Von Gabriele Venzky

Delhi, im Dezember

Als der Hubschrauber der indischen Marine mit einer Stunde Verspätung einfliegt, erheben sich wie auf Kommando die etwa 8000 auf dem Cricketplatz von Panjim versammelten Menschen und winken fröhlich hinauf. Ein weißer Ärmel winkt zurück. Kein Jubel, kein Geschrei, eher eine selbstverständliche, freundliche Begrüßung wie unter guten alten Bekannten. Dabei kennt man ihn gar nicht, man hat nur viel von ihm gehört: Rajiv Gandhi kommt zum ersten Mal als Indiens Premierminister nach Goa.

Die Wahlveranstaltung ist ein gesellschaftliches Ereignis. Das wohlsituierte Bürgertum erscheint in dunklem Anzug, feinem Seidenkleid und elegantem Sari, die Ärmeren haben ihre besten Sachen angezogen. Die paar dunkelverbrannten Goa-Jünglinge, die sich in die typische Congreß-Kluft (grobe weißgesponnene Baumwolle und weißes Nehru-Schiffehen auf dem Kopf) geworfen haben und in dieser immer noch sehr portugiesischen Enklave fehl am Platze wirken, werden gutmütig ausgelacht.

Die meisten sind aus Neugier gekommen. Sie wollen sich diesen jungen Mann einmal aus der Nähe ansehen. Das Podium ist mit Blumengirlanden, einem Porträt Indira Gandhis, auf dem sie wie eine Hexe aussieht, und einer nicht minder entstellenden Darstellung Nehrus und Mahatma Gandhis geschmückt. Rajiv, ganz in Kahadi-Weiß, einen dicken Winterschal um den Hals, ist nach 200 Wahlveranstaltungen in weniger als drei Wochen sichtlich abgemagert. "Ich kann doch in Hindi sprechen?" fragt er in Hindi die lokale Parteipräsidentin. Die nickt etwas bedenklich. In Goa ist Hindi, die Sprache von draußen, von Indien, wie man mit deutlicher Distanzierung zu sagen pflegt, nicht eben beliebt. Aber Rajiv versteht es, seine Zuhörer für sich einzunehmen. Zwar reißt er sie nicht zu Begeisterungsstürmen hin, wie das seine Mutter jedesmal schaffte. Aber wo immer er auftritt, da hören ihm die Leute mit großer Aufmerksamkeit zu. Er spricht sehr ruhig, sehr langsam, die ausladende Rhetorik, die in Indien eigentlich dazugehört, fehlt völlig.

Tatsächlich hat mit Rajiv ein neuer politischer Stil Einzug gehalten. Alle seine Reden beginnt er mit der Sympathiewerbung, dem Märtyrertod Indira Gandhis. Das ist der Hauptschlager der Congreß-Partei, damit will sie die Wahlen gewinnen, die am 24. und 27. Dezember stattfinden. "Nur der Congreß ist das wahre Erbe Gandhis, Nehrus und Indirajis", sagt Rajiv, "darum stimmen Sie für uns. Nur der Congreß kann Indien zusammenhalten und gegen seine inneren und äußeren Feinde verteidigen, darum stimmen Sie für uns. Nur der Congreß kann Fortschritt und Stabilität garantieren. Die Leute nehmen die großen Worte ungerührt zur Kenntnis. Zum ersten Mal wirkt Rajiv Gandhi etwas irritiert, als auch noch sein Ausruf "Es lebe Indien!" mit Schweigen quittiert wird. Doch dann besinnt er sich und skandiert "Indira Gandhi", und die Versammlung antwortet: "Amar rahe" – "Sie wird ewig leben." Viele haben Tränen in den Augen.

Aber Goa ist nicht Indien, und wenn überhaupt, dann repräsentiert es den Süden, für den Delhi weit entfernt ist. Selbst aus der Ermordung Indira Gandhis läßt sich hier nicht viel Kapital schlagen. Ganz anders ist die Situation im Norden. Amethi ist Rajivs Wahlkreis. Die 1300 Dörfer in diesem rückständigsten Teil von Uttar Pradesh sind der Schauplatz erbitterter Wahlkampfschlachten. Denn hier tritt Maneka gegen Rajiv Gandhi an, die Witwe seines Bruders Sanjay. Bis zur Ermordung Indiras hatte Maneka eine gute Chance, ihren Schwager zu schlagen. Doch damit scheint es vorbei zu sein. Ihr Schicksal – die arme, von der bösen Schwiegermutter aus dem Haus geworfene Witwe – rührt nicht mehr. Aber an ihrem Sympathie-Verlust ist Maneka auch nicht ganz unschuldig. Die Schimpftiraden, die sie in ihrer frechen und respektlosen Art gegen Rajiv losläßt, verärgern die Leute. "So spricht man nicht von einem Premierminister."