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Von Günter C. Vieten

Über dem Haus des Steuereinnehmers John Yeates und seinem Liliengärtchen steht die östliche Steile des Felsens von Gibraltar. Pioniere der britischen Garnison haben droben ganze Zacken an Ketten gelegt, damit sie Britannia nicht aus der Krone brechen. "Nachts, wenn’s stürmt", erzählt John, "holen wir die Kinder aus dem Bett und beten zu Maria Dolores." Es könnte sonst Geröll vom Himmel stürzen.

Die Schutzpatronin figuriert in der Dorfkirche von Catalan Bay, hat einen Dolch in der blutenden Seite und wirft flehende Blicke nach oben. Ihre permanente Fürbitte gilt der Abwehr von Unwettern, Wolkenbrüchen und lokalen Erdbeben, denn die Yeates und ihre 300 Nachbarn leben in gefährlichen Verhältnissen: "Gib" erodiert, und wohl nicht nur geologisch.

Die Wettervorhersage hat den westwärts wehenden "Levante" angekündigt. Wenn der Wind in ein paar Stunden auf die Gesteinsflanke prallt, werden sich an den Rändern von 120 000 Quadratmetern Wellblech Turbulenzen bilden, und dann rumpelt es über dem Dorf.

Bisweilen saugt der Unterdruck der Luftströmungen Schuppen von der Blechhaut des "Rock". Die Platten schwirren wie Wurfeisen durch die Luft. Catalan Bay bleibt dann herzklopfend in Deckung. Junge Frauen richten der Ortspatronin Gewand und Diademe, Männer putzen ihre Kapelle, und der Pfarrer bringt frisches Weihwasser an diesem Nachmittag. Maria Dolores wird heute wieder gebraucht.

So wie alle im Dorf sind die Yeates trotz ihres irischen Namens Nachfahren genuesischer Sardinenfischer und spanischer Mädchen aus den Buchten von Malaga und Algeciras, die sich seit Ende des 17. Jahrhunderts zu Füßen des Felsens angesiedelt hatten. Sie sprechen heute eine iberische Mundart mit Lehnwörtern aus dem britischen Garnisonsjargon: Giannito.

Außer auf Maria Dolores hat sich das Völkchen immer auf die Batterien von Rock Gun und Middle Hill verlassen können. Hier wohnt es und kann nicht anders. Und doch ist John Yeates, der Dorfälteste von Catalan Bay, felsenfest der Ansicht: "Wenn je der Himmel gegen uns sein sollte, und die wollen uns zu Spaniolen machen, wandern wir allesamt aus."

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Vom früheren Bürgermeister und heutigen Chefminister, Sir Joshua Hassan (70), stammt das Wort: "Ehe wir spanisch werden, springe ich in die Street" – die Straße von Gibraltar.

Gibraltar war vor nahezu 281 Jahren von einem britisch-niederländischen Geschwader unter dem Oberbefehl von Prinz Georg von Hessen-Darmstadt zum "Rock" sui generis bombardiert worden. Hierfür brauchten die alliierten Linienschiffe drei heiße Augusttage und 15 000 Mehrpfünder.

Nach der Bombardierung machten sich die Invasoren über die Frauen von Gibraltar her und schubsten die "Madonna von Europa" von den Kliffs. Der Jesusknabe zerschellte. Viertausend Bürger flohen entsetzt aus den Felskavernen, sammelten sich bei der Einsiedelei San Roque in der nahen Campo-Ebene und erbauten in deren Weichbild betrübt ein Städtchen zum Ersatz. Dort steht heute noch in Stein geschrieben: "Hier weinte ich um mein Gibraltar – August A. D. 1704."

Der Hessenprinz hatte die Landungsoperation auf Wunsch seines bayerischen Oheims kommandiert; der wollte seiner habsburgischen Verwandtschaft die verlorene Königswürde Spaniens wiederbeschaffen. Das paßte den Seemächten England und Holland gut in die Strategie. Doch der militärische Coup gegen das damals herrschende Haus von Kastilien ging daneben. Über den Brückenkopf Gibraltar kamen die damaligen Gegner Spaniens nicht hinaus.

Im Vertrag von Utrecht (1713) findet sich jener völkerrechtliche Klartext, auf den sich Großbritannien bis heute berufen kann. Im Artikel X heißt es: "Der Katholische König überträgt hiermit der britischen Krone in seinem eigenen Namen und dem seiner Erben und Nachfolger das vollständige und uneingeschränkte Eigentum an der Stadt und dem Kastell von Gibraltar, einschließlich des Hafens, der dazugehörigen Festungsanlagen und des Forts."

Hundertfünfzig Autoren haben sich seitdem mit dem Stein der Anstöße befaßt, die politischen Verfasser der Weiß- und Rotbücher Londons und Madrids nicht mitgezählt, und in einem dieser Werke sagt der deutsche Völkerrechtler Hans Eisemann: "Wer den Gibraltar-Fall erklären will, müßte Bände schreiben."

Für den Reihenhausbewohner an der Europa Road 11/18, den Honorable Sir Joshua, Chefminister der Kronkolonie von ’64 bis ’69 und erneut seit dreizehn Jahren, ist der Status des Felsens klar und deutlich: "British we are, British we stay." Er rührt im maghrebinischen Pfefferminztee und sinniert: "Wir sind nun schon fünfzehnmal belagert worden. Einmal haben uns die Spanier mit 75 000 Kanonenkugeln und Kartätschen eingedeckt. Mozart hat uns damals seine ‚Ode an Calpe‘ gewidmet, Calpe ist Gibraltar auf lateinisch, you know. Für die Alten lag hier das Nonplusultra, an dem man einfach nicht vorbeikam. Madrid weiß inzwischen, daß es sich an unserem ‚Rock‘ die Zähne ausbeißt. Wenn man uns durch die Blockade dafür bestrafen wollte, daß wir keine Spanier werden möchten, hat dieser generationslange Erpressungsversuch uns natürlich nur in unserem Patriotismus bestärkt."

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Gibraltar zählt knapp 28 000 Seelen. Als staatsbürgerliches Merkmal gilt die Geburt am Felsenfuß. Stichtag ist der 25. Juni 1925. Nur wer damals Gibraltaner war, konnte, auch außerehelich, kleine Gibraltaner in die Welt setzen. Der Nation wird, außer durch Einheirat, keiner mehr einverleibt. Sie besteht aus einer Sorte Mensch, in der Gene aus dem halben Mittelmeerbecken versammelt sind, von Sizilianern, Genuesen, Maltesern, Menorcinen, Marokkanern, Spaniern, Portugiesen, Schotten, Iren, Engländern, Indern und sephardischen Juden.

Die Erbmasse des Arzneimittelhändlers Arturo Lavarello, der mit Freunden von "Bland’s" Drahtseilbahn und der Telex-Gesellschaft "Cable & Wireless" in der Algeciras-Bucht segelt, enthält nach eigenen Angaben sogar Anlagen eines braunschweigischen Barons. Der sei hier am "Rock" schon zur Biedermeierzeit ausgeflippt: "So, let’s have a drink und nehmen wir uns an ihm ein Vorbild."

Als das Boot im Schiffskartengitter die Koordinate UTW-038 berührt, raunzt Arturo: "Ihr habt den Eisernen Vorhang, und wir haben hier den Garlic Curtain." Der "Knoblauch-Vorhang" trenne zwei mentale Welten, das müsse man doch riechen können – oder etwa nicht? Es riecht, muß er zugeben, mal wieder nach den Emissionen einer spanischen Raffinerie an der Küste.

An der Landgrenze zwischen Gibraltar und Spanien wienern Ulanen der Queen jeden Tag zu vorgeschriebener Stunde eine symbolische Grenzkanone, deren Rohr diplomatisch ins Leere zielt. Niemand will auf den Bündnispartner Spanien schießen. "Gib" hätte die Briten dazu allerdings bisweilen gern angefeuert.

Welch ein Affenzirkus war das, seit ’69! Acht Jahre lang konnte Gibraltar nicht einmal mit der vorgelagerten spanischen Nachbarschaft telephonieren, konnte man sich nur durch Zurufe über den Grenzzaun mit Freunden und Verwandten verständigen, griff man zu Feldstechern, um Neugeborene zu bewundern, zu Megaphonen, um Neuigkeiten auszutauschen. Weil die Felsbewohner einen britischen Paß besitzen, konnte ihnen Spanien zwar nicht den Zutritt verwehren, doch den Gibraltanern wurde anstelle des viertelstündigen Spaziergangs ins Nachbarland ein navigatorisches Hin und Her abverlangt: Gibraltar-Tanger, Tanger-Algeciras und zurück – 160 Kilometer.

Spanienvisiten grenzten während der Blockadejahre in Britain on the Rock beinahe an Hochverrat. Wer aus geschäftlichen Gründen "nach drüben" mußte, ärgerte sich hinterher wochenlang über diese Selbsterniedrigung. Als der Anwalt Joseph Triay nach Verhängung der Landsperre prospanische Lokalpolitik machen wollte, belagerten wütende Mitbürger sein Haus in der Altstadt, zerbeulten den Wagen vor der Tür, zündeten im Hafen seine Yacht an und jagten ihn schließlich mit Frau und sieben Kindern zur Stadt hinaus. Heute spricht Triay wieder unbedroht aus, was er denkt: "Am Ende siegt immer die Vernunft. Die Briten werden die Kronkolonie Gibraltar ebenso räumen wie Belize oder Hongkong, und dann? Na, also!"

Sir Joshua, der Regierungschef, hält nichts von solchem Defätismus: "Nach fast dreihundert Jahren sind wir ein ebenso spezifisches Volk wie die Amerikaner. Natürlich, der ‚Rock‘ ist physisch Bestandteil der Iberischen Halbinsel, doch seit wann wird die politische Weltkarte durch die Geologie diktiert? Könnte man aus Holländern heute wieder Deutsche oder Österreicher machen, weil sie einmal zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehört haben?"

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Das große Spanien hat gegenüber Gibraltar wieder klein beigeben müssen. Thanks God, die 5000 Autos mit der GIB-Nummer brauchen nun nicht länger "Scalectric" zu fahren, wie John Yeates es nennt: andauernd im Kreis um die Säule des Herkules. Zwar gibt es 42,28 Kilometer Straßen am, im und um den "Rock", doch die meisten erstrecken sich durch militärisches Sperrgebiet und durch das verbotene Innere des Felsens.

Jetzt aber geht’s ab der nördlichen Stadtgrenze, beim "Sundial Point", endlich wieder schnurgeradeaus, die Winston Churchill Avenue hinunter, durch die Neutrale Zone, linea recta nach La Ligna, Espana: "In zehn Minuten ist man drüben, you can’t believe it!" staunt Peter Danino, Nachwuchskraft auf Lloyd’s Schiffszählposten über der Straße von Gibraltar.

Doch Peter will drüben bei den "Juanitas" nicht wieder auf Brautschau gehen, wie früher sein Vater und dessen Vater und die meisten Burschen vom "Rock". Er und die Mehrzahl seiner Generation sprechen schon nicht mehr fließend Spanisch.

In der Kronkolonie leben die Leute eng behaust. "Obendrein wird fürchterlich gelästert", beklagt sich Tere Randall. "Für ein paar Pfund im Jahr Können wir unentwegt miteinander telephonieren, und das macht einen krank. Kaum trinke ich mit einem Bekannten auf der Piazza einen Martini, schon ruft irgendeine Klatschtante meinen Mann an."

Jeder kennt jeden, und das halten viele Gibraltaner nur mit Arturo Lavareilos Tranquilizern aus. Auf eine eigene Wohnung warten junge Ehepaare acht Jahre, und was hat man dann? "Nicht mehr Quadratmeter als die Moskowiter!" klagt die Rezeptionistin im "Rock Hotel". Auch Gibraltars Reiche leben zumeist in verwitterten Altbauten mit lichtlosen Höfen, wenn auch antik möbliert. Immobilien sind extrem teuer, denn in dieser Enge schnappt jeder seit Jahren nach Luft.

Wer, wie Tita und Johnny Stagnetto, einen Dachgarten mit drei ölbäumchen und einem Oleanderbusch besitzt, riß bislang die Terrassentür auf und verkündete stolz: "Dies, my friend, ist Gibraltars größte Kostbarkeit – Grün." – Tita und Johnny träumen von einem Wochenendhaus in den nahen Hügeln von Andalusien. "Früher hatten viele von uns drüben Besitz oder eine Jagd. Mal sehn, wie’s nun wird."

Sieht man vom Gouverneur ab, der downtown todschick im "Convent" residiert, umgeben von Patio, Cottage Garden, Orchideenzucht, Schildwachen sowie jungen Ministerialen rein britischen Geblüts, wohnt niemand in Gibraltar so privilegiert wie der Admiral, der Luftkommodore und der Festungskommandant. Ihnen sowie den beiden höchsten Beamten der Krone ist die Mount Road vorbehalten, Gibraltars hochgelegene "Snob Avenue".

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An den landschaftlich schönsten Stellen der Kolonie steht "Crown Property", stößt man auf königlich-britische Territorialansprüche. Nur fünf Prozent des Felsens sind Privateigentum, der Rest gehört entweder der Garnison oder der öffentlichen Hand. Im Inneren des "Rock" ist angeblich mehr Platz als draußen. Dort gibt es riesige Kavernen mit Batterieständen, Kasematten, Quartiere für ganze Regimenter. 200 Jahre haben Mineure aus Schottland und Wales den Berg ausgehöhlt, und 143 Kavernen waren von Natur vorhanden.

Tief im Kalk aus dem Jura summt die Computer-Ventilation eines elektronischen Leitstands der Nato. Ganze Kämme und Hochplateaus sind gesperrt. Schilder zwischen Mimosenbüschen warnen vor Radioaktivität in verborgenen Raketensilos. Schwarze U-Boote mit Nuklearantrieb ziehen silberne Nadelstreifen durch die Gibraltar Bay in die Bläue gen Tarifa.

Kriegerisch ist es immer wieder an dieser strategischen Ecke zugegangen. Im April 711 kam Tarik Ibn Ziyad, Freiherr der Mauren, der seinen verballhornisierten Namen in Gibraltar verewigt sieht. Seine Bogenschützen, Steinwerfer, Schwertkämpfer und Reiter vertrieben die Westgoten bis Toledo. Hoch auf dem Tariksberg steht ein letzter verlorener Germanenaltar.

Bis 1462 war Gibraltar Vorposten des Islams. Dann siegte Kastilien. Heute hängen muselmanische Gastarbeiter bei der Kathedrale herum, wo einst die südlichste Freitagsmoschee Europas gestanden hat. Sie spielen trübsinnig mit Perlenschnüren, und am Sockel des Felsens tauchen Antiquitätenjäger nach römischen Tränenphiolen.

Gegen Abend beginnt der "Levante" auf dem Blech von Gibraltar zu dröhnen. Es klingt, als ob ein böser Geist umherpoltere. In Catalan Bay haben die Leute Türen und Fenster geschlossen. Nur Hunde streunen noch über die Straße. Drüben irrlichtert Spanien im Violett. Beim Kap "Europa Point" jault der Wind zwischen den Herkulessäulen zum Atlantik hinaus. Die letzten Liebespärchen verlassen in klapprigen Autos die Parkplätze und eiern stadtwärts.

Sergeant Alfred Holmes vom "Gibraltar Regiment macht seine Abendrunde. Er ist der offizielle Hüter der Makaken. Zwölf Berberäffinnen sind gegenwärtig schwanger. Der "Keeper of the" Apes" ist stolz wie ein werdender Papa. Er verriegelt für heute die reich gefüllten Vorratskammern der Garnison.

"Die Spanier warten darauf, daß unsere Affen aussterben. Dann werde auch Britain gehn, wie sie glauben. Doch wir pflanzen uns munter fort, Sir", verkündet Gibraltars Affensergeant und reicht "Philomena" als Betthupferl einen letzten Vitaminkeks. Das Maskottchen saust mit dickem Bauch in die Büsche voll Sodomsäpfel.