Die wissenschaftliche Orwell-Biographie des britischen Politologen Bernard Crick

Von Eckhard Jesse

Das sogenannte "Orwell-Jahr", 1984, neigt sich seinem Ende zu. "Neunzehnhundertvierundachtzig" (nicht "1984") ist der Titel des berühmten Romans von George Orwell. Seit seinem Erscheinen gilt diese Jahreszahl als Symbol für "Überwachung" "totale Manipulation und "Gleichschaltung". Die Ubiquität von Orwell und "1984" ist bemerkenswert: 1984 erschien eine Neuübersetzung des Romans, ein großformatiger Faksimile-Druck, ein Theaterstück von Pavel Kohout, eine Neuverfilmung mit Richard Burton in seiner letzten Rolle; die Frankfurter Buchmesse stand unter dem einigermaßen merkwürdigen Motto "Orwell 2000", und – last not lernt – eine Vielzahl von Büchern, die im Titel mit "Orwell" und "1984" werben, kam auf den Markt.

Viel Unsinn wurde da geschrieben. Es wurde gegen Computertechnologen polemisiert, gegen Einwohnerdatenbänke zu Felde gezogen und jeglichen Formen der akustischen oder optischen Überwachungstechnik der Kampf angesagt. Berufen sich diejenigen, die apokalyptische Visionen aufgrund der allgegenwärtigen Technik beschwören, zu Recht auf George Orwell? Wer eigentlich war Orwell, dessen Persönlichkeit so stark hinter seinem letzten Werk zurücktritt – dem Buch mit der wohl höchsten Auflage seit 1945? Testamentarisch hatte er sich jede Biographie verbeten, vielleicht deshalb, weil er wußte, wie schwierig es sei, das Wesen einer so widerspruchsvollen und zum Teil rätselhaften Gestalt angemessen zu erfassen. Die erste umfassende Biographie, aus der Feder von Bernard Crick, einem bekannten britischen Politologen, wurde Anfang der achtziger Jahre vorgelegt und erschien auf deutsch:

Bernard Crick: "George Orwell. Ein Leben"; aus dem Englischen von Friedrich Polakovics unter Mitwirkung von Harald Raykowski; Insel Verlag, Frankfurt 1984; 864 S., 56,– DM.

Crick hat viel neues Material aufgespürt. Bei mehr als 150 Personen bedankt er sich für die ihm zuteil gewordene Hilfe. Der einzelgängerische Orwell, verschwiegen und verschlossen "in eigener Sache", hat keine Tagebuchaufzeichnungen hinterlassen und kaum Briefe persönlichen Inhalts. Crick hat das Leben und Werk Orwells einfühlsam nachgezeichnet, wobei er die Zeitumstände notgedrungen etwas vernachlässigt. Ihm kam es nicht darauf an, alle Widersprüchlichkeiten zu glatten und sämtliche Lücken zu schließen. Häufig zitiert er Orwell und dessen Zeitgenossen. (Damit erklärt sich ein Teil des beträchtlichen Umfangs.) Aber die Präsentation des Materials entbindet in der Tat nicht von einer Bewertung, wiewohl Crick keine psychologisierende Biographie vorgelegt hat.

George Orwell, 1903 als Eric Blair geboren, führte ein wechselvolles Leben. Er ging auf eine Privatschule, wurde Eton-Stipendiat (1917-1921) und hatte wohl eine nicht sonderlich glückliche Kindheit und Jugend. Crick wendet sich mit Verve gegen die weitverbreitete Auffassung, Kindheit und Schulzeit hätten Orwell stark geprägt oder gar Einfluß auf die Ausformung seiner späteren Werke gehabt. Da die Leistungen in der Schule zu einem Universitätsstipendium nicht ausreichten, meldete er sich zur Kolonialpolizei in Burma (1922-1927). Doch fühlte er sich während dieser Zeit so isoliert und vereinsamt, daß er sein Abschiedsgesuch einreichte. Danach lebte er als Landstreicher (bis 1931), weil er das Leben der Armen aus eigener Erfahrung beschreiben wollte.