Ein Traditionalist, der das unauffällige Natürliche dem auffälligen Ungewöhnlicher! vorzog

Von Wolfgang Voigt

Der Name Paul Schmitthenners wirkt auf nicht wenige immer noch wie ein rotes Tuch – der Sympathie wegen, die der Stuttgarter Architekt eine Zeitlang für die Nationalsozialisten gehegt hatte, aber auch, weil er ein prononcierter Gegner des Neuen Bauens in den zwanziger Jahren war. Sich ihm mit kritischer Unbefangenheit zu nähern, gelingt am ehesten jungen Leuten – wie dem Diplom-Ingenieur Wolfgang Voigt, der als freier Architekturhistoriker in Hamburg lebt.

paul Schmitthenner, der am 15. Dezember 100 Jahre alt geworden wäre, gehört zur Generation der Architekten, die mit dem „Neuen Bauen“ von sich reden gemacht haben. Doch nicht zufällig hat es an seinem Hundertsten keine einmütige Feier gegeben. Zwar wurzelt auch er in den großen Reformbewegungen des Deutschen Werkbundes und der Gartenstadt vor dem Ersten Weltkrieg. Als Traditionalist und – in den Jahren 1932 bis 1934 – überzeugter Parteigänger der Nazis, geriet er jedoch mit den Vertretern der gerade entstandenen „Neuen Sachlichkeit“ so heftig aneinander, daß die Gegensätze von damals bis heute nicht völlig überwunden sind.

Die Wirkungen, die von Paul Schmitthenner und seiner Schule ausgegangen sind, finden erst seit kurzer Zeit die Aufmerksamkeit der Architekt turhistoriker, denen es nur allmählich gelingt, sich von der ausschließlichen Identifizierung mit den Siegen der modernen Bewegung zu lösen. Daß die Kooperation der Architekturfakultäten in Paris, Venedig und Hamburg hierzu eine seit 1980 international geführte Diskussion möglich machte, hat diesen Prozeß wesentlich vorangebracht.

Die traditionalistische „Stuttgarter Schule“, die Schmitthenner von 1918 an mit Paul Bonatz und Heinz Wetzel an der Stuttgarter Technischen Hochschule etablieren konnte, bildete bis zum Beginn der fünfziger Jahre eine mächtige Unterströmung in der deutschen Architekturszene. Nur der publizistische Erfolg der verschiedenen Hochburgen der Moderne – wie das Bauhaus in Weimar und Dessau, das Neue Frankfurt, Berlin – überstrahlte in den Zwanziger Jahren ihre Einflüsse. Nach 1933 bestimmte sie die Alltagsarchitektur stärker als der offizielle Staatsklassizismus Albert Speers.

In seinem Buch „Das deutsche Wohnhaus“, einem populären Werk, das zwischen 1932 und 1950 drei Auflagen erreichte, präsentierte Schmitthenner einige seiner Wohnhäuser vor einem breiten Publikum. Das 1984 wieder aufgelegte Buch, für das der Hamburger Architektur-Professor Hartmut Frank eine kritische Einführung geschrieben hat, besticht auch heute durch die liebevollen Details und die unauffällige Schönheit dieser Bauten, die aussehen, als hätten sie immer an ihrem Platz gestanden. Das verträumte und dennoch sachliche „Schmitthennerhaus“ wurde zum Idol einer Generation. Dem als Urbild des deutschen Bürgerhauses gefeierten Gartenhaus Goethes rückte es als zeitgenössischer Prototyp an die Seite.