Als Alfred Hentzen sein Buch über "Deutsche Bildhauer der Gegenwart" schrieb, nahm er eine Wertung vor, die 1934 kulturpolitisch gerade noch durchgehen konnte. Er sah den Zeitraum durch die "drei großen Namen" bestimmt, die an seinem Anfang stehen: Barlach, Lehmbruck und Kolbe. Zwei davon bekamen bald darauf den Stempel der Entartung aufgeprägt. Zwischen den Ältesten und den Jüngsten jener ungewissen "Gegenwart" machte Hentzen eine Generation aus, "die das Schicksal von der Wirtschaftsblüte durch Krieg und Verfall zu neuer Hoffnung führte, und die dieses Schicksal männlich trug, fast immer gegen die Zeit, auf das Neue hoffend".

Damit hatte der 1903 geborene Kustos der National-Galerie sein eigenes Glaubensbekenntnis formuliert, knapp und ohne Pathos: fast immer gegen die Zeit, auf das Neue hoffend. Diese Hoffnung erfüllte sich endlich, als Hentzen an der Ausstellung "German Art of the 20th Century" mitwirkte, die das Museum of Modern Art 1957 zeigte. In seinem Text über die Bildhauer blieb er den einmal gesetzten Maßstäben treu, da er sie in der Kontinuität verankert wußte. Hentzen wählte keine der beiden Möglichkeiten, denen die deutsche Intelligenz auf ihrem Weg "Von Bismarck zu Picasso" (so nannte W. v. Uhde seine Erinnerungen) sich stellen mußte. Weder radikal noch konservativ, blickte er mit bewahrender Sympathie auf das, was ihn zu überzeugen vermochte. Dabei wählte er keine programmatischen Umwege und schlug auch die Krücken der Theorie aus. Sein Kunstverstand kam immer schnell zur Sache: "Das Ziel der Malerei ist das Bild, sonst nichts." Das erinnert an die lapidare Formel von Gertrude Stein – "a rose is a rose is a rose" –, und ist so wahr, wie die Überzeugung, die dahinter steht. Kleingläubigkeit war Hentzen so fremd wie der strenge Blick des Kulturpessimisten.

Als Direktor der Hamburger Kunsthalle (1955 bis 1969) konnte er sich gewiß nicht alle Wünsche erfüllen, aber sein souveräner Optimismus ließ ihn, auch gegen die nüchternen Realitäten, das Unmögliche hoffen. Dabei half ihm sein milder Humor, der ihn zum Vorsitzenden zahlloser Preisgerichte prädestinierte und überdies der hanseatischen Nüchternheit entgegenkam. Er war nicht zufällig mit Calder befreundet, diesem korpulenten Gaukler, der es fertigbrachte, auch die weitläufigsten Spielelemente seiner Raumfiguren in ein vibrierendes Gleichgewicht zu bringen. Wie sein Freund, den er 1954 in einer Ausstellung der Kestner-Gesellschaft der deutschen Öffentlichkeit verstellte, brachte Hentzen es fertig, jeder Situation das Einvernehmen abzulisten, das ihm selber vorschwebte. Als souveräner Optimist hatte er nicht seinesgleichen.

Werner Hofmann