Da stand sie nun, „die Jugend“ – flottes Hütchen auf, Schal um den Hals, Straßbuttoh im Ohr – und fand es recht eigenartig, daß da dreißig ältere Leute über sie redete, aber nicht mit ihr. Sie wollte auch zu Wort kommen. Doch Heiner Geißler, Generalsekretär und Chefideologe der CDU, winkte ab. Fachleute aus Partei, Verbänden, Kirche, Wissenschaft und Publizistik hatte die CDU ins Konrad-Adenauer-Haus geladen. Sie sollten sich äußern zum Thema „Aussteigen oder Einsteigen. Wozu erziehen unsere Schulen?“.

Die Mehrheitspartei scheint beunruhigt, sieht sie doch den demokratischen „Minimalkonsens“ nicht zuletzt in deutschen Schulen „brüchig“. Die nun dürfe künftig nicht mehr Griesgrämigkeit, sondern müsse „realistische Hoffnungen“ vermitteln. „Miesgram“ sei durch die „Emanzipationspädagogik“, die „Frankfurter Schule“ hineingekommen und müsse nun wieder raus. Noch sei die Gefahr nicht gebannt, lauere sie doch erneut in Gestalt der Grünen und der Friedensbewegung nicht nur vor den Türen deutscher Schulstuben, sondern gar schon im Parlament. Heiner Geißler hatte wohl bewußt provokante Thesen in den Raum gestellt. Doch so richtig Dampf wollte da nicht reinkommen. Rüdiger Altmann, Altkämpe in Sachen Bildung und Diskussionsleiter, trieb zu einer „schärferen Tonart“ an. Vergeblich.

Daß Schule die Grundsätze der Verfassung hegen und pflegen soll – wer will darüber auch noch streiten? Nur wie sie es tut – da schieden sich in Bonn die Geister. Der Pädagoge Hartmut von Hentig fand es so abwegig nun auch wieder nicht, daß sich Lehrer den Fragen ihrer Schüler stellen. Und der Bildungsforscher Hans-Günter Rolff griff gleich mitten hinein ins volle Menschenleben: Er komme gerade aus Dortmund, wo 16 Prozent Arbeitslosigkeit herrsche. Seit 3 Uhr mittags sei dort Smog-Alarm Stufe 2 ausgerufen. Ob Schule da wirklich nur heile Welt produzieren oder nicht doch ein wenig zur Änderung der Verhältnisse beitragen müsse – und sei es nur durch nüchterne Urteilsbildung?

„Schule als politische Kaderschmiede?“ ein Trauma. Was also dann? Einige verstiegen sich in Empfehlungen wie diese: Jugend müsse lernen, „die eigene Situation in der geschichtlichen Relativität zu sehen“. Was soll mich das denn nun wieder lehren? mag sich ein arbeitsloser Jugendlicher aus Bottrop fragen. Aber der war nicht gefragt in Bonn. Denn es ging ja um die Notwendigkeit, „Kinder in der Tiefe ihrer Seele anzusprechen“, um „Wolkenkuckucksheim fern der Wirklichkeit von Schule“, wie der GEW-Vorsitzende Dieter Wunder meinte. Schule sei doch nicht „der große Beckenbauer der Nation“, mahnte auch der rheinlandpfälzische Kultusminister Georg Gölter, CDU.

Identifikation war das Zauberwort in Bonn. Aber Identifikation womit? Selbst ein dem christdemokratischen Denken nahestehender Publizist kam nicht umhin, festzustellen: „Auf welche Politiker kann ich denn noch stolz sein!“ Hilft alles nichts, meinen die Veranstalter. Jugend muß wieder in den Griff genommen werden, und zwar eher durch mehr staatsbürgerliches Gesinnungstraining denn durch politische Bildung.

Schließlich meldete sich ein Mädchen doch zu Wort. Sie habe hier so viel von der pessimistischen, der protestierenden, der randalierenden Jugend gehört. Da müsse sie aber heftig widersprechen, auch wenn „ich Ihr Alter total respektiere; wir sind doch schon viel zu angepaßt, sonst würden wir hier nicht so still sitzen und so angepaßt reagieren“. Jutta Wilhelmi