So bin ich mehr Kind geblieben, als es mir manchmal lieb ist, doch auf diese Weise bleibe ich mit dem Hans im Glück wunderbar errettet, wenn der Stein in den Brunnen und zugleich ihm vom Herzen fällt und ich mit Hans heimkehre, "mit leichtem Herzen und frei von aller Last".

Wolfgang Koeppen erzählt, daß er es lieber mit den Märchen der Brüder Grimm hält als mit den Märchen der sogenannten Erwachsenen. "Alle.. . glauben", sagt er, "wider alle Erfahrung, die gewöhnlichen Märchen der Börsenkurse, des Wachstums, der Weltwirtschaft, der Staatslehre, des Rechts, nehmen hin die Heilrufe der Politik und der Revolutionen, die Endzeiterwartungen jeder Generation." In seiner Einleitung "Märchendank" des Insel-Buchs "Deutsche Märchen" sagt er: "Ich weiß, daß Marlenichen wird alle meine Knochen unter dem Machandelbaum suchen und wieder zusammenflicken."

Das Notwendigsein von Märchen, wie es von einer ganz anderen Seite her Bruno Bettelheim vertritt ("Märchen sind unrealistisch, aber nicht unwahr", sagt er in "Kinder brauchen Märchen"), zeigt sich selbst in extremen Lebenssituationen (in "Erziehung zum Überleben" beschreibt er die märchenhaftesten Abwehrmechanismen zum Überleben – auch im KZ –, wie Realitätsverleugnung, Euphemismen, Tagträume): Dieser Gesichtspunkt leitet mich auch bei der Betrachtung einer Reihe von Büchern, die zum Brüder-Grimm-Jubiläum erschienen sind.

Jacob, am 4. Januar 1785, und Wilhelm Grimm, am 24. Februar 1786 geboren, ein Brüderpaar, das ein Leben lang gemeinsam gespielt, gelitten, gelernt, gearbeitet hat, schufen neben dem gewaltigen Werk des "Deutschen Wörterbuchs" mit ihrer Sammlung der "Kinder- und Hausmärchen" einen, wie Mörike schreibt, "goldenen Schatz wahrhafter Poesie": Die Märchen "leben unter uns wie die immer wiederkehrenden Jahreszeiten mit einer so selbstverständlichen klimatischen Kraft", wie Oskar Loerke sagt, und handeln doch zugleich "von einer unheilen Welt, die nicht wenige negative Verhaltensmodelle der heutigen vorwegnimmt", wie Wolfgang Hildesheimer es formuliert.

Die komplette Sammlung dieser Märchen (Kassette mit drei Bänden samt den Originalanmerkungen) ist als Jubiläumsausgabe bei Reclam erschienen; es ist, als trete man über einen dicken Zauberteppich von Paul Klee in die Märchenwelt ein, so duftig und gedämpft ist der Umschlag von Jürgen Reichert gestaltet, und wenn man wieder aus ihr heraustritt, dann sollte man es nicht tun, ohne auch das Nachwort des Herausgebers Heinz Rölleke gelesen zu haben: Er rollt den Teppich gleichsam wieder zusammen, und es bleibt nichts daruntergekehrt.

Rölleke räumt mit vielen Vorbehalten und Vorurteilen auf. Mich hat am meisten beeindruckt die Sorgfalt, mit welcher er beschreibt, wie sehr, das Märchen der Brüder Grimm seinen Zauber und seine Wirkung durch sich selbst, seine sprachliche Beschaffenheit, seine poetische Kraft entfaltet, daß es eben nicht irgendein volkskundliches, gesellschaftspolitisches, psychologisches Substrat ist. Rölleke beschwört das Erzählen im Geist der Parataxe, sein Vergleich mit der antiauktorialen Erzählkunst Kafkas ist verblüffend und treffend in eins. Indem er Fontanes Satz zitiert, "der Stoff findet sich schon; was ihm erst Wert leiht, ist sein Vortrag; der Ton entspricht dem Odem, der Leben und Seele gibt", weist er auch die törichten Vorwürfe zurück, die Grimms hätten nichts anderes getan, als über hessische Märchenerzähler und -erzählerinnen auf französische Vorbilder (Perraults Märchensammlung) zurückzugreifen.

In einem respektlosen, zuweilen witzigen Cartoon von Heinz Langer "Grimmige Märchen", in dem sich erstaunliche Vergegenwärtigungen, oft verblüffende Schlaglichter auf heutige Zustände finden, ist im Vorwort der dümmliche Satz zu lesen: "Um deren (der Märchen) Herkunft zu vertuschen, tümelte er (Wilhelm Grimm) sie etwas deutsch um ... um die alten französischen Storys in die Grimmsche Gegenwart einzubinden, wurde damals schon kräftig getrickst, verschmitzt nach Professorenart."