Von Hans Jakob Ginsburg

Nürnberg

Die Holztäfelung an den hohen Wänden des Gerichtssaals ist dieselbe wie vor vier Jahrzehnten, dieselbe wie auf den Photos in Geschichtsbüchern. Hier verhandelte vor bald vierzig Jahren das Internationale Militärtribunal gegen Hermann Göring und andere. Seit September steht hier Karl-Heinz Hoffmann vor Gericht, in den siebziger Jahren mediensüchtiger Boss eines Neonazi-Klüngels, in den Jahren 1980 und 1981 Anführer eines Haufens deutscher Nazis, die sich im Libanon Palästinensern als Söldner anboten ("Wehrsportgruppe Ausland").

Karl-Heinz Hoffmann ist angeklagt, junge Deutsche für den Dienst einer fremden bewaffneten Macht angeworben zu haben, seine Gefolgsleute einem sadistischen Regiment unterworfen zu haben, Banknoten gefälscht zu haben, um seine Umtriebe zu finanzieren – und er ist des Mordes angeklagt.

Im Saal 600 des Nürnberger Justizgebäudes findet der erste Prozeß in der Geschichte der Bundesrepublik statt, bei dem es um einen Judenmord geht, der nach 1945 begangen wurde.

Im Dezember 1980 wurden der 69jährige Shlomo Lewin und seine 57jährige Lebensgefährtin Frida Poeschke in ihrem Erlanger Haus mit jeweils vier Schüssen aus einer Maschinenpistole erschossen. Der Täter hatte eine Sonnenbrille am Tatort zurückgelassen, ein seltenes Modell, hergestellt in einem kleinen optischen Betrieb in Heroldsberg bei Erlangen. Im Nachbarhaus der Werkstatt hatte jahrelang Karl-Heinz Hoffmann gewohnt, der Neonazi-Führer, den jeder aus dem Fernsehen kannte, der Hetzredner, der sein Gefolge in martialischer Staffage durch Wald und Flur marschieren ließ und seinen Feinden immer wieder drohte, sie wurden ihn noch kennenlernen.

In den ersten Meldungen über den Doppelmord hatte es geheißen, Shlomo Lewin, der Ermordete, sei einst in Israel militärischer Adjutant Mosche Daians gewesen. Doch Shlomo Lewin, das ließ sich ohne große Mühe erfahren, war ein bei allem Bemühen um Ansehen letztlich erfolgloser Mann gewesen, als junger Jude im Deutschland Hitlers aus der Lebensbahn geworfen, Auswanderer nach Palästina, Rückwanderer nach Deutschland, als Verleger jüdischer, historischer und theologischer Bücher geschäftlich gescheitert, als Privatgelehrter ohne Publikum ein Mann mit wenigen Freunden und einem ungebrochenen Geltungsdrang.

Der Geltungsdrang wurde ihm zum Verhängnis: In der nordbayerischen Provinz wurde Shlomo Lewin akzeptiert als Repräsentant der vertriebenen und ermordeten Opfer: Akzeptiert und aufgenommen von Gutwilligen, akzeptiert und gehaßt von alten und neuen Nazis, die den alternden Mann für die Verkörperung jener jüdischen Weltverschwörung hielten, die anzuprangern Hoffmann nie müde wurde.

Shlomo Lewin und Frida Poeschke – das steht inzwischen unbestritten fest – wurden von einem Gefolgsmann des rauschebärtigen Hoffmann erschossen, von Uwe Behrendt, der das Libanon-Abenteuer der Wehrsportgruppe nicht überlebt hat. Selbstmord habe Behrendt begangen, nachdem er von den erfolgreichen Ermittlungen der Polizei in der Heimat las, sagen die Kameraden von der Wehrsportgruppe heute. Beweise dafür gibt es nicht – so wie es wohl auch nicht bewiesen werden kann, daß Karl-Heinz Hoffmann den Mord an Shlomo Lewin befohlen hat.

Und das macht diesen Nürnberger Prozeß zum Ärgernis. Der Naziführer, dessen Verbindung zum mörderischen Oktoberfest-Attentat von 1980 nie geklärt wurde; der Führer einer bis zu vierhundert Mann starken, paramilitärisch organisierten Kampftruppe, den die Konservativen nur für schrullig hielten – dieser Mann ist des Mordes angeklagt – und freut sich heute schon auf seinen Freispruch. Falschmünzerei, Körperverletzung, Straftaten im Libanon – all das mag ihm einige Jahre Haft einbringen, gewiß. Von der Mordanklage freilich wird Karl-Heinz Hoffmann freigesprochen werden. Wer einen Bruchteil der fünfzig Stunden des Gerichtsverfahrens mitbekommen hat, die der Selbstdarstellung des Angeklagten dienten, mag sich vor den Auftritten eines von der Mordanklage freigesprochenen Hoffmann grauen. Dreieinhalb Jahre sitzt er heute schon in Untersuchungshaft; wenn er freikommt, hat die Neonazi-Szene ihren begabtesten Organisator wieder: mit der Glorie des Freispruchs und dem Märtyrerschein der langjährigen Haft.

Was sich hier anbahnt, ist keine zufällige Panne. Ein halbes Jahr brauchten die fränkischen Kriminalpolizisten, um auf die Idee zu kommen, den Mörder des Juden Lewin in der Nazi-Szene zu suchen. Lewin hatte sich in der kleinen jüdischen Gemeinde Nürnbergs unbeliebt gemacht, das war stadtbekannt, das wußte auch Hoffmann ("Der Lewin hatte bei den Langnasen Feinde"). Grund genug für Kriminalbeamte, bei der Beerdigung Lewins auf dem jüdischen Friedhof Verdächtige in der Trauergemeinde zu suchen, Grund genug, Nürnberger Juden nach Alibis zu befragen und die viel zu späte Umpolung der Ermittlungen hinter vorgehaltener Hand mit der Bemerkung zu begleiten, die Alibis der verdächtigen Juden seien leider nicht zu erschüttern. Was damals versäumt wurde, ließ sich in drei Jahren nicht nachholen.

Hat Hoffmann dem Mordschützen Behrendt geholfen? Hat er ihm vor dem Mord einen Schalldämpfer gegeben, hat er ihn bei der Spurenbeseitigung unterstützt, hat er den Schützen nachträglich gelobt? Bei linken Terroristen – so meinen viele Prozeßbeobachter – wäre es auf solche Finessen gar nicht angekommen: Daß in der RAF alle Mitglieder der Gruppe die einzelnen Anschläge kannten und billigten, wurde regelmäßig unterstellt; dem Wehrsportgruppen-Führer Hoffmann will und muß die Justiz dagegen nachweisen, er habe seinen Untergebenen ausdrücklich angewiesen, Slomo Lewin und Frida Poeschke zu erschießen.

Dieser Beweis kann kaum noch gelingen. Der Schütze gilt als tot, Hoffmanns Gefolgsleute – unbedarfte, seit der Festnahme des Führers orientierungslose Nachläufer, wissen nichts, wollen nichts gewußt haben oder verweigern die Aussage – wegen der libanesischen Eskapaden der Gruppe stehen viele selbst unter Anklage. Hilflose Staatsanwälte stehen einem gewieften Angeklagten gegenüber, der inzwischen die Strafprozeßordnung so gut und die Berge der Ermittlungsakten besser kennt als seine Gegenüber in der schwarzen Robe. Karl-Heinz Hoffmann ist das einzige rhetorische Talent unter den Prozeßbeteiligten – ein Spinner, aber ein Verführer; ein Organisator, aber auch ein Sadist (das lehren die Vorgänge in der libanesischen Söldnertruppe).

Diesem Angeklagten macht der Prozeß Spaß – das ist an jedem Prozeßtag deutlich zu beobachten. Und die Blamage der Nürnberger Staatsanwälte wird der Republik einen Skandal bescheren.