kellnerin am Ku’damm bringt zwei Kännchen Kaffee. „Nein, danke, keine Milch.- Also, der Schlüssel zum Buch?“ – Sten Nadolny, der aussieht, wie man sich einen großgewachsenen, freundlichen, blonden Geschichtslehrer vorstellt, verengt die Augen ein bißchen. Lehnt den Kopf unmerklich zurück. Da sieht das Gesicht plötzlich schmaler und nicht mehr so offen aus. „Ich glaube“, sagt er höflich, „Sie sind für mich etwas zu schnell.“

*

Der Lehrer geht von der Schule – direkt zum Film. Gab es je Wichtigeres als Kino in seinem Leben? Er träumt von einem großen Film. Er glaubt an das große Publikum. Massenpublikum, was für ein dummes Wort. In Wahrheit sind das doch nur ungezählte Minderheiten. Der promovierte Historiker wird Produktions-Fahrer. Dann (vierter) Aufnahmeleiter. Nichts als Hektik um ihn herum. War er in einen zu schnellen Film geraten? Er versucht Schritt zu halten. Springt sofort, antwortet prompt, telepnoniert knapp, organisiert eilig, rasch, rasend, sich überschlagend: außer Atem; Tag für Tag.

Plötzlich bleibt er stehen. Fragt sich: Bin ich das wirklich – dieser gigantische Diener? Bei der Arbeit sieht er Menschen, die abgehoben sind wie Hubschrauber und nur noch laut in der Luft herumbrummen ... Er lehnt sich innerlich zurück. Mal sehen, ob das alles überhaupt so wichtig ist. Muß ich wirklich der schnellste aller Aufnahmeleiter sein? Besser ich bin einer, der nicht übertreibt. – Sein Atem wird ruhig. Er hat für sich etwas ganz Neues entdeckt. Eine Art Widerstand gegen die Eile der anderen.

Der Aufnahmeleiter schreibt. Er schreibt, weil er findet, daß dies den Heißlauf verhindert, Nerven und Hirn verlangsamt. Er schreibt mehr denn je; die Notizen einer Reise spinnt er. zu einem Roman aus („Netzkarte“); arbeitet an Kapiteln für ein großes Buch. Das große Buch. John Franklins Biographie.

Ein Lektor findet die Reisenotizen hübsch; vielleicht ließe sich daraus ja mal was machen. Er empfiehlt den Autor nach Klagenfurt, zu den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“. Dort wird der Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben. Schaden, meint der Lektor, tut so was nicht.

Der Schreibneuling fährt direkt von „Tatort“-Dreharbeiten nach Klagenfurt – ohne „Netzkarte“. In seinem Koffer liegt ein Kapitel zum Franklin-Buch. Es ist ein ziemlich kurzes Prosastück; ach was: ein ganzes Stück Leben!

In diesem Kapitel ist alles drin, was er weiß: von John Franklin, dem englischen Seefahrer und Polarforscher (1786 bis 1847), dessen eisigen Entdeckungsreisen er mit heißem Eifer nachgespürt hat – von Kindheit an. Und es ist voll eigener Entdeckungen, der Langsamkeit als Notwehr, als Antwort auf Chaos – auf das Chaos im Kopf, und auf das größte Chaos, das es gibt: Krieg.

Und was für Flotten von Wörtern! Wanten und Parduhnen, Falle und Schoten, dieser ganze unendliche Hanf... Wie wird das klingen – in Klagenrurt? Der Neuling im Zug weiß, daß das, was er im Koffer hat, nicht wirklich schlecht ist. Er hat sich fürchterlich Mühe gegeben. Jetzt will er es auch vorlesen. Vorstag. Stampfstock, Stampfstockgeien, Stampfstockstagen ... Natürlich schläft er die Nacht nicht. „Reffbändsel“ flüstert John, „Besangaffel“. – Ist er denn größenwahnsinnig? In der Jury sitzen alte Kämpen wie Jens und Reich-Ranicki. – Und er?

Ein unbeschriebenes Blatt.

Bumm!

Das war der Trekroner, und die Schlacht... „Hört mal, Männer“, rief der Offizier mit dem hohen Schädel, „sterbt nicht für euer Vaterland!“ Pause. „Sorgt dafür, daß die Dänen für das ihre sterben!“ Schrilles Gelächter, ja, so feuerte man die Leute an!

Der Neuling las das Kapitel „Kopenhagen 1801“. Eine Schlacht. Er gewinnt sie; gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis. „Mit Blitz und Donnerschlag“, erinnert sich Barbara Bondy ein Jahr später in der Süddeutschen Zeitung, habe Sten Nadolny damit die literarische Bühne betreten.

Über den Klagenfurter Tagen lagen im Sommer 1980 leichte Schatten des Protests. Dieses Preisritual und Marktgetöse, Journalistengespringe und Fernsehgedröhn – was hatte das noch zu tun mit der mühsamen langen Reise des Schreibens? Und mit der Schönheit von Literatur? In einem respektvollen Brief bittet der Preisträger die Jury, den Preis, 14 000 Mark, auf alle Teilnehmer gleichmäßig zu verteilen, um „den Wettbewerb zu entbittern“.

Verkehrsgewühl im Nieselregen. Sten Nadolny fährt routiniert. Er ist ziemlich lange Taxifahrer gewesen. „Waren Sie schon zu Apo-Zeiten in Berlin?“ – „Wie alle anderen sagt er, „geriet ich zunächst mächtig in Bewegung. Aber dann paßte mir die Nervosität der Sprache nicht und nicht die Hektik der Aktionen. Die genaue Beobachtung der Genossen hat mich ernüchtert.“

Heute kritisiert er vorsichtig „die Weihefestlichkeit“ der Friedensbewegung; wünscht sich wohl auch den einen oder anderen grünen Freund „weniger gesinnungsheilig“. – Er bremst. – „Wie Max Weber es gesagt hat: Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern ...“ – Wir halten an. – „Bei Demonstrationen schreit man heraus, daß man Opfer ist. Ich möchte nicht demonstrieren, daß ich Opfer bin. Ich finde, jeder kann etwas tun, und ich tue es auf meine Weise.“

Spandauer Berg. Da ist er zu Hause.

*

Als der Bachmann-Preisträger im Sommer 1980 hier ankommt, hat er 500 Mark mehr in der Tasche und jede Menge Vorschußlorbeeren. Zur Franklin-Biographie gibt es gerade ein einziges gut durchgeschriebenes Kapitel – die preisgekrönte Schlacht. Alles andere, findet der Preisträger, liest sich schlechter als ein Abenteuerroman. Er lehnt alle Vorschüsse ab, dreht lieber noch einen „Tatort“. Seine Geschwindigkeit läßt er sich nicht vorschreiben. Er leistet es sich, langsam zu sein. Die Utopien seines Lebens waren wieder gegenwärtig: Kampf gegen unnötige Beschleunigung, sanfte, allmähliche Entdeckung der Welt und der Menschen. Eine sprechende Säule schien sich aus der Mitte des Meeres zu erheben, er sah Maschinen und Einrichtungen vor sich, die nicht der Ausnutzung, sondern dem Schutz der individuellen Zeit dienten, Reservate für Sorgfalt, Zärtlichkeit, Nachdenken ...

Es entsteht eine Anweisung zur Vernunft, eine Philosophie der Toleranz und des Respekts. Ich bin mir selbst ein Freund. Ich nehme ernst, was ich denke und empfinde. Die Zeit, die ich dafür brauche, ist nie vertan. Dasselbe gestehe ich auch anderen zu.

Der Schriftsteller schreibt, so schnell er kann. Fünf Seiten pro Tag. Eleganz, findet er, das ist, wenn etwas so daherkommt wie eine Linie; in Wirklichkeit aber hat man mühsam Pünktchen für Pünktchen aneinandergesetzt ... In der Nacht treibt es ihn aus dem Schlaf. Wozu hast du das geschrieben? Quatsch. Kluggeschissen. Brauchst du nicht! – Zwei Seiten bleiben über, mehr nicht. Kein Geröll mehr drin, keine Schlacken. – Was für ein Wohlgefühl!

Das Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ wird ein Erfolg.

*

Wir sitzen in einem Wohnzimmer, in dem der Eßtisch steht und auch das Bett. Daneben liegt eine schöne Arbeitshöhle, vollgestellt mit Büchern, Archivunterlagen, Zettelkästen. Irgendwo dazwischen Gemälde vom Großvater (mütterlicherseits), wunderbar lichte Bilder von Bäumen, und eine Kassette mit Beethovens 5. Klavierkonzert: „Dieser erste Satz, der majestätische Klang, das mußte ich immer wieder hören, das war Franklins Ton.“

Den Namen John Franklin spricht Nadolny aus, als sei es ein Freund. Schon als Schüler hat er in Londons Bibliotheken nach ihm geforscht, später sind die Unterlagen von einer Studentenbude zur anderen gezogen: Göttingen. Tübingen. Berlin. Er sagt: „John Franklin, der tapfere Held, und Lady Franklin, die tapfere Forschersfrau: Als Kind habe ich immer meine Eltern in den beiden gesehen.“

Der Name Nadolny trägt sich nicht unbeschwert. Der ostpreußische Großvater, Rudolf Nadolny, war einer der wenigen deutschen Diplomaten, die sich Hitler nicht beugten. Der Vater, Burkhard Nadolny, schrieb engagierte politische Romane, die Mutter, Isabella Nadolny, ein so anrührendes Buch wie „Ein Baum wächst übers Dach“. – „Das ist eine geistige Heimat“, sagt Sten, der Sohn, „die prägt.“

Seine Doktorarbeit trägt den Titel: Genfer Abrüstungsverhandlungen 1932/33. Deutscher Delegationsleiter: Rudolf Nadolny. Enkel Sten: „Ich wollte wissen, wie Friedensbemühungen scheitern.“ – Gefechte leistete er sich mit dem Elternhaus. „Je intensiver so ein Elternhaus ist, um so schwerer ist es wegzukommen. Ich hatte Gefechte nötig.“

Durch die Fenster dringt kaum Licht. – „Wann ziehen Sie hier aus?“ – Sten Nadolny streift die rußigen Mauern vor dem Fenster mit einem nachdenklichen Blick. „Ja“, sagt er gedehnt, „die Häuser sind zu nah.“ Und nach einer Pause. „Es würde mir nichts Wesentliches ausmachen, in einer Grunewald-Villa zu wohnen. Es würde einfach mehr Arbeit machen.“

Wir gehen zu einem Italiener um die Ecke. „Ich habe keine Begabung für gesellschaftliches Treiben“, erklärt er auf dem Weg. Er hat Angst zu langweilen. Und Angst, gelangweilt zu werden. – Das spricht für einen eher begrenzten Bekanntenkreis. Er findet: „Mein Haushalt an Beziehungen ist ausgeglichen.“

Wir trinken Wein. Guten italienischen Rotwein. Er erzählt von einem Drehbuch und von seinem neuen Buch. Der Wein ist schwer. Wir trinken zu schnell. Die Gedanken werden langsam.

Ohne Langsamkeit, sagt John, kann man nichts machen, nicht mal Revolution.