Was nun: Abschreckung oder "Krieg der Sterne"?

Von Michael Schwelien

Ist der Sommer nuklear, bleibt es Winter Jahr für Jahr. (Neue Bauernregel).

Es ist 11.00 Uhr vormittags in New York, 6.00 Uhr abends in Moskau, ein Wochentag Anfang Juni 1985. Atomkrieg bricht aus. In der nördlichen Hemisphäre werden die meisten Städte, die mehr als hunderttausend Einwohner haben, bombardiert. Raketensilos, militärische Schaltzentralen, Industrieanlagen werden zerstört; auch "andere militärische und wirtschaftliche Ziele", wie Ölfelder, Raffinerien, Öllager, Chemiewerke, Wasserkraftwerke und Atomreaktoren. Ende mit Schrecken?

Nein, der Schrecken beginnt erst danach. Vor drei Jahren bat die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften den Holländer Paul Crutzen (Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz) und den Amerikaner John Birks (Universität von Colorado) um eine Studie über die Auswirkungen eines Atomkrieges auf die Atmosphäre. Paul Crutzen erinnert sich: "Eigentlich hatten wir keine Lust. Das Thema ist so unwissenschaftlich." Er meint es nicht zynisch, wenn er sagt: "Da läßt sich nichts testen."

Crutzen und Birks machten sich dennoch an die Arbeit. Mitte 1982 erschien ihr Aufsatz: "Die Atmosphäre nach einem Atomkrieg: Zwielicht am Mittag" in Ambio, der Umweltzeitschrift der Schwedischen Akademie. Der Aufsatz machte Geschichte. Wenigstens in den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Dort geht kein ernst zu nehmender Wissenschaftler und kein Stratege mehr an der Untersuchung von Crutzen und Birks vorbei. Jetzt, zum Jahreswechsel von 1984 auf 1985, bekamen die Theorien über den "nuklearen Winter" einen fast offiziellen Gültigkeitsstempel. Amerikas höchste Wissenschaftsinstanz, der "National Research Council", hat im Auftrag des Pentagon die Studien über die Klima-Umstürze nach einem Atomkrieg auf ihre Haltbarkeit hin abgeklopft.

Als der Harvard-Mathematiker George Carrier den 193-Seiten-Bericht des National Research Council vorlegte, bestätigte er: "Unsere Ergebnisse stimmen im hohen Maße mit den früheren Untersuchungen überein." Es bestehe, sagte Carrier weiter, "eine klare Möglichkeit", daß ein Atomkrieg genügend Rauch und Staub erzeugen würde, um das Sonnenlicht zu blockieren und gewaltige Temperaturstürze auszulösen.