Es wäre nicht nötig gewesen, daß ein Terror-Mädchen bei einem Münchner Journalisten anrief, um ihm zu sagen, die für 13 Uhr am 18. Dezember 1984 vorgesehene Explosion eines mit Sprengstoff beladenen Audi 80 vor der Nato-Schule in Oberammergau sei von der Roten Armee Fraktion (RAF) geplant worden. Allein das Mißlingen des Anschlages sprach für seine Urheber. Noch während ein Untergrund-Kommando der RAF die Tat vorbereitete, hatten (am 13. Dezember) in den bundesdeutschen Strafvollzugsanstalten zwischen Straubing, Stuttgart-Stammheim und Lübeck 30 RAF-Häftlinge einen unbefristeten Hungerstreik mit dem alten Ziel begonnen, zu "interaktionsfähigen Gruppen" zusammengelegt zu werden.

Die dazu gehörige "Hungerstreikerklärung" ist das erste schriftlich niedergelegte Denkerzeugnis der Terroristen seit der Schrift über "Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front" vom Frühjahr 1982. Der aufgeblasene Stil und die konfuse Argumentation lassen auf ein und denselben Urheber schließen: auf Helmut Pohl, einen Baader-Meinhof-Gefolgsmann aus den frühen siebziger Jahren, der selbst schon fünf fahre Haft wegen Beteiligung an einem Raubüberfall der RAF hinter sich hat und, inzwischen 41 Jahre alt, erneut wegen Beteiligung an den Mordanschlägen gegen den US-General Kroesen und gegen Offiziere auf dem amerikanischen Fliegerhorst Ramstein in Untersuchungshaft sitzt.

Was haben sich die noch in Freiheit lebenden Untergrund-"Kämpfer" der RAF eigentlich gedacht, als sie den Mann in amerikanischer Heeresuniform das Sprengstoff-Auto vor dem Schulgebäude in Oberammergau parken ließen, damit es um die Mittagszeit mit 25 Kilogramm Dynamit und einer Tasche voller Schraubenmuttern wie ein gewaltiges Schrapnell explodieren und möglichst viele aus- und eingehende Menschen in Stücke reißen sollte? Dieses Attentat mit – für den Fall seines Gelingens – grauenvollen Auswirkungen, dieser Massenmord war ganz offensichtlich geplant, um der Hungerstreik-Aktion Nachdruck zu verleihen. Dabei haben sich die streikenden Straf- und Untersuchungshäftlinge wie auch früher schon ausdrücklich den Status von "Kriegsgefangenen" zuerkannt und die Anwendung der Genfer Konvention auf ihre Haftbedingungen verlangt. Mit dem Hinweis am Ende der Erklärung: "Der Streik der irischen Gefangenen ’81 ist uns Orientierung", deuten sie ihre Bereitschaft an, sich für das von den Strafvollzugsbehörden verweigerte Ziel der Zusammenlegung notfalls zu Tode zu hungern. In einer solchen Situation ist das Vorgehen des Terror-Kommandos der noch freien RAF-Genossen in Oberammergau rationalen Erwägungen nicht mehr zugänglich. Sie können im Ernst nicht geglaubt haben, damit den Häftlingen zu helfen wie einst mit der Lorenz-Entführung, mit der es der RAF erst- und letztmals gelang, den Staat zu einpressen und für eine Gruppe von Gefangenen die Freiheit zu gewinnen.

Ganz unbegreiflich erscheint auch die, wie Fahndungsbeamte es nennen, beinahe zwanghafte "Planungstreue" der Täter: Sie halten sich strikt an Vorhaben, die der Polizei seit langem bekannt sind und von denen sie wissen, daß sie der Polizei bekannt sind. Als Streifenbeamte am 2. Juli dieses Jahres in einer Frankfurter Wohnung sechs Terroristen festnahmen – darunter auch den mutmaßlichen Pamphlet-Verfasser Helmut Pohl fanden sie neben Waffen und einer Fülle von Aufzeichnungen auch ein mit militärischer Präzision abgefaßtes Papier über die Ausspähung der Oberammergauer Nato-Schule nebst vollständiger Lageskizze und einem Meßtischblatt über die nähere Umgebung: "Unsere Vorstellung ist, von einer Mulde am Waldrand an das Gebäude heranzukommen." Freilich zeigten sich angesichts des schwierigen Geländes (Hanglage, doppelter Sicherheitszaun) "Probleme, die noch nicht gelöst sind".

So lösten sie die Probleme am Ende ähnlich wie im Herbst 1981 bei dem mißglückten Bombenanschlag auf das Stabsgebäude der US-Airforce-Base in Ramstein: Sie fuhren ein mit Sprengstoff beladenes Auto auf den Parkplatz vor das Schulgebäude. In Ramstein versagte damals die "Huckepack"-Bombe – sie sollte den eigentlichen Sprengkörper in die Luft schleudern, damit er in genau berechneter Höhe explodierte in Oberammergau funktionierte der Zeitzünder nicht ordentlich; außerdem waren Wachleute mißtrauisch geworden, weil der als amerikanischer Soldat verkleidete Fahrer des Wagens nicht das Schulgebäude betrat, sondern sich eilig davonmachte.

Die RAF-Genossen, die den Anschlag von Oberammergau vorbereiteten, haben gezeigt, daß sie – trotz aller Einbußen an Personal und Logistik – noch immer zu größeren Mordaktionen fähig sind. Doch müssen sie wohl auch der Verzweiflung nahe sein: Nichts ist mehr in ihrem Sinne "geglückt" seit dem Desaster von Mogadischu: Im Juni 1979 entging der damalige Nato-Oberbefehlshaber in Europa, General Alexander Haig, wenn auch nur knapp, dem Bombenanschlag nahe seinem Hauptquartier bei Brüssel. Die Ramstein-Bombe zündete nicht. Die dem US-General Kroesen zugedachte Panzerfaust traf zwar dessen Wagen, durchschlug aber nicht die Panzerung. Und nun Oberammergau. Die in bundesdeutschen Gefängnissen sitzenden RAF-Leute können sich bei ihren "Helfern" bedanken. Über kurz oder lang werden die ohnehin ihr Schicksal teilen. Nur gibt es bald niemanden mehr im Lande, der an ihnen noch das menschliche Antlitz zu erkennen vermag. Hans Schueler