Günter Gaus: Meine heutige Partnerin ist nicht prominent, aber sie ist eine Deutsche, eine Deutsche aus der DDR, die eine wichtige Funktion hat für die Beziehungen zwischen der evangelischen Kirche in der DDR und der SED, dem Regime des anderen deutschen Staates. Darüber hinaus verkörpert sie Auffassungen, Weltansichten, Meinungen von den beiden deutschen Staaten, von ihrem eigenen deutschen Staat, von einer Generation, von der wir hierzulande wenig wissen, manchmal, denke ich, auch wenig wissen wollen. Christa Lewek ist 1927 in Leipzig geboren, ihr Vater war Pastor, Halbjude, sie hat an ihrem Heimatort nach dem Kriege Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert, sie war Mitarbeiterin des CDU-Politikers Otto Nuschke, stellvertretender Ministerpräsident der DDR in den Gründerjahren. Seit 1958 arbeitet sie bei der evangelischen Kirche in der DDR, vornehmlich beschäftigt mit Fragen von Kirche und Gesellschaft: Christa Lewek.

Frau Lewek, lassen Sie uns einfach und allgemein beginnen. Sie sich Oberkirchenrätin beim Bund der evangelischen Kirchen in der DDR, dabei vor allem beschäftigt mit Fragen von Kirche und Gesellschaft. Sie leben in Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR. Ihre Arbeit für die Kirche führt sie gelegentlich auch in die Bundesrepublik und andere westliche Staaten. Die Gesprächspartner, die Sie dabei in kirchlichen Kreisen in der Ökumene treffen, kennen sich von Amtes wegen wohl einigermaßen aus in den Verhältnissen in der DDR, aber wenn Sie sonst, wenn Sie von anderen hierzulande in Gespräche über die DDR hineingezogen werden, wenn man Sie nach dem Leben in Ihrem deutschen Staat befragt, hatten Sie dann in der Regel den Eindruck, die Westdeutschen wüßten, wonach sie fragen, oder fragen sie wie nach einem unheimlich fremden Land in großer Entfernung? Ist die Mauer aus Entfremdung noch zu durchbrechen? Oder ist sie in der Regel zu dick?

Christa Lewek: Aus meiner Erfahrung würde ich sagen, daß die Mauer doch sehr dick ist. Das, was am schwierigsten ist im Durchbrechen dieser Mauer des Verstehens untereinander, ist, daß wir eigentlich als Partner im Gespräch, wenn wir uns erklären, von unserem Hintergrund her, nicht so ganz ernst genommen werden. Oder eigentlich kaum ernst genommen werden. Eine Erfahrung, die ich mache, ist, daß wir als Gesprächspartner aus diesem deutschen Staat, aus dem ich komme, eigentlich gar nicht recht vorkommen. Wir sind. DDR-Bürger, DDR-Deutsche vielleicht, sagt man dazu, aber wo kommen wir wirklich vor, mit dem, was wir wollen, mit dem, was unsere Vorstellungen sind? Und wo wird das wirklich entgegengenommen? Ich habe zunehmend den Eindruck, daß wir tatsächlich aus einem fremden Land kommen, das man gar nicht verstehen will.

Gaus: Frau Lewek, was ist im Blick auf das Leben in der DDR das häufigste Mißverständnis und die vorherrschende Unkenntnis, die Sie in Westdeutschland spüren?

Lewek: Das hängt mit dieser ersten Frage zusammen, mit dem Unverständnis. Das häufigste Mißverständnis ist eigentlich, daß wenn man mit uns spricht, so ohne Vorbehalte und Vorbereitung mit uns spricht, daß man von vornherein annimmt, daß wir eigentlich lieber in der Bundesrepublik Deutschland leben würden, und daß wir eigentlich die große Sehnsucht haben, dort zu leben. Und wenn wir in der DDR leben und von dorther etwas erzählen, man einen grauen Alltag zur Kenntnis nehmen: will mit dem Vorverständnis, und die Tatsache, daß wir dort bleiben, entweder aus Bequemlichkeit oder mangelndem Mut, sich neuen Situationen zu stellen, oder auf eine Art von Wunsch, Märtyrer zu sein und sich da entsprechend den entsprechenden Hintergrund zu suchen.

Gaus: Das, was Sie jetzt sagen, ich werde auf einiges daraus noch zurückkommen. Ich bleibe zunächst bei westdeutschen Reaktionen auf die DDR, auf Menschen, auf Deutsche aus der DDR. Das was Sie jetzt sagen, bezieht sich das auch auf die Beziehungen zwischen den beiden Kirchen in den beiden deutschen Staaten?

Lewek: Die Beziehungen zwischen den beiden Kirchen in beiden deutschen Staaten ist, was diese Frage betrifft, doch etwas komplizierter. Hier können wir an sich von vornherein von sehr viel mehr Vorverständnis ausgehen und auch eingehen auf unsere Fragen, trotzdem werde ich auch dort sagen, dies Grundmißverständnis, das wir im Grunde genommen doch finden, es lebe sich besser in der Bundesrepublik Deutschland, auch was das Kirchesein und das Christsein betrifft, dies liegt auch vielen unserer Gesprächsgänge zwischen beiden Kirchen zugrunde.