Zuerst die gute Nachricht: Streßgeplagte Schüler können aufatmen, fortan soll die Schule wieder Spaß machen. Die schlechte Nachricht: Betroffen sind davon zunächst nur die Schüler des Freistaates Bayern.

Die Buam und Madin sollen im Unterricht weniger Stoff, „diesen aber gründlicher lernen“, forden der kulturpolitische Arbeitskreis der CSU-Landtagsfraktion in einem Positionspapier, das für eine umfassende Reform des Schulwesens in Bayern eintritt und die CSU damit überraschend an die Spitze des Fortschritts katapultiert.

„Es muß nicht alles vom Kultusminister verordnet werden“, meint Otto Meyer, CSU-Ausschußvorsitzender. Anarchische Zustände, wie in den „freien Schulen“ also? Das ginge denn doch zu weit. Die Kommunalpolitiker rücken nicht in die Nähe alternativer Umstürzler, denn ihr Programmentwurf orientiert sich „an althergebrachten pädagogischen Grundsätzen“. Zu den Grundsätzen gehören zum Beispiel mehr „praktisches Tun als Theorie im musischen BereichDer Lehrplan soll sich wieder verstärkt dem deutschen Liedgut zuwenden. Ob damit „Im Frühtau zu Berge wir zieh’n, fallen“, oder auch neuere deutsche Folklore in die Richtlinien einziehen, ist noch nicht ausdiskutiert.

Zum Spaß in der Schule tragen allerdings künftig nicht nur das Anstimmen der Volksweisen bei, auch „Ordnung und Sauberkeit können Freude machen“, behauptet Otto Meyer. Neben den Sekundärtugenden muß aber „das Wichtige“ aus Religion, Deutsch und Mathematik gelernt werden, und hier heißt es oben. Das macht vielleicht doch nicht ganz soviel Spaß, kann aber nach Meinung des CSU-Arbeitskreises ebenfalls zur lustvollen Tätigkeit geraten – dann nämlich, wenn „die Anstrengung richtig motiviert wird“. Wie aber könnle die richtige Motivation für die vielfach Gefrusteten aussehen? Gummibärchen oder bunte Heiligenbilder? Zu dieser Frage schweigt das Positionspapier.

Die nur mittelmäßig Motivierten müssen wohl auf der Hauptschule bleiben und, so die Meinung Otto Meyers, im übrigen müsse ja nun wirklich nicht jeder auf das Gymnasium gehen: „Vielfach fehlen nämlich gute Handwerker und Facharbeiter, während mehr als genug Akademiker vorhanden sind.“ Zuviel Wissenschaftlichkeit sei ohnehin von Schaden, nicht nur für die Pennäler, auch die Lehrer sollten sich in erster Linie endlich wieder als richtige Pädagogen verstehen, finden die CSUler. Wie zitiert Rudolf Reiser in seinen Lehrergeschichten den bayerischen Prinzregenten Luitpold? „Machen Sie meine Lehrer nicht zu gescheit“, soll er beim Besuch eines Freisinger Schullehrerseminars gesagt haben. Bis in die Weimarer Zeit hinein genügte den Bajuwaren der Lehrer mit Volksschulabschluß – und warum sollten die Vorteile der guten alten Zeit nicht auch heute wieder zum Zuge kommen?

Im übrigen müssen aber auch die Rahmenbedingungen in diesem traditionsbewußten Land stimmen: „Eine gute Familienpolitik hilft der Schule“, schreiben die CSU-Abgeordneten dem Familienminister ins Stammbuch. Wozu schließlich teure Nachhilfeinstitute bezahlen, wenn die Mama daheimbleiben und nachmittags helfen kann? Auch deshalb dürfte es hilfreich sein, den Unterrichtsinhalt nicht allzu anspruchsvoll zu gestalten.

Während das Positionspapier von Eltern- und Lehrerverbänden teils freudig, teils geschockt aufgenommen wurde, bringen vier CSU-Abgeordnete einen Antrag im Landtag ein. Ziel: die Lehrerbildung an den Universitäten endlich der schulischen Realität anzupassen. Es gibt durchaus Grund zu Optimismus. Kultusminister Hans Maier signalisierte schon vorab grundsätzliches Einverständnis mit den angesprochenen Positionen.

Der Schüler, der während des Katholikentages 1984 auf einem Zettel seine Meinung zur „Schule heute“ an eine Pinnwand heftete, muß wohl ein Bayer gewesen sein. Er schrieb: „Man lernt meistens nur Schmarrn.“ Dörte Schubert