Einer dieser Copains ist Otfried Brützel, Chef der Hauptschaltleitung Brauweiler des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks (RWE). Brauweiler liegt westlich von Köln am Rande des rheinischen Braunkohlenreviers, wo die großen Überlandleitungen zusammenlaufen. Und von dort aus werden die Kraftwerke des RWE und seiner Vertragslieferanten gesteuert, wird Strom über Europa hinweg verteilt und gehandelt – manchmal große Mengen in Minutenschnelle. Immerhin macht der Stromhandel der Bundesrepublik mehr als ein Zehntel des Verbrauchs aus – 23,6 Milliarden Kilowattstunden (kWh) sind 1983 eingeführt, 13,1 Milliarden Kilowattstunden exportiert worden.

Ein Großteil der deutschen Importe geht freilich auf Wasserkraftlieferungen aus Österreich und der Schweiz zurück, die aus Pumpspeicherwerken kommen und zur Deckung der Spitzenlast eingesetzt werden. Normalerweise sind die großen Energieversorgungsunternehmen nämlich bemüht, ihren Strom selbst zu erzeugen, statt einen anderen daran verdienen zu lassen. Deshalb findet Tag für Tag eine penible Planung statt, deren Ziel eine möglichst billige Erzeugung des abzusetzenden Stroms ist.

Anscheinend ein schwieriges Unterfangen, wenn man sieht, wie stark der Stromverbrauch im Laufe eines Tages schwankt. Aber Brützel versichert, daß es in aller Regel gelingt, die Tagesbelastungskurven vorauszuahnen. Dazu sammelt und verarbeitet die Kommandozentrale eine Fülle von Informationen. Das Wetter spielt ebenso mit, wie das Fernsehprogramm. Wenn zum Beispiel eine Familiensendung läuft, bei der vom Enkel bis zur Oma alles vor der "Glotze" sitzt, dann weiß Otfried Brützel schon, was auf ihn zukommt. Der rdativ gleichmäßigen Abnahme durch die Fernsehgeräte folgt dann ein Stromstoß am Ende der Sendung, weil der Heißwasserverbrauch hochschnellt. Besonders schlimm wird es, wenn an einem Sonntag-Nachmittag zwei Sendungen mit kurzer Pause aufeinander folgen. In der Zwischenzeit, so weiß Brützel, kochen dann alle Fernsehzuschauer Kaffee.

So billig wie möglich

Aber wichtiger als das Fernsehprogramm ist das Wetter. Temperatur und Helligkeit beeinflussen die Stromabgabe – ein Grad zusätzlicher Kälte, so RWE-Vorstandsmitglied Günther Klätte, bringt in diesen Wintertagen einen Mehrverbrauch von 0,9 Prozent. Wenn schließlich die Tagesbelastungskurve ermittelt ist – was weitgehend automatisch vor sich geht – wird der Mensch gefordert. Denn jetzt muß entschieden werden, welche Kraftwerke wann wieviel Leistung abgeben sollen – im Prinzip ein ökonomisches Optimierungsproblem. Es kommt darauf an, den Strom jederzeit so billig wie möglich zu erzeugen.

Doch da gibt es zum Beispiel den Jahrhundertvertrag mit dem Bergbau, der die Elektrizitätswirtschaft zwingt, Jahr für Jahr eine bestimmte Menge deutscher Steinkohle unter ihren Kesseln zu verfeuern. Und das RWE hat in Meppen im Emsland ein Erdgaskraftwerk stehen, das eine Mindestabnahmeverpflichtung an Gas hat, also auch eine bestimmte Stundenzahl absolvieren muß. Deshalb wird ein Jahresprogramm aufgestellt, in das Steinkohlen- und Erdgasstrom mit den erforderlichen Mengen eingeplant werden. Und das muß wiederum ständig revidiert werden. Etwa jetzt, weil die Witterungsverhältnisse im Januar dazu geführt haben, daß sehr viel mehr Steinkohlenstrom abgeflossen ist als ursprünglich programmiert war.

Zuweilen kann es lohnend sein, Strom von deutschen Nachbarn oder aus dem Ausland zu kaufen. Dann etwa, wenn ein Kernkraftwerk mit mehr als 1000 Megawatt Leistung ausfällt und die eigenen Grundlastkraftwerke – die den Strom am billigsten erzeugen – den Ausfall nicht decken können. Dann ist möglicherweise ein Verbundpartner in der Lage, Strom billiger zu liefern, als er sich in den eigenen Spitzenkraftwerken erzeugen ließe.