Die schönste aller deutschsprachigen Buchserien betritt Neuland

Von Rolf Hochhuth

Ist es ein Wagnis, daß die Manesse-Bibliothek im 40. Jahr ihres Bestehens der Welt-Literatur, die sie mit so großem geschäftlichen Erfolg und so geringer Risikofreudigkeit gepflegt hat, nun die Welt-Geschichte als neue Serie hinzufügt?

Die Deutschen, so lehrt die Erfahrung der Verlage und Sortimenter, haben wenig Neigung, Geschichte zu lesen: Das schlechte Gewissen, muß man vermuten, hindert uns daran! Bei den Schweizern, die ein besseres Gewissen haben dürfen, ist das vielleicht ganz anders. Und so ist zu hoffen, daß es der Manesse-Bibliothek die sich in hohen Auflagen auch in der Bundesrepublik Deutschland verkauft, dennoch belohnt wird, in der Schweiz erstmals die vierbändige Welt-Geschichte – in einer Kassette – herauszubringen. Der Preuße hugenottischer Herkunft, Theodor Fontane, hat über den "Krieg gegen Frankreich Fontane, als Augenzeuge geschrieben – und als Kriegsgefangener. Er war in Gefahr, an die Wand gestellt zu werden, der Spionage verdächtigt, da er nicht in Uniform, sondern als Journalist an die Front gegangen war; Bismarck persönlich mußte eingreifen, um den auf seine Erschießung wartenden Fontane den Franzosen zu entreißen.

Die vier Bände erscheinen mit einem Vorwort des zur Zeit in der Bundesrepublik am höchsten geachteten ausländischen Historikers, des Amerikaners schottischer Herkunft: Gordon A. Craig. Er hat "Über die Deutschen" einen geistvollen Essayband (bei C. H. Beck in München) herausgebracht, nachdem er den Deutschen schon sehr verständnisvoll, auch das Geistesleben einbeziehend, ihre Geschichte der Jahre von 1866 bis 1945 erzählt hat. Mag es einer Wahlverwandtschaft zuzuschreiben sein, daß der atypische Amerikaner heute sehr altmodisch seinen starken weißen Backenbart ebenso trägt wie einst Fontane seinen Bart stutzen ließ; stilistisch, mit der Lust an immer wieder eingestreuten literarischen Causerien, ist jedenfalls der längst emeritierte Stanford-Professor, der auch an der Freien Universität Berlin gelehrt hat, Fontane durchaus verpflichtet.

Die neue Serie soll ihr Programm unter das Kriterium stellen: Literarisches, das historischen – und Historisches, das literarischen Ansprüchen genügt. So kann diese neue Bibliothek zunächst auf bereits früher bei Manesse publizierte Bändchen zurückgreifen, erstens auf den politischen Entwicklungsroman: "Die Erziehung des Henry Adams, von ihm selbst erzählt", ein Buch, das seit vierzig Jahren im Programm ist; zweitens auf die bedeutende Autobiographie des Deutschamerikaners Carl Schurz – und seine Schilderung, wie er den 48er-Revolutionär Kinkel aus dem Zuchthaus befreit, ist eine klassische Kriminalnovelle –, auf Burckhardts Schriften "Staat und Kultur" und auf eine Auswahl aus Bismarcks Briefen und Reden.

Geniales Jugendwerk