Von Dietrich Strothmann

Jerusalem, im Februar

Wo ist Josef Mengele, der Doktor der Philologie und Doktor der Medizin, der in wenigen Wochen 75 Jahre alt wird? Einige, die ihm auf der Spur waren, behaupten: Er lebt nicht mehr. Andere, die ihm noch immer auf der Spur sind, wollen ihn noch vor wenigen Monaten in der paraguayischen Stadt Volendam, nahe der Grenze zu Brasilien, in einem Quartier der Mennoniten gesehen haben oder in einem Blockhaus in Laureles am Paraná-Fluß im Süden Paraguays, nur ein paar Schritte vom Sommerdomizil des Präsidenten Alfredo Stroessners entfernt. Wieder andere, die sich auf den, Fall des doppelten Doktors Josef Mengele spezialisiert haben, sind sicher, daß er – krank inzwischen, dick geworden und ständig von Leibwächtern umgeben – alle Monate seinen Aufenthaltsort wechselt: Mal ist er in Chile, mal in Brasilien, mal in Argentinien. Er soll auch schon in Griechenland gesehen worden sein, selbst in Italien.

Auf jeden Fall war Mengele 1947 in Wien von den Amerikanern verhaftet, dann aber bald wieder freigelassen worden. Danach konnte er sich bis 1949 in einem katholischen Kloster von Günzburg an der Donau, seiner Geburtsstadt, versteckt halten. Auf geheimnisvollen Wegen (manche vermuten mit Hilfe des "britischen Flüchtlingsnetzes") entkam er nach Südamerika, kehrte 1951 noch einmal an seinen Heimatort zurück, um an der Beerdigung seines Vaters teilzunehmen, der in Günzburg eine der größten europäischen Fabriken zur Herstellung landwirtschaftlicher Maschinen aufgebaut hatte, mit weltweiten Verbindungen, nach Südamerika vor allem. Dort wurde Mengele 1954 die argentinische, 1959 die paraguayische Staatsbürgerschaft zugesprochen. Auf jeden Fall

gelang es ihm, mit dem Decknamen "Joseph Menke", 1962 nach Kanada einzureisen, nachdem schon ein Jahr zuvor der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer dem noch immer amtierenden Präsidenten Alfredo Stroessner eine Verdoppelung der Wirtschaftshilfe bei Auslieferung Mengeles angeboten haben soll. Und auf jeden Fall wird dieser Josef Mengele seit 1959 mit Haftbefehl der Frankfurter Strafverfolgungsbehörde gesucht, die zu seiner Ergreifung noch in der letzten Woche die Summe von anfangs 50 000 auf eine Million Mark erhöht hat. Das alles ist aktenkundig.

Auf jeden Fall kann Bundeskanzler Helmut Kohl, nachdem er zuvor mit dem Zenralrat der Juden im ehemaligen KZ Bergen-Belsen des 40. Jahrestages der Befreiung von der Hitler-Barbarei gedacht haben wird, im Juli seinen Staatsgast Alfredo Stroessner in Bonn nach Josef Mengele fragen: Liefern Sie ihn uns aus, damit er endlich vor ein deutsches Gericht gestellt werden kann!

Weil die damalige Bundesregierung diesem Präsidenten und Mengele-Schutzpatron nicht über den Weg traute, verweigerten ihm 1973 Bundespräsident Gustav Heinemann wie Bundeskanzler Willy Brandt den Staatsempfang. Stroessner kam damals nur bis Günzburg. Nach allen Erfahrungen mit den Pannen des Kanzlers Kohl steht freilich zu befürchten, daß Alfredo Stroessner in Bonn die Honneurs gemacht werden, protokollgerecht wie ehrbaren Staatsoberhäuptern. Und Josef Mengele wird wohl auch weiterhin ungeschoren bleiben. Soll auch das aktenkundig werden?

Mengele sei einfach nicht zu fassen, meinte letzte Woche wiederum Simon Wiesenthal, als "Eichmann-Jäger" bekannt, in Jerusalem. Schon viele hätten sich ihm angeboten, Mengele umzubringen. Angeblich sollen dabei in den letzten Jahren schon vier Rächer umgebracht worden sein. Mengele sei nicht einmal mit Geld "freizukaufen", erklärte Wiesenthal zur Erhöhung der Frankfurter Belohnungssumme.

warum ist er, warum sind viele Juden, darunter auch der israelische Geheimdienst Mossad – der ihn bereits 1960 zusammen mit Adolf Eichmann entführen wollte –, hinter diesem alten, kranken, gejagten Mann her? Josef Mengele ist der letzte der noch lebenden prominenten Massenmörder aus Hitlers und Himmlers Todesfabriken. Tausende, Zehntausende hat er, der "Todesengel von Auschwitz", auf seinem Gewissen. Mit einer lässigen Bewegung des Daumens schickte er sie von der Rampe des Vernichtungslagers in die Gaskammer, Alte, Gebrechliche, Kinder, Schwangere. Und er lächelte dabei, trug weiße Handschuhe.

Dieser Josef Mengele, Figur auch in Rolf Hochhuths "Stellvertreter"-Drama, ist zum Synonym des klugen, kaltblütigen Mörders aus der Zeit des Dritten Reiches geworden – der freundliche, gebildete Schlächter, der Babys lebendig ins Feuer warf, Müttern die Kinder aus den Armen riß und auf den Boden schmetterte, Hunde auf Häftlinge hetzte, Fötusse aus schwangeren Frauen schneiden ließ, der zum Dienste der hehren, ehrbaren Wissenschaft an ausgewählten Opfern, an Zwillingen, am liebsten an Zigeuner-Zwillingen, experimentierte.

Manchmal scherzte er, streichelte seine Opfer, verteilte sogar Bonbons an sie, ordnete an, sie gut zu kleiden, sie anständig zu ernähren, ihnen Spielzeug zu geben – ehe er ihre Augen verätzte, ihre Gebärmuttern durch Röntgenstrahlen zerstörte, sie mit Viren infizierte, um sie dann durch Herzinjektionen zu töten oder in die Gaskammer zu schicken. Danach wurden ihre Augen, ihre inneren Organe eingesammelt und mit der Paketaufschrift "Kriegswichtig – Dringend", ausführlichen Forschungsberichten dazu, an das Kaiser Wilhelm-Institut für Anthropologie in Berlin-Dahlem, zu Händen seines Direktors, Professor Otmar von Verschuer, weitergeleitet.

Der SS-Hauptsturmführer Mengele, im Mai 1943 von seinem Chef Verschuer nach Auschwitz geschickt, von Professor Sauerbruch mit Finanzmitteln für seine "Forschungen" ausgestattet, stand im Dienste einer tödlichen Wissenschaft, einmalig in der Welt, einmalig in der Geschichte. Ein Teufel in Medizinergestalt. Juden waren jahrelang seine "Versuchskaninchen" gewesen. Und er lächelte dazu, war stolz über seine "Forschungsresultate", schützte seine schlanken, schmalen Finger in stets gepflegten, weißen Handschuhen: der Arzt als Mörder. Und er lebt ("mit 99prozentiger Sicherheit", weiß Simon Wiesenthal), er wird in Schutz genommen (von einem südamerikanischen Präsidenten), bewacht (von Revolvermännern), bewahrt (von alten Nazis, die damals mit ihm entweichen konnten). Er ist noch unter uns.

Dieser Mann: "Er band mir die Brüste ab, damit ich mein Baby nicht stillen konnte. Er wollte beobachten, wie lange es ohne Nahrung am Leben bleibt." – "Er setzte meinen Unterleib Röntgenstrahlen aus und entfernte mir später einen Hoden." – "An der Wand seines Untersuchungszimmers waren lauter Augen aufgespießt, wie Schmetterlinge. Sie sahen mich die ganze Zeit über an." – "Er injizierte mir eine Flüssigkeit in die Kehle, damit ich Gewächse bekam." – "Er bestrahlte uns so lange mit Röntgenstrahlen, bis unser Unterleib schwarz war von der Verbrennung." Das sagten Mengeles Opfer aus, die seine Qualen überstanden, überlebt hatten.

Es war letzte Woche im Auditorium von Jad Vaschem, der Gedenkstätte für die sechs Millionen ermordeten Juden auf einem der Hügel Jerusalems. Drei Tage lang erinnerten sich dort 29 Zeugen beim ersten Mengele-Tribunal unter der Losung "Ich klage an" und vor einer Kommission, der außer Simon Wiesenthal der Eichmann-Staatsanwalt Gideon Hausner und der amerikanische Chefankläger aus den Nürnberger Prozessen, Telford Taylor, angehörten.

"Mit Auschwitz begann für uns eine neue Zeitrechnung", sagte einer. Ein anderer erinnerte sich: "Jeder Tag war wie ein Jahr." Ein dritter resümierte: "Wie Tiere waren wir, wie Dreck, Abfall." Oft sind sie, die damals neun, zwölf Jahre alt waren, die einzigen aus ihrer Familie, die am Leben geblieben sind. Manche haben später geheiratet, Kinder bekommen, eine Familie gegründet. "Das war ihre Antwort an Josef Mengele kommentierte nach dem Kongreß die Jerusalem Post die "positiven Folgen" des Quälens und Leidens. Die "negativen Folgen" der Opfer, wie sie von Ärzten beschrieben wurden: "Manchmal schreckt der Patient nachts auf, schreit, weint. Und die Kinder fragen ihn dann am nächsten Morgen: ‚Hat dich der Vater geschlagen?‘"

Manchmal war es bei einem Bericht totenstill im Auditorium, manchmal stockte den Zeugen, die auf einem Stuhl vor der Kommission auf dem Podium saßen, die Stimme – wenn sie sich an das erinnern sollten, was der ausgebildete Arzt und ausgewählte Forscher Josef Mengele mit ihnen, an ihnen getan hatte: "Nach der Operation schrie meine Zwillingsschwester nächtelang. Dann kam ein anderer Häftling, drückte ihr ein Kissen so lange aufs Gesicht, bis sie erstickt war." – "Unsere ganze Familie, wir Liliputaner-Zwillinge und die normal Gewachsenen, mußten sich nackt auf eine Bühne stellen. Von allen Lagern waren an die zweitausend SS-Männer mit Bussen herangeschafft worden. In der ersten Reihe saß Himmler. Und sie schauten uns die ganze Zeit an." Als Mengele an einem Tag bei der Selektion an der Rampe die ungarischen Zwergen-Zwillinge entdeckt hatte, rief er voller freudigem Stolz: "Da habe ich für zwanzig Jahre Arbeit!" Und auf die bestürzte Frage eines seiner jüdischen Sklaven-Ärzte, die ihm täglich bei seinen Experimenten zur Hand gehen mußten, wie lange diese Menschenvernichtung noch andauern sollte, antwortete er: "Mein Freund, es geht immer weiter, immer weiter."

Eine Zeugin, heute Mutter, erzählte: "Wir waren ungefähr zwanzig Mädchen. Wir hatten uns nackt ausziehen müssen. Wir standen in dem einen Zimmer. Wir hatten Angst. Durch das Schlüsselloch der Tür sahen wir in dem anderen Zimmer die ,Maschine‘. Da hatten wir keine Angst mehr. Wir wurden einzeln vor den Röntgenapparat gestellt und dann sahen unsere Bäuche bald aus wie nach einem starken Sonnenbrand." Ein Zeuge, der anonym bleiben wollte, hinter einem schwarzen Vorhang saß und dessen Aussage durch Lautsprecher in das Auditorium übertragen wurde, berichtete, wie seine Geschlechtsteile Röntgenstrahlen ausgesetzt wurden. "Heute habe ich drei Kinder." Der Befrager: "Gott sei gepriesen!" Es war das einzige Mal während dieser drei Tage, daß ein Aufatmen durch den kleinen Saal von Jad Vaschem ging.

Und der Mörder, der Josef Mengele heißt, der lächelte und tötete, der in seinem verbrecherischen Rassenwahn Menschen für seine Forschung folterte und umbrachte – er war damals nur einer von vielen. In Auschwitz allein war er einer von 23 Ärzten. Und Auschwitz war nur eines von vielen Lagern zur Vernichtung "unwerten Lebens."

Mengeles Vorgesetzter, dem er die Augen, inneren Organe, die Blutproben durch Typhusspritzen ermordeter Zwillinge postwendend nach Berlin lieferte, blieb später ungeschoren. Otmar von Verschuer lehrte noch nach 1953 als Professor an der Münsteraner Universität. Kollegen hatten ihm schön 1949 in einem Prüfungsbericht bescheinigt: "Es würde uns pharisäerhaft erscheinen, wollten wir aus der heutigen Situation heraus einzelne Vorkommnisse einem Manne als unverzeihliche moralische Belastung anrechnen, der sonst ehrlich und tapfer seinen schwierigen Weg gegangen ist und oft genug seine edle Gesinnung bewährt hat." Wären auch Mengeles Kollegen in seinem Fall zu einem ähnlichen Freispruch gekommen?

"Einzelne Vorkommnisse", "moralische Belastung", "sonst ehrlich und tapfer", "seinen schwierigen Weg" – vierzig Jahre später sind es dieselben Ausflüchte, Verniedlichungen, Verballhornungen, mit denen die Ermordeten noch einmal ermordet werden. Zum Schluß des Mengele-Tribunals gab Telford Taylor, der die drei Tage lang stumm auf dem Podium gesessen hatte, eine kurze Erklärung ab. Auch er ein Zeuge, erinnerte er sich an den Auftritt eines angeklagten Generalarztes vor dem Nürnberger Militärgerichtshof, der unbelehrbar blieb. Frage: "Wie lange dauerte es, bis nach einer Phenolinjizierung der Tod eintrat?" Antwort: "Bringen Sie mir einen Menschen. Ich werde es Ihnen vorführen." Taylors kommentierende Schlußfrage an das Plenum der Opfer und Zuhörer in Jerusalem: "Muß ich mehr sagen?"

Erinnerung, so heißt es in Israel, erleichtere Verständigung. Sich erinnern zu wollen, so muß es für die Deutschen heißen, gleichviel, ob sie 1945 gerade erst 15 Jahre alt gewesen sind, kann vielleicht einmal zur Versöhnung führen. Dafür waren die drei Tage in Jerusalem an der Gedenkstätte für den Massenmord vor vierzig Jahren ein Lehrstück.

Am Tag nach dem Jerusalemer Mengele-Kongreß: Der ehemalige Oberste Bundesrichter, Chaim Cohen, wird im Fernsehen interviewt. Er stammt aus Hamburg, aus einer streng orthodoxen Familie. Seit Auschwitz ist er nicht mehr fromm, hat er seinen Glauben verloren. Vor dem Tribunal hatte ein Zeuge gefragt: "Wo war Gott damals?"