Nein, mit seinem Außenminister Genscher und dem Bundespräsidenten von Weizsäcker ist der jungvertriebene Abgeordnete gar nicht zufrieden. Beide, so befindet Helmut Sauer, gehen über das, was der Warschauer Vertrag regelt, hinaus, ohnehin ein Vertrag, dem er selbst nie zugestimmt hätte. Endgültige Grenze? Das mögen sie zwar sagen. Doch nach seinem Verständnis "bindet das nicht den gesamtdeutschen Souverän für einen Friedensvertrag". Denn: "Die Oder-Neiße-Gebiete sind nicht aus der rechtlichen Zugehörigkeit zu Deutschland entlassen." Gebietsansprüche habe man dennoch keine. Aber die Grenze – sie ist eine "Unrechtsgrenze".

Ja, was denn nun?

Helmut Sauer, Bundestagsabgeordneter der CDU aus dem niedersächsischen Salzgitter, Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen und Bundesvorstandsmitglied der Landsmannschaft Schlesien, ist kein durch Vertreibung Entwurzelter, sondern das Nachkriegskind vertriebener Eltern. Er wurde am Heiligabend 1945 in Schlesien geboren, schon vier Monate später stand seine Wiege im niedersächsischen Lengede. Begriffe wie Heimat, Vaterland, Deutschland gehen ihm flüssig von den Lippen, sein Verhältnis zu ihnen scheint gänzlich ungebrochen. "Deutschland ist mein Vaterland, und Schlesien gehört dazu", sagt er einfach. Und wenn er im Ausland seinen Diener macht – er reist viel und fühlt sich schon dadurch vor engem "nationalstaatlichem Denken" gefeit –, dann stellt er sich so vor: "Ich komme aus Deutschland, und bin in Schlesien geboren, das von Polen besetzt ist."

Auf deutschlandpolitischen Wahlplakaten seiner Partei moniert er das Fehlen der Türme von Breslau, neben denenen von Hamburg und Dresden, das Datum für korrekt gezeichnete Landkarten lautet: 1937.

Und was ist ihm "Heimat"? Niedersachsen sagt er, es klingt ein wenig kleinlaut, und er setzt auch gleich hinzu: "Ich suche meine Identität auch in der Familie; kulturell und religiös geprägt bin ich durch mein Elternhaus." Und, um die Sache ganz klarzustellen: "Wenn eine Kuh im Pferdestall kalbt, kommt da doch kein Fohlen raus!" Die Familie – sie steht für: Katholische Kirche, soziales Engagement in der Kommunalpolitik, Vertriebenenverbände. "Auf dem Heimattreffen sind wir immer ein Riesentisch", strahlt Helmut Sauer.

Sauer erzählt: Sein Vater hat sich damals als Gutsverwalter auf fremdem Besitz, 34jährig, um den ganzen Treck gekümmert. In Lengede ließ man sich nieder; als Ratsherr des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), tat Vater Sauer alles für die Flüchtlinge, füllte ihre Anträge aus, organisierte Treffen, sorgte für Essen, Zimmer, Ferienverschickung. Wenn es um Menschen ging, waren ihm parteipolitische Grenzen egal. Vater Sauer stimmte – wenn nötig – mit dem kommunistischen Kollegen. Nachdem sich die BHE-Begründer und Bundesminister Theodor Oberländer und Waldemar Kraft als Nazis entpuppt hatten, verließ er die Partei, trat aber später zusammen mit dem Sohn der CDU bei.

Das sozialpolitische Engagement, wurzelnd in der katholischen Soziallehre, hat auch der Sohn. Er gehört den Sozialausschüssen an, repräsentiert jenen Flügel, den man in der CDU links nennt. Im ideologischen Kampf um die Abtreibung gehörte der Katholik gar zu jenen, welche die von der sozialliberalen Regierung beschlossene Fristenlösung nicht zerstören wollten.

Schizophren das alles? Er kommt damit klar – und kann auch politisch mit seinen verschiedenen Quentchen an Rigorismus gut überleben. "Sozialpolitisch links, deutschlanapolitisch im Herzen – das darf kein Widerspruch sein", findet er. Was er hier – merkwürdig genug – als "deutschlandpolitisch" umschreibt, es fällt an anderer, sozusagen übergeordneter Stelle der Beschreibung seines Engagements unter die Rubrik "Menschenrechte" – Selbstbestimmung in einem freien Europa, oder doch wenigstens deutsche Volksgruppenrechte in Polen; und: Vertreibung als Mittel der Politik darf niemals gutgeheißen werden.

"Wenn ich mich für Schlesien einsetze, dann schreibt die Frankfurter Rundschau: Vertriebenenpolitiker Sauer beschimpft Polen; wenn ich die Verletzung der Menschenrechte in Chile und der Türkei kritisiere, lobt mich dieselbe Zeitung, dann bin ich in, sonst bin ich ein kalter Krieger und Friedensstörer." Das findet Helmut Sauer "gemein". Und, so schmeißt er munter weiter in den großen Topf: "Kein Volk, dem Land geraubt wurde, gibt sich damit zufrieden" – seine Beispiele: Panama, Südtirol, die Kurillen, die Palästinenser. Dann wieder fällt ihm auf, daß doch alle Vergleiche hinken.

Hinzu kommt ein kräftiger Schuß Antikommunismus und jene "demokratische Arroganz", wie Peter Bender jüngst über die "Wende zurück in der Ostpolitik" schrieb, "die vergessen läßt, daß wir unsere Freiheit nicht selbst erwarben, sondern von den Siegern erhielten und daß Polen kommunistisch wurde, weil Deutschlands Krieg die Sowjetunion bis Mitteleuropa brachte".

Es scheint, als wachse Sauers Gefolgschaft unter der jüngeren Parteigeneration. Menschenrechte – dafür ist schließlich jeder. Und er will ja auch "keine Gewalt, keine Rache, sondern Europa schaffen ohne Furcht und Zwang". Nun ist er stolz, daß dank seiner Rhetorik und Überzeugungskraft die Junge Union auf ihrem Deutschlanatag nicht, wie Vorstand und Weizsäcker-Flügel es wollten, von der endgültigen Grenze spricht.

Hupka und Sauer – unterscheiden sie sich? Helmut Sauer, der Jüngere, der "Gesinnungsvertriebene", ist verärgert über das Motto "Schlesien bleibt unser", er findet allerdings nicht, daß es für den Kanzler ein Hinderungsgrund hätte sein dürfen. "Aus der Rechtsauffassung heraus" habe er für das von Hupka vorgeschlagene Motto Verständnis gehabt, nält es aber für "politisch nicht klug durchdacht, weil daraus Polen revanchistische Gelüste auf unserer Seite ableiten könnte."

Sein Vorschlag lautete: "Heimat Schlesien – Vaterland Deutschland – Zukunft Europa." Das hätte alle angesprochen, meint er, die "Erlebnisgeneration", die junge Generation, die sich über deutsche Kultur informieren will, und jene, die fordern, nationalstaatliches Denken abzubauen.

Mit Hupka, so scheint es, versteht er sich weder menschlich noch politisch. Ein Nationalist der eine, deutscher Europäer mit breitem Engagement für die Menschenrechte der andere – gegen eine solche Charakterisierung hätte Helmut Sauer sicher keine allzu heftigen Einwände. Aber derlei Konturen haben ihre Schärfe wohl nur verbandsir.tern.

Der alte und der jung-moderne Revanchist? Das neudeutsche Erfolgskind, Typus: Jungmanager (Sauers Posten und Mitgliedschaften in unzähligen Gruppen, Verbänden, Parteigliederungen füllen zwanzig Zeilen im Handbuch des Deutschen Bundestags, fünf reichen für die schulische und berufliche Karriere), er fände sich so höchst ungerecht beschrieben.

Als "Ultra" gilt er dennoch – auch unter Parteifreunden. Margrit Gerste