Geheimniskrämerei um einen der bisher größten Lebensmittelskandale in der Bundesrepublik

Von Herbert Schäfer

Der Gedanke, daß er „auf Geheiß von oben“ einen der übelsten Lebensmittelskandale schweigend ins neue Jahr hinübernehmen müsse, bereite ihm schlaflose Nächte. Der einzige Trost: Dadurch würden – jedenfalls bis auf weiteres – die Verbraucher hinsichtlich der Qualitätskontrolle ihrer Nahrung vor erheblichem Vertrauensschwund bewahrt. Mit diesem „Geständnis“ verblüffte ein leitender Beamter der Gewerbeaufsieht in Norddeutschland ein paar Freunde bei der feuchtfröhlichen Feier zum Jahresausklang. Was ihn offenbar sehr bedrückt, ist die „Verschlußsache Schleuder-Ei“, die zur Zeit unter Bonner Aktenzeichen 423-7464-31/5 in den Schubladen sämtlicher oberster Gesundheits- und Veterinärbehörden bei Bund und Ländern schlummert.

Nie zuvor wurde bei einem Fall schwerer Wirtschaftskriminalität eine solche Geheimniskrämerei praktiziert. Nie zuvor gab es in den dafür zuständigen Behörden soviel Verschwiegenheit. Offensichtlich fürchten manche Stellen eine böse Blamage – anders läßt sich die törichte Absicht wohl kaum erklären, eine Affäre solchen Ausmaßes noch länger vor der Öffentlichkeit zu vertuschen.

Jahrelang – das ist inzwischen bewiesen – hat die Bevölkerung der Bundesrepublik arglos Lebensmittel verzehrt, die aus dem für den menschlichen Genuß streng verbotenem „Schleuder-Ei“ – wie es im Branchenjargon heißt – hergestellt wurden. Dieser minderwertige Brei, nicht nur aus Dotter und Eiweiß frischer Eier hergestellt, gilt unter hygienischen Gesichtspunkten als hochgradig gefährlich. Wie verläßliche Laboranalysen zeigen, enthält er häufig nicht nur Salmonellen (Typhus-, Paratyphus-, Enteritisbakterien), sondern auch andere Keime und Fremdstoffe. Unter dem Sammelbegriff „technisches Ei“ darf dies Gemisch hierzulande nach dem Lebensmittel- und Bedarfsgegenstände-Gesetz (LMBG) allenfalls für Viehfutter, Pharma- und Kosmetikzwecke verwendet werden.

Doch jahrelang haben sogenannte „Aufschlagbetriebe für Schaleneier“ aus anderen EG-Ländern, die „Frisch-Ei“ für die Lebensmittelbranche liefern, unter dem falschen Etikett „Flüssig-Ei“ namhaften deutschen Lebensmittelproduzenten Waren aus angebrüteten Eiern zu Dumpingpreisen angedreht. Sie hatten es relativ leicht, weil an einwandfreiem flüssigem Vollei in nahezu sämtlichen Bereichen der Nahrungsmittelwirtschaft ständig großer Bedarf besteht: Flüssig-Ei wird für Nudeln, Back-, Süß- und Molkereiwaren ebenso gebraucht wie für diverse Liköre, Mayonnaisen, Würste und Fleischprodukte.

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