Von Rolf Ackermann

Genaro ist das lebende Pendant zu den Korkeichen dieser Insel: gebeugt von den Winterstürmen, ausgedorrt von den brütendheißen Mittelmeersommern. Sein unrasiertes Gesicht gleicht dem Faltenmeer jener Bäume Sardiniens, deren runzlig-spröde Rinde alle vier Jahre für die Herstellung von Korkpfropfen herhalten muß. Vom Salz des Meerwassers gebleicht und von glühenden Kaminfeuerscheiten vernarbt sind seine rheumagekrümmten Hände. Ein Hüne von Mann, gut einsneunzig groß. Nur das kindlichherzliche Lächeln paßt nicht.

Genaro ist Fischer. Einer der wenigen Sardiniens, die dem Diesel-Echolot-Fortschritt noch immer mit mittelalterlichen Fangmethoden zu trotzen suchen. Ein recht fragwürdiges Unterfangen: einmal Fischer, immer Fischer. Einmal arm, immer arm. Die Fischer haben das mit den Hirten Sardiniens gemein.

Während sich die Hafenmole unter den gischtigen Attacken der windgepeitschten Flut füllt und Genaros Drei-Meter-Holzboot in seiner Zerbrechlichkeit der Gewalt des Meeres höhnt, leert der Fischer mit den vernarbten Händen und dem gelähmten rechten Bein das Weinglas in einem Zug. Der rote Rebensaft, den alle Sarden schlichtweg Nero, Schwarzen, nennen, und der als Selbstgepanschter für 500 Lire das Viertel zu haben ist, provoziert Genaros Magen zu einem kerngesunden Rülpsen. „...Madonna“, flucht der Fischer, „irgendwann wird der Sturm diese Insel einfach wegfegen!“ Wie er das so sagt, schüttelt eine Bö die hölzernen Klappläden der Bar-Pizzeria, fährt zwischen die glimmenden Holzscheite im Kamin und fegt auf dem Wege hinaus zum Schornstein den Ruß eines Jahres hinweg.

Vor den weißbraunen Kalkfelsen der Insel Tavolara türmen sich Gischt und Algen auf. Gewitterwolken triumphieren über den Gipfel der Insel. Meer und Himmel sind eins geworden. Genauso muß es gewesen sein, als sich Dante Alighieri beim Anblick der Tavolara zur „Divina Commedia“, der „Göttlichen Komödie“, inspirieren ließ. Wenn der Ponente über die Insel fegt, Bäume wie Streichhölzer abknickt, Fiat-Bambinos durch die Luft wirbelt, und ein paar Stunden später wieder alte und junge Sarden vor den Straßenbars sitzen und ihre Hirten- und Fischergesichter der wärmenden Sonne entgegenstrecken, dann ist Sardinien wahrlich eine göttliche Komödie: die Natur als Hauptdarsteller, die Sarden als Statisten. Eine gute Zeit, um Sardinien kennenzulernen.

Der Sturm rüttelte vier Tage und Nächte an den Türen und Fenstern unseres Ferienhauses, das wir für wenig Geld gemietet hatten. Die Hautevolee Münchens, Schauspieler, Rechtsanwälte, schöne und häßliche Frauen, reiche und wieder verarmte Regisseure, die allesamt zwischen Mai und September an den Stränden von „Cinta“ und „Lu Impostu“ flanieren, debütieren und von Sardinien stets als ihrer „zweiten Heimat“ sprechen, bleiben den sardischen Wintern fern. Ihre Feriendomizile stehen leer. Natur und Sarden regenerieren sich in dieser Zeit.

Wasser karrten wir mit Kanistern herbei. Dem regelmäßigen Stromausfall trotzten wir mit Kerzen, der vorübergehenden Kälte mit knisterndem Kaminfeuer. Um uns herum schien die Welt unterzugehen, aber in uns drinnen machte sich eine nie gekannte Ruhe breit.