München

Das einzige Lebewesen, das an diesem Dienstag im Musicland-Studio in München anzutreffen ist und seinen Lebensunterhalt nicht mit deutscher Rockmusik bestreitet, heißt Blondie. Blondie liegt auf dem Boden und schläft. Blondie ist ein Hund und gehört Wolfgang Niedecken, dem Sänger von BAP.

Während Blondie auf der faulen Haut liegt, geht es in den Räumen des Studios zu wie in einem Taubenschlag: Stefan Remmler von Trio kommt mit dem Produzenten Klaus Voormann herein. Spliff-Trommler Herwig Mitteregger sitzt übernächtigt bei einer Tasse Kaffee, Gitte Haenning sieht noch einmal den Text durch, den sie gleich singen wird, und Manager Jim Rakete sucht in einem Stapel von Papieren nach dem Vertrag von Marius Müller-Westernhagen, der eben mit dem Flugzeug aus Hamburg eingetroffen ist.

Blondies Besitzer ist mit Ulla Meinecke und Herbert Grönemeyer mal eben nach Bonn geflogen, um vor der Bundespressekonferenz über das einmalige Hilfsprojekt „Band für Afrika“ zu berichten, das in München so emsig bei der Arbeit ist.

Erst ein paar Tage zuvor hatte man sich gefunden. Nach dem Vorbild der „Band Aid“, einer spektakulären Aktion britischer Pop-Musiker zugunsten hungernder Äthiopier, wollte eine Pop-Zeitschrift unter ihrem Namen eine ähnliche Gruppe aus deutschen Rock-Größen zusammentrommeln. Bald stellte sich jedoch heraus, daß die Initiatoren eher egoistische Interessen im Sinn hatten, als die Not in Afrika zu lindern. So wurden sie beim Gründungstreffen am 10. Januar auf einstimmigen Beschluß der Musiker kurzerhand des Raums verwiesen.

Sieben Songs standen für eine Schallplatte zur Auswahl. Die Musiker entschieden sich, das Lied „Nackt im Wind“ von Niedecken/Grönemeyer aufzunehmen. In einer Erklärung verpflichteten sich Autoren und Interpreten, den Erlös auf die Hilfskonten für Afrika zu überweisen. Die Plattenfirma, in deren Büro die Künstler zusammengekommen waren, schlüsselte präzise den Selbstkostenpreis für die Pressung und den Vertrieb der Single auf und versicherte, daß auch sie an der „Band für Afrika“ keinen Pfennig verdienen wolle.

Die Reise nach München bezahlten die Künstler selber, der Eigner des Studios und Produzent Reinhold Mack verzichtete auf die übliche Miete (3500 Mark pro Tag) und sein Honorar. Er saß die beiden Tage und Nächte in unerschütterlicher Ruhe vor dem riesigen Mischpult, drehte an den Knöpfen, schnitt die Bänder, hörte die leisesten Fehler und bat freundlich um die Wiederholung einer Textzeile, wenn etwas noch nicht ganz nach Wunsch gelungen war.