Ich lernte dort das Krumme vom Geraden unterscheiden, und in den Lauben der Akademie die Wahrheit suchen.

Horaz, Brief an Julius Florus.

25. September 1984

Herrlich ist eine Autofahrt nach Rom! Bei Cortemaggiore vor Mailand setzt uns der Tankwart einen neuen Luftfilter ein, vor Piacenca will man uns bei Esso ganz neue Scheibenwischer verordnen, noch vor Parma empfiehlt uns der Shellmann ein neues Auspuffrohr, und wenn wir uns vor Modena neue Reifen von Pirelli hätten aufziehen lassen, dann wären wir in Rom mit einem funkelnagelneuen Auto angekommen.

Wie glänzte die Sonne, wie drohten die Gewitter! O wie gern würde ich schreiben, daß die Silhouetten der Zypressen wie Totenmale über den Weinhängen standen, daß von fernen Höhen Burgen und Bergnester zu uns herübergrüßten, daß es herdenweise Schäfchen zur Linken und in Riesensträußen Oleander zur Rechten gab, aber Bologna ist in Industriestaub gehüllt, Florenz in Überlandleitungen verstrickt, und die Feder sträubt sich mir auf unaussprechliche Weise.

30. September 1984

Mit Georg Hermann, dem Architekten, fahren wir hinaus in die Albaner Berge zu Manfred Esser. Hoch über dem See von Nemi wohnt er zwischen den Leuten des Dorfs, um seine Wohnzimmerfenster herum führt eine schmale Veranda, von der der Blick hinabgeht auf den unergründlichen Kratersee. Wir essen zu Mittag bei Fernando, seinem Freund, einem Metzger und Anarchisten, der auch Filme dreht, der liebevollste Mensch, der denkbar ist. Fernando hat Spaghetti und Pilzsoße gekocht, ein Lamm und Kartoffeln gebraten, die Pilze sind eigenhändig gepflückt, und das Lamm ist eigenhändig geschlachtet, die Gewürze sind mitfühlsam ausgewählt, und der Wein ist mitfühlsam abgefüllt, und bei Fernandos Körperbau und Geistesverfassung haben Eigenhändigkeit und Mitgefühl äneische Größe. Wir sitzen am Tisch in der Küche, unter einem Aquarell von Wintersperger und Zeichnungen, die Sartre zeigen und Ulla, Fernandos Frau, die aus Dänemark stammt. Wir essen und trinken, wir tafeln, aber das Gespräch führt Marcello, Fernandos Bruder, und er führt es so bestimmt, ja unerbittlich, daß Nerina, die Freundin der Familie, unentwegt die Augen aufschlägt und entgeistert ausruft: Santa Maria!