Von Ludwig Hang

In Fontanes Roman "Cécile" sitzt eine gebildete Gesellschaft an der table d’hôte. Eginhard Aus dem Grunde, ein Privatgelehrter, spricht vom deutschen Märchen, das von ältester Zeit her ein vollkommenes Pfefferkuchenhaus kenne, sozusagen ein Pfefferkuchenhaus nur in der Idee. Sobald er aber, so erzählt der Gelehrte weiter, in der Weihnachtszeit diesem deutschen Pfefferkuchenhaus in der Konditorei Degebrodt in der Leipziger Straße greifbar begegne, empfinde er jedesmal eine tiefe kindliche Freude darüber, daß es dieses ideale Pfefferkuchenhaus auch in Wirklichkeit gebe.

"Der unsere Zeit und unsere Kunst entstellende Realismus hat seine Gefahren, aber, wie mir scheinen will, auch sein Recht und seine Vorzüge", sagt er, und dieses Ineinandergreifen von Wirklichkeit und Idee, dieses Entsprechen von Vorstellung und Tatsächlichkeit, die Einsicht, daß man wohl keine Sachen besitzen könne, ohne zuvor Bilder von den Sachen gehabt zu haben, bewegte mich als Kind schon, ohne von diesem Zusammenhang etwas zu wissen, auf zauberischste Weise, als ich begann, die Märchen der Brüder Grimm zu lesen.

Diese Märchen vom Wünschen und Erfüllen sind für mich zum Inbegriff des lebenswerten Lebens überhaupt geworden, so wie Pieter Breughels Gemälde vom Schlaraffenland, in dem sich ein ewiger Sonntag ausbreitet, für Ernst Bloch zum utopischen Bild seines Prinzips Hoffnung gewesen ist, "weil jedes Tretrad fehlt und nicht mehr als Trinkbares, Gesottenes, Gebratenes vorkommt", erzählt er im "Prinzip Hoffnung". Es ist nicht nur die Sehnsucht, sondern geradezu das revolutionäre Verlangen nach dem Schweinernen mit dem pfälzischen Blick auf "das Ferkel, das rückwärts steht und bereits das Tranchiermesser bei sich trägt".

Hier öffnet sich sperrangelweit das verlorene Paradies, in dem Milch und Honig fließen, hier duften Fischarts Lebkuchenwände und Fladendächer, Hänsel und Gretels Pfefferkuchenhaus, und der süße Brei des armen frommen Mädchens lassen uns das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ja, das Märchen der Brüder Grimm ist selber dieser süße Brei, "steigt über den Rand hinaus und kocht immerzu, die Küche und das ganze Haus voll, und das zweite Haus und dann die Straße, als wollt’s die ganze Welt satt machen".

Hier, im Märchen der Brüder Grimm, wird nicht so getan, als brauche man nur hinzulangen, und schon habe man das Pfefferkuchenhaus in der Hand, als brauche man nur das Maul aufzusperren, und schon flögen einem die gebratenen Tauben hinein, als brauche man nur zu sagen: "Töpfchen, koche!" und schon flösse der süße Brei; im Gegenteil, das Märchen "vom Krüglein, das nie versiegt, und das nur die reine Unschuld in ihrer Gewalt hat", wie die Brüder Grimm in ihren Anmerkungen schreiben, ist zugleich auch ein Lehrstück konkreter Utopie: "Daher erläutert Grimm das Märchen vom Schlaraffenland in seinem Sozialen auch technisch: ‚Die menschliche Einbildungskraft befriedigt hier das Verlangen, das große, alle Schranken zerschneidende Messer einmal mit voller Freiheit zu handhaben.‘"

Mein Märchenbuch war ein Bändchen aus Reclams Universalbibliothek: "Fünfzig Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm, mit zwölf Bildern von Ludwig Richter", ein Buch, das schon meiner Mutter gehört hatte, früh aus dem Faden gegangen und nicht mehr zu flicken war, gerade als es nötig gewesen wäre, es immer wieder in die Hand zu nehmen, damit ich es eines Tages aus freiem Willen hätte weglegen und mich anderen Büchern hätte zuwenden können, Geschichten, die wahrhaftiger, und Romanen, die realistischer waren. Aber da es eines Tages verschwunden und nicht wieder aufzufinden war, mußte ich mich mit meinem Kopf behelfen. Es begann die Zeit der Kopfjagden, der Kopfschlachten, der Kopfabenteuer, bei denen es allerdings keine blindwütigen Handgreiflichkeiten, sondern vorgeplante Spiegelfechtereien gab, in denen die alten Märchenfiguren zu einem zweiten Leben erwachten.