Über gut gemeinte Versuche, die Bibel dem modernen Menschen verständlich zu machen

Von Rudolf Walter Leonhardt

Wenn „die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ von Gustav Schwab und seit Gustav Schwab immer wieder neu erzählt werden, um sie uns näherzubringen, dann werden sie auch für uns Heutige unterhaltend und belehrend. Die Frage ist, ob die Bibel – deren Weihnachtsgeschichte wir alle in den nächsten Tagen wieder hören oder lesen werden – in diesem Sinne als eine Legenden-Sammlung des spätklassischen Altertums verstanden werden kann, für die dann also auch gälte, daß sie durch immer neue Übersetzungen uns immer von neuem attraktiv gemacht werden sollte.

Am eindeutigsten mit einem Nein ist die Frage zu beantworten, wo sie Theologen betrifft. Sie können den Anspruch der Bibel, das „Wort Gottes“ zu sein, nicht als Metapher oder gar als Propaganda-Trick abtun. Sie müssen an dieses Wort so nahe wie möglich heranzukommen versuchen, das von den ersten Zeugen des christlichen (wie des jüdischen) Gottes hebräisch und aramäisch, von den Bezeugern des Mensch gewordenen Gottes griechisch gesprochen wurde. Ein Theologe, der das hebräische wie das griechische Wort nicht mehr versteht, hat seinen Beruf verfehlt. Der Laie wird sich auf Übersetzungen verlassen und hoffen müssen, daß diese Übersetzungen „genauer als alle anderen Worte über Gott“ sind.

Sofern er Deutscher ist, hat er teil an dem Glück, daß der erste deutsche Bibelübersetzer ein vom Wort Besessener war, ein Inspirierter, der wie in einem Rausch innerhalb von zehn Wochen das Neue Testament übersetzte und dann die ihm noch bleibenden 23 Jahre seines Lebens dazu nutzte, den Rest der Bibel zu verdeutschen und alles, was er verdeutscht hatte, immer wieder in Frage zu stellen, zu überprüfen, zu korrigieren oder stehenzulassen.

„Mord an Luther“

Die Luther-Bibel bestimmt, was seit beinahe einem halben Jahrtausend für Gottes Wort gilt im protestantischen Deutschland. Auch das katholische Deutschland blieb davon nicht unberührt: Sein erster Bibelübersetzer Hieronymus Emser hielt sich in vielem ebenso an den Luther-Text wie sein bedeutendster, Joseph Franz von Allioli. 1912 war die Luther-Bibel zum letztenmal revidiert worden, sehr behutsam; die Änderungen, meistens nur der Schreibweise, sind kaum zu merken. So galt sie fünfzig Jahre lang. Aber in den unruhigen sechziger Jahren begannen Kirchenobere, Altphilologen und Germanisten auch an der Bibel Muff zu riechen.

Die Bewegung ging von Amerika aus. Eugene A. Nida, wissenschaftlicher Koordinator des Weltbundes der Bibelgesellschaften, glaubte einen Rückgang von Bibellesern beobachten und ihn auf die mangelnde Verständlichkeit des Textes zurückführen zu müssen. Sein Einfall, statt der „Heiligen Schrift“ „Gute Nachrichten für den modernen Menschen“ auf den Markt zu bringen, fand in Deutschland begeisterte Nachahmer: bei den Katholiken, die 1972/1974 mit einer „Einheitsübersetzung“ herauskamen, „ein durch fünfzehn Jahre ausgetragenes Mißgeschöpf“ (Friedhelm Kemp), wie bei den Protestanten, die 1975 nachzogen mit einem „revidierten Text“ – „Mord an Luther“, donnerte Walter Jens.

Diese Revision erscheint dennoch schon beinahe wieder harmlos, wenn man sie mit dem neuesten Produkt anti-lutherischen Fleißes vergleicht: „Die gute Nachricht – Die Bibel in heutigem Deutsch“ (1982). Verantwortet von evangelischen und katholischen Bibelgesellschaften in der Bundesrepublik, der Deutschen Demokratischen Republik, der Schweiz und Österreich, sollte diese flotte Schreibe ein Werk der Ökumene werden. Aber das ist ihr ebensowenig gelungen wie zehn Jahre vorher der von katholischer Seite angeregten „Einheitsübersetzung“. Die Bibel für alle Christen, ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, möchte man sich gehaltvoller, vor allem jedoch in Form und Formulierungen besser gelungen vorstellen.

In den revidierten Fassungen der Luther-Bibel sollten zunächst einmal Lutners „Übersetzungsfehler“ berichtigt werden. In der Weihnachtsgeschichte, wie sie im 2. Kapitel des Lukas-Evangeliums erzählt wird, gibt es in den ersten vierzehn Versen drei seit langem umstrittene Stellen und eine seit jüngstem angezweifelte.

Vers 1 und 3: „Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde.“ Manchen genügt dort das „schätzen“ nicht. Sie wollen auf dem Hinweis bestehen, daß es dabei um Steuern ging, wie Luther selber in einer Marginalie angemerkt hatte.

Vers 5: „Joseph aus Galiläa mit seinem vertrauten Weibe“. „Vertrautes Weib“ wollen viele als „Ehefrau“ verstehen, und sie weisen darauf hin, Maria und Josef seien nicht verheiratet gewesen, bestehen also darauf, Maria als „Verlobte“ zu bezeichnen. Ob das eine Verdeutlichung ist?

Vers 14: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Nach vielen griechischen Quellen verspricht der Chor der Engel Frieden auf Erden nur den Menschen, die sich Gottes Wohlgefallens erfreuen. Luthers „und den Menschen ein Wohlgefallen“ zeigt einen gütigeren Gott. Wenn überhaupt revidiert werden mußte, dann wäre es hier ausnahmsweise zu rechtfertigen gewesen, einmal auf die lateinische Vulgata zurückzugreifen. Deren Verfasser Hieronymus war ja nicht nur der größte Kirchengelehrte seiner Zeit, sondern er war auch dem Spätgriechisch der Evangelien noch ganz nahe. In der Vulgata heißt es: in terra pax hominibus bonae voluntatis, Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind. Die Vulgata nennt Maria übrigens auch uxor, Ehefrau.

Vers 7: Euer als Kuriosum wäre noch anzuführen, daß der englische Theologe Professor Kenneth Bailey nach dreißigjährigem Forschen herausbekommen hat, daß das griechische Wort katalyma nicht eine Herberge bezeichnet, sondern ein ganz normales Privathaus. Und bei weiteren Forschungen über Bauernkultur im Nahen Osten hat er herausbekommen, daß es Krippen auch im Erdgeschoß von Privathäusern gab, da dort oft das Vieh untergebracht wurde. Dies allerdings wird einen Dithmarscher Bauern, der in einem Haubarg lebt, wenig verwundern.

Sind wir nun wirklich viel klüger, nachdem wir darauf hingewiesen worden sind, daß die Schätzungen mit Steuern zu tun hatten; daß Maria ihrem Josef sicher vertraut, aber wohl nicht angetraut war; daß die Engel möglicherweise gar nicht allen Menschen Frieden gewünscht haben; daß die Herberge vielleicht ein Privathaus war? Haben diese vier Erklärungen, von denen drei möglicherweise irreführen, unser Verständnis der Weihnachtsgeschichte sehr vertieft?

Oder ist diese Weihnachtsgeschichte nun gar einfacher geworden? Es ist doch gar nicht wahr, daß wir Laien Schwierigkeiten hätten mit dem Schätzen und der Herberge und dem geteilten oder ungeteilten Frieden. Uns versuchsweise Christen und Agnostikern, und das sind wohl vier Fünftel der deutschen Bevölkerung, läßt es auch ziemlich gleichgültig, ob Maria Braut war oder Ehefrau. Aber wie sie schwanger wird: das ist für uns schwierig. Und die himmlischen Heerscharen sind schwer zu begreifen: Metaphern? Halluzinationen? Dänicken-Phantasien? Oder eben doch „Wort Gottes“?

Die Schwierigkeiten des Glaubens haben mit der Sprache am wenigsten zu tun; werden gewiß nicht geringer, wenn Jesus oder die Engel zu uns reden wie Karl-Heinz Kopeke. Man Kann uns nicht auf dem Umweg über die Alltagssprache weismachen: Aber das ist doch alles ganz normal. Das könnt ihr doch jeden Tag erleben. Nichts ist normal im Neuen Testament. Nichts erleben wir jeden Tag. Wir erleben es nie, daß ein Brot auf einmal für Tausende reicht oder daß einer auf dem Wasser spazierengeht, ohne daß ein schnelles Boot ihn zieht. Luther selber hat in seinen Predigten immer wieder darauf hingewiesen, daß das alles „unverständlich“ ist, nicht mit Vernunft, sondern nur durch den Glauben zu fassen.

Für die Gemeinde der Frommen wird, das müßte Seelsorger doch kümmern, mit der Sprachform auch viel vom Inhalt zerschlagen. Es erleichtert ihnen nicht den Glauben an einen Gott, wenn dieser heute so und morgen anders redet. Wie kann einer noch „bibelfest“ sein, wenn die Bibel selber nicht mehr fest ist? Im alten Text und seinem Rhythmus schwingt ja auch vieles mit an Zwischen- und Nebentönen, an Erlebtem und Erfahrenem. Die heiligen Worte werden verbindlich dadurch, daß sie mit anderen Menschen, mit anderen Zeiten verbinden.

Ein Volk von Bibelübersetzern

Nun aber ist es ja schon so weit gekommen, daß eine evangelische Gemeinde nicht einmal mehr gemeinsam beten kann. „Geheiligt werde dein Name! Dein Reich komme!“ klingt es auf der einen Seite; auf der anderen: „Bring alle Menschen dazu, dich zu ehren! Komm und richte deine Herrschaft auf!“ Dissonanz statt Harmonie.

Neben der Gemeinde der für das Wort Gottes Empfänglichen trauert die der vom Wort Luthers Begeisterten. Warum, fragen sie, soll denn gerade Luther, der begnadete Schöpfer der deutschen Schriftsprache, umgeschrieben werden? Schreiben die Spanier etwa Cervantes um, die Italiener Dante, die Engländer Shakespeare? Werden wir demnächst Goethe umschreiben? Wird bald niemand mehr biblische Zitate bei Goethe, bei Thomas Mann, bei Brecht erkennen können, weil er sie so in der Bibel nie gelesen hat? Und soll das immer so weitergehen? Im Institut für neutestamentliche Textforschung an der Universität Münster warten noch 5300 Handschriften, weitere Tausende im Sinai-Kloster. Muß dann Luther immer wieder korrigiert werden, wenn die Auswertung dieser Texte neue Varianten verfügbar macht?

Eine frohe Botschaft gab es 1984 immerhin: Die Evangelische Kirche in Deutschland hat einen revidierten Text des Neuen Testaments herausgegeben. Da fragt, man sich zwar auch manchmal, was damit wirklich gewonnen ist, wenn da aus „jeglicher“ ein „jeder“ gemacht wird. Aber immerhin ist die Luther-Bibel in der Fassung von 1984 wieder erkennbar geworden.

Es ist ja gar nichts dagegen und sogar vieles dafür zu sagen, wenn jeder sich seine eigene Bibel zurechtmacht. Wir sind offenbar seit Faust ein Volk von Bibelübersetzern. In der Fassung von Walter Jens lesen sich Weihnachtsgeschichte und Matthäus-Evangelium sehr schön. Wer Ludwig Merkles „Neues Testament bairisch“ oder Fred Dengers „Der große Boß“ im Pop-Jargon lesen will – warum denn nicht?

Aber die Autorität der Kirche sollte nur hinter einer Bibel stehen, und diese eine sollte der Luther-Bibel von 1545 so ähnlich wie irgend möglich sein. Sie sollen endlich Schluß machen mit diesen dauernden Umfummeleien oder, mit den viel eindrucksvolleren Worten Luthers gesagt: Das Wort sie sollen lassen stahn!