Von Dieter Wellershoff

Anscheinend war ich in einem anderen Film als Reinhard Baumgart. Aber wäre ich nicht selbst ins Kino gegangen, um mir die hochgerühmte und preisgekrönte Filmballade „Paris, Texas“ von Wim Wenders anzusehen, dann wäre ich dank der behutsam suggestiven Erzähl- und Überredungskunst von Baumgart wahrscheinlich mit ihm in seinem Film gewesen.

In meinem Film ging ein Mann in einem schlechten, sagen wir karnevalistischen Trampkostüm meilenweit und nur deshalb nicht für Camel-Filter, weil er doch etwas zu unrasiert und depressiv aussah. Ja, diese grandiose Landschaft! Ich kannte sie, nicht weil ich dort gewesen bin, sondern weil ich sie als Abbild des Abbildes einer optisch total abgegrasten Szenerie wiedererkannte. Wieder diese Wüste, diese heroische Weite, diese naturgeschaffenen Steinmonumente und dazu – dies ein Stück Dressurkunst – ein hüpfender Raubvogel, mag sein, ein Westernzitat, jedenfalls ein filmheraldischer Hinweis auf Einsamkeit und Gefahr.

Ist das wirklich „eine Außenansicht der Innenwelt“, wie Reinhard Baumgart meint? Ich war in einem anderen Film. Ich sah lauter schöne, perfekte Bilder, die in einen der glanzlackierten Photokalender gepaßt hätten, mit denen Banken zu Weihnachten ihre besseren Kunden beschenken. Sie haben ja Sinn für solche Themen, Sinn für Perfektion. Das Ding könnte „On the Road“ heißen oder „Paris, Texas“, mit dem kleinen Laienphoto als kontrastierende Eröffnung, warum nicht? Für mich waren es typische, cineastisch geschönte Oberflächenbilder, fast unsichtbar geworden durch all das Vorausgewußte, all den ästhetischen Konsens, der ihnen das Weltniveau bescheinigen mag, aber doch nur in der epigonalen Disziplin zeigen, wie man jetzt eben Landschaften sieht, seit „Easy Rider“ über die Leinwand ging.

Nun gut, ich war in einem anderen Film. Ich bekam gleich zu Anfang Schwierigkeiten, die dogmatische Hartnäckigkeit zu ertragen, mit der Wim Wenders die Dialektik des Schweigens vorführt. Schweigen signalisiert bekanntlich Geheimnis, Tiefe, verborgene Substanz, und ich dachte besorgt: Er überzieht es. Das kann er bestimmt nicht einlösen, was ein so langes Schweigen verspricht. So war ich in der Lage des Bruders, der Travis dauernd zum Reden animierte. Aber ein so geduldiger, masochistischer Bruder wäre ich wohl nicht gewesen. Oder wollte der Bruder das lästige Kind wieder an Travis loswerden? Das würde seine Zähigkeit erklären. Der Film mit seinem durchweg edel-menschlich typisierten Personal gab mir indessen zu verstehen, daß ich mich mit solchen psychologisierenden Vermutungen auf den Abweg einer minderwertigen Lesart begab.

Dieser Film ist ja ein Märchen, habe ich mich jetzt belehren lassen. Neuerdings wird der Begriff Märchen im Sinn einer Beschwichtigung gebraucht. Er dispensiert von Wirklichkeits- und Wahrheitsforderungen und rechtfertigt die freundlichen Vereinfachungen und frommen Lügen. Es ist ja „nur“ ein Märchen, sagt man. Ich dagegen hänge immer noch der Vorstellung an, daß die Märchen, wie unsere Träume (die auch nicht „nur“ Träume sind) uns einen Blick in die Wolfswälder und Hexenküchen unseres Unbewußten tun lassen und Geschichten davon erzählen, wie man die Ängste überwinden und die Gefahren bestehen kann.

Und hier würde ich gerne ein Sondergespräch mit Reinhard Baumgart beginnen, der Nastassja Kinski hinter der Glasscheibe der Peep-Show zu einer neuen Verkörperung von Schneewittchen in ihrem Glassarg erklärt hat. Das erschien mir zunächst als eine überraschende Aktualisierung. Aber wenn man Inhalte nicht beliebig manipulieren will, dann stützt sie sich doch allein auf das Vergleichsmoment der Glasscheibe. Denn das alte Märchen von Schneewittchen ist die Geschichte eines heranwachsenden Mädchens, das neugierig in den Lebensapfel beißt und erschrocken in den Schlaf seiner Latenzzeit versinkt, bis es durch den Kuß des Prinzen zur Sexualität erwacht. Im Film dagegen versucht ein von Eifersuchtsangst verrückter Mann seine sexualisierte Frau zur Verantwortlichkeit der Mutterschaft zu bekehren, um sich nach diesem Domestikationserfolg beruhigt in ein keusches männliches Nirwana davonzumachen. Er ist nun jedenfalls seine Ängste los. Wie es dem Kind bei dieser Mutter ergehen wird, darüber scheint er sich keine Sorgen zu machen. Die biologische Weltordnung hat er wieder eingerenkt. Wie es mit der moralischen steht, darüber macht er sich keine Gedanken. Und der Film redet seinen Zuschauern auch jede Bedenklichkeit aus.