/ Von Friedhelm Mühleib

Der kleine Florian bot ein Bild des Jammers. Seit sieben Monaten, genau der Hälfte seines Lebens, litt er an einem stark juckenden, schorfigen Ausschlag im Gesicht, an Händen und Füßen, in den Ellbogen- und Kniebeugen. Die Eltern (sie wollen anonym bleiben) standen kurz vor dem Verzweifeln. Mehrere Ärzte hatten sie jetzt schon aufgesucht, die alle lakonisch "Ekzem" diagnostizierten, die Frage nach der Ursache mit einem Achselzucken quittierten und Cortison verschrieben. Nach kurzer Zeit der Linderung begann das große Jucken und Kratzen stets wieder von neuem. Enttäuscht von den Künsten der Schulmedizin suchten die Eltern bei einem naturheilkundlichen Arzt letzte Rettung. Der tippte auf Lebensmittelallergie – was sich als einzig richtige Diagnose erweisen sollte.

Zunächst gingen die Eltern mit ihrer Vermutung in die nächste Universitätsklinik. Der Allergologe, um eine entsprechende diagnostische Abklärung gebeten, beschied sie mit einem mitleidigen Kopfschütteln: Lebensmittelallergie? Nein, das könne nicht sein. Die sei ja so selten, daß es sie eigentlich gar nicht gibt.

Weil die Lebensmittelallergie nicht, ins bekannte Schema paßt, wird sie von vielen Ärzten immer noch ignoriert oder verleugnet. Dabei hat schon Hippokrates Lebensmittelallergien beschrieben, und mit dem Buch Food Allergy lieferte der amerikanische Allergologe Albert Rowe bereits 1931 die Grundlagen für Diagnose und Therapie dieser Krankheit. Die Schulmedizin kapituliert jedoch vor der Nahrungsmittelallergie. Denn sie ist mit den üblichen Tests nur selten nachzuweisen und zeigt so viele verschiedene Gesichter.

Die Krankheit tritt in den verschiedensten Körperregionen auf, mal hier, mal dort, ohne feste Regel und in den unterschiedlichsten Symptomkombinationen: Übelkeit, Erbrechen, Gastritis, Zungenödem, Entzündungen im Mund und Rachenbereich sowie Krämpfe der Speiseröhre können die Folgen im oberen Teil des Magen-Darm-Traktes sein. Weiter unten kann sich die Sache mit Durchfall, Blähungen, Koliken oder Colitis ulcerosa (Dickdarmgeschwür) bemerkbar machen.

In vielen Fällen bleiben die Symptome keineswegs auf den Verdauungstrakt beschränkt. Allergische Dermatosen, allergischer Schnupfen und Asthma können ebenso auftreten wie ganz unspezifische Beschwerden: Migräne, Gelenkschmerzen oder Hyperkinese ("übermäßige Bewegungstätigkeit"). Und die "klinischen Ökologen" führen sogar viele psychische Erkrankungen auf Lebensmittelallergien zurück. Diese Medizinerbewegung breitet sich in Amerika schon seit Jahren aus; in der Bundesrepublik wird sie seit kurzem in der Kaiserslauterner Pfaff-Stiftung von der Biologin Anne Calatin repräsentiert. Der Verdacht der "Klinischen Ökologen" reicht von Depressionen und bestimmten hysterischen Symptomen bis hin zu Konzentrationsschwächen und bleierner, ständiger "allergischer Müdigkeit".