Von Ernst Klee

Die Heilerziehungsanstalt Kalmenhof im Taunusstädtchen Idstein, unweit von Wiesbaden, schickte 1941 über zweihundert eigene Pfleglinge in die Gaskammer von Hadamar. Zudem verwahrte sie Kranke anderer Anstalten – zum Beispiel aus Hamburg – bis zur letzten "Verlegung". Von 1942 an wurde im Kalmenhof selbst gemordet, mit Medikamenten und Spritzen. Nach Kriegsende gab es einen Prozeß, den eine Mitarbeiterin Mitscherlichs, Alice Platen-Hallermund in ihrer Publikation "Die Tötung Geisteskranker in Deutschland" (1948) auswertete.

Im Oktober 1978 fragte ein Journalist der Idsteiner Zeitung den damaligen Verantwortlichen des Kalmenhofs, ob die Einrichtung mit NS-Morden zu tun gehabt habe. Der Mann verneinte guten Glaubens. Bei der 90-Jahr-Feier im selben Monat gab es kein Wort über die ermordeten Zöglinge – obgleich die Leichen unter einem Anstaltsacker verscharrt lagen. Behinderte, die manchmal mit List dem Tod entkommen waren und noch im Kalmenhof wohnten, schwiegen. Ebenso das Personal, das noch im Ort lebte. Eine Mord-Anstalt hatte die Vergangenheit komplett verdrängt.

In Idstein und an vielen Orten arbeiten derzeit Einzelpersonen, Gruppen und Institutionen (so der Landschaftsverband Rheinland) an der regionalen Aufarbeitung dieses Teils der NS-Geschichte. Darunter ist auch die Anstalt Hadamar (nahe Limburg/Lahn), die heute schon interessierte Besucher einlädt. In Hadamar hatte man August 1941 den zehntausendsten Vergasungstoten aufgebahrt und in seinem Anblick gefeiert.

Den Anfang der Einzeldarstellungen unternahm der Lehrer Ernst T. Mader im Oktober 1982. Er interviewte ehemalige Mitarbeiter der Anstalt Kaufbeuren-Irsee, wo man die Patienten vorwiegend hatte verhungern lassen. Ein heikles Thema: Hatten die dort beschäftigten Nonnen doch Kranke zur Tötungsstation gebracht und auch mal beim "Abspritzen" zugesehen. Ein kirchlicher Protest ist nicht bekannt geworden ("Das Verhalten der Religionsgemeinschaften gab zu keinen Beanstandungen Anlaß", heißt es in Regierungsberichten).

Manchmal recherchieren Außenstehende wie Mader oder der Referendar und Krankenpfleger Manfred Klüppel, der zwei nordhessische Anstalten untersuchte. Im Niedersächsischen Landeskrankenhaus in Wunstorf hat sich dagegen Klinikleiter Asmus Finzen selbst an die Arbeit gemacht. Finzens Veröffentlichung hebt sich von den anderen ab, indem er nachzeichnet, wie die Beteiligten "mehr oder weniger wissentlich einer perfekt organisierten Mordmaschinerie" zuarbeiteten – ohne erkennbare Begeisterung und ohne erkennbaren Widerstand. Sein Verdienst auch, daß er dem Schicksal der jüdischen Patienten nachgeht, die in Wunstorf gesammelt wurden, um in Brandenburg vergast zu werden.

Die jüdischen Patienten werden bei geschichtlichen Arbeiten zum Thema Massenvernichtung in der Regel nämlich nur kurz erwähnt oder einfach übergangen. Dabei ist ihr Schicksal historisch von Bedeutung: Während "arische" Kranke nach ihrer Produktivität selektiert wurden, liquidierte man die jüdischen Patienten ohne Ausnahme. Und das bereits 1940, also vor der "Endlösung".