Hamburg

Er machte niemandem einen Vorwurf. Weder dem toten Barkassenführer Ulrich Wrack noch dem Führer des Schleppzugs Günther Peinemann. Und auch nicht dem Vorsitzenden des Hamburger Seeamtes, Gerd Moritz, der die Verhandlung über das Barkassenunglück im Hamburger Hafen mit dem Taktgefühl leitete, das die 19 Todesopfer geboten.

Um so beklemmender wirkten die einfachen Sätze, die Wolfgeorg Rosenhagen, Geburtstagsgastgeber auf der Unglücksbarkasse „Martina“, am Schlußtag der Seeamtsverhandlung in Hamburg sagte: „Wenn Sie hier sagen, das Unglück entsprach den Vorschriften, dann wären wir sehr niedergeschlagen.“

Tatsächlich formulierte das Seeamt einige Stunden später einen Spruch, der dem 66jährigen Barkassenführer Ulrich Wrack wohl die Schuld („menschliches Versagen“) zuwies, jedoch nicht erklären konnte, weshalb es trotz Einhaltung aller Vorschriften zu dieser Katastrophe kam. „Das war ein Versehen“, sagte – Gerd Moritz in seinem Schlußwort, „wie es hundertmal gutgeht und einmal zu so einer Katastrophe führt.“

Durch die Zeugenaussagen wurde bestätigt, daß in der Tat die im Hamburger Hafen gültigen Vorschriften eingehalten worden waren: daß der Schleppzug der „Therese“ vorschriftsmäßig beleuchtet war, daß die Barkasse „Martina“ keine technischen Mängel aufwies, daß auch der Barkassenführer Ulrich Wrack bis zu diesen letzten Sekunden vor dem Unglück nie einen Anlaß zu Beanstandungen gegeben hatte.

Der Führer des Schleppzugs, Günther Peinemann, kam als erster in den Zeugenstand. Er machte seine Aussagen mit der Bestimmtheit eines Mannes, der Verantwortung zu tragen gewohnt ist. Er habe, mit seinem Schleppzug elbaufwärts fahrend, bei guter Sicht gesehen, wie „ein kleines Fahrzeug“ aus dem Kornbrand (einem Seitenarm der Elbe) kam. „Er kam direkt auf uns zu; aber er hatte ja genug Zeit, noch wegzudrehen, als wir ihn quer hatten. Aber er fuhr einfach weiter.“

Als daraufhin der als „Ankläger“ fungierende Bundesbeauftragte, der immer noch schneidige Konteradmiral a. D. Heinz Birnbacher, die Frage stellt, weshalb er denn angesichts der Katastrophe nicht noch ein Warnsignal gegeben habe, gibt es einen kleinen Aufstand auf den Zuschauerrängen, die überwiegend mit Fahrensleuten aus dem Hamburger Hafen besetzt sind. Protest kommt auf und böses Gelächter. „Ich kann doch nicht jedesmal Signal geben“, kontert der Schlepperkapitän, „wenn ein Schiff auf mich zukommt.“ Und er reagiert Augenblicke später, als ihm der Bundesbeauftragte die Frage stellt, weshalb er keine Rettungsringe geworfen habe, zum erstenmal in sichtlicher Erregung: „Ich hab’ keine Ringe geschmissen, ich hab’ Leute rausgeholt aus dem Wasser.“