Die Rückkehr der Vertriebenen in ihre politische Heimat Bonn

Von Dietrich Strothmann

Kohl macht’s möglich: Plötzlich melden sich die Vertriebenen wieder lautstark zu Wort. Bald zehn Jahre lang war von ihnen kaum etwas zu hören gewesen, war über sie nur selten gesprochen oder geschrieben worden. Sie fristeten ein kümmerliches politisches Dasein im stillen Kämmerlein. "Tag der Heimat" – na und? "Schlesiertreffen" – war was? Kurzmeldungen höchstens über die jährlichen Zusammenkünfte der alt und älter gewordenen Vertriebenen fanden sich noch gelegentlich auf hinteren Zeitungsseiten, mehr nicht. Es war doch nur das vertraute Ritual. Sie waren zu Vergessenen, zu Verdrängten geworden. Manche von ihnen, die diese Welt nicht mehr verstehen konnten, mochten sich in ihrem leise gewordenen Zorn sogar zum zweiten Mal vertrieben vorkommen. Die Ostverträge der sozial-liberalen Regierung hatten auch so, mochte man meinen, ihre heilsame Wirkung getan.

Jetzt aber, auf einmal, stehen sie wieder auf ihren längst geräumt gewähnten Barrikaden. Über kaum ein anderes Thema war in den letzten Wochen so häufig, so vernehmlich die Rede gewesen wie über das Motto der schlesischen Landsmannschaft zu ihrem "21. Deutschlandtreffen" nächsten Juni in der Patenstadt Hannover: "40 Jahre Vertreibung – Schlesien bleibt unser!" Und es waren diesmal, nicht zuerst die Posaunenbläser vom Dienst in Moskau, Warschau, Prag oder in Ost-Berlin mit ihrer abgleierten Revanchismusmelodie, die den Ton in dem alsbald angebenden schrillen Konzert um das provokante Leitwort angaben. Es waren, welch Wunder, Bonner Regierungpolitiker selber und besonnene Funktionäre der Landsmannschaft, die dagegen zu Felde zogen, aus Gründen der Schadensbegrenzung.

Der Anlaß für die unübliche Erregung: Der Bundeskanzler, der schon letztes Jahr zu Braunschweig beim "Tag der Heimat" des Bundes der Vertriebenen das Wort genommen hatte – zum ersten Mal seit Ludwig Erhards Zeiten wieder ein Regierungschef –, hatte etwas vorschnell sein Wort gegeben, auch zu den versammelten Schlesieren zu sprechen, noch ehe die besitzergreifende Losung in einer Art Handstreichverfahren vom Vorstand der Landsmannschaft gewählt worden war. Kohls Zusage verschaffte dem Vorgang weltweite Publizität. Tatsächlich mußte sich der überraschte Kanzler, wenngleich in Maßen auf ostpolitische Kontinuität bedacht, von seinem strammen Parteifreund Herbert Hupka, dem Sprecher der Schlesier, düpiert, geradezu übergangen fühlen, wie auch so mancher der Mitsprecher in der Landsmannschaft, die bei der Mottowahl erst gar nicht gefragt worden waren.

Also machte der derart vor den Kopf gestoßene Kanzler sogleich seine dienstbaren Geister mobil, ehe noch mehr Porzellan in die Brüche ging: den Pressesprecher Boehnisch, Kanzleramtsminister Schäuble, Minister Windelen, den Fraktionsvorsitzenden Dregger, den Staatssekretär Hennig, selber Sprecher der ostpreußischen Landsmannschaft.

"Unglücklich" sei das Motto, "interpretierbar", "mißverständlich". So lauteten die offiziellen, allzu milden Widerworte und Empfehlungsvorschläge. Deutlicher und direkter waren die Forderungen, die hinter verschlossenen Türen an Herbert Hupka gerichtet wurden: Entweder wird das leidige Schlagwort "Schlesien bleibt unser" geändert oder Kohl, ohnehin gebeutelt von den Vorgehen des 40. Jahrestages der "Befreiung" oder der "Katastrophe" (je nachdem) kommt nicht. Nach der vorschnellen Zusage zum Auftritt drohte der schnelle Abtritt.