Von Heinz Michaels

Ohne Zögern und selbstbewußt sagt Manfred Fischer: „Ich bin nach wie vor Vorstandsvorsitzender von Dornier.“ Und um seinen Anspruch durchzusetzen, hat er am Dienstag zusammen mit seinem Vorstandskollegen Karl-Wilhelm Schäfer beim Landgericht Ravensburg eine einstweilige Verfügung gegen den Aufsichtsrat des Luft- und Raumfahrtkonzerns beantragt.

Bereits am Montag hatten die Arbeitnehmervertreter im Dornier-Aufsichtsrat ebenfalls eine einstweilige Verfügung beantragt, die Entlassung der beiden Vorstandsmitglieder für ungültig zu erklären, weil die Vorschriften des Mitbestimmungsgesetzes nicht eingehalten worden sind.

Am Samstag waren die zwölf Mitglieder des Aufsichtsrats zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengekommen. Auf der Tagesordnung standen Personalangelegenheiten, und jeder wußte, worum es ging: Manfred Fischer, vor einem halben Jahr erst von dem gleichen Aufsichtsrat als Vorstandsvorsitzender berufen, und sein Kollege Schäfer, seit mehr als zwei Jahrzehnten im Unternehmen tätig, sollten geschaßt werden. Vergeblich forderten die Arbeitnehmer eine Vertagung, um die Betroffenen anhören zu können. Nachdem der stellvertretende Vorsitzende Alois Laus mit seinen Mannen von der Arbeitnehmerbank ausgezogen war, peitschte der Vorsitzende Hans-Otto Thierbach, ein ehemaliges Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, mit den Vertretern der Anteilseigner den Entlassungsbeschluß durch, ohne sich darum zu scheren, daß das Mitbestimmungsgesetz einem paritätischen Vermittlungsausschuß einen Monat Zeit für Beratungen gibt, wenn in einer ersten Abstimmung keine Zwei-Drittel-Mehrheit im Aufsichtsrat zustande kommt. „Abgestimmt wurde überhaupt nicht, solange wir dabei waren“, sagt Gesamtbetriebsrat Paulig.

Das Spiel auf der Vorderbühne ist damit vorerst beendet, bis die Ravensburger Richter nächste Woche sagen, ob sie mit Manfred Fischer einer Meinung sind, daß er nach wie vor Vorstandsvorsitzender ist. Deshalb müssen die Scheinwerfer auf den Hintergrund der Bühne gerichtet werden.

Am Donnerstag dieser Woche kamen in Friedrichshafen die Anteilseigner, die Dornier-Familie, zu einer Gesellschafterversammlung zusammen. Silvius Dornier, einer der sechs Söhne des genialen Flugzeugbauers Claude Dornier, dessen Geburtstag sich im vergangenen Jahr zum hundertsten Mal jährte, Silvius wollte Klarheit schaffen, wie nun die Stimmrechte und damit der Einfluß im Unternehmen verteilt sind.

Showdown im seit den siebziger Jahren wogenden Machtkampf um das Erbe des 1969 verstorbenen Firmengründers. 1972 hatte sich die Familie noch darauf einigen können, daß Claudius Dornier, der älteste Sohn von Claude, Vorstandsvorsitzender wurde, nachdem der eigentlich für diesen Posten gekürte Donatus am Tag seiner Amtsübernahme tödlich verunglückt war. Doch schon bald bildeten sich zwei Gruppen mit Claudius, Peter und Silvius auf der einen sowie Justus, Christoph und der Donatus-Witwe auf der anderen Seite. Mit zusammen 38,6 Prozent der Anteile hatte die „Gruppe Justus“ schließlich das Sagen, da die „Gruppe Claudius“ nur 33,6 Prozent hält. Die Familie einigte sich auch noch darauf, die 27,8 Prozent der Anteile Anna Dorniers stillzulegen, weil die Witwe des Firmengründers aus zweiter Ehe nicht mehr geschäftsfähig war.

Den Machtanspruch seines Halbbruders Justus bekam Claudius Dornier 1981 zu spüren, als jener verhinderte, daß der Vertrag von Claudius verlängert wurde. Im Alter von 67 Jahren wurde Claudius Jungunternehmer, gründete seine eigene Firma und entwickelte in der Tradition seines Vaters ein Amphibienflugzeug, das er auf den Namen „Seastar“ taufte und das sich jetzt in der Erprobung befindet. Die Familienfehde war damit jedoch nicht ausgestanden. Im Gegenteil, die beiden Gruppen liegen seitdem in rund einem Dutzend Prozessen miteinander im Clinch.

Im Aufsichtsrat wurde der Weltkrieg-II-Jagdflieger und ehemalige Luftwaffeninspekteur Johannes Steinhoff von dem Bankier Thierbach abgelöst, der als Vertrauensmann von Justus gilt. Um die mageren Aufsichtsratstantieme von 8000 Mark jährlich aufzubessern, erhielten die Vertreter der Anteilseigner auch, so Arbeitnehmer-Vertreter Paulig, zusätzlich Beraterverträge mit sechsstelligem Honorar.

In der Vorstandsetage der Dornier GmbH übernahmen Bernhard Schmidt, ein international anerkannter Fachmann, und der jetzt auf der Abschußliste stehende Karl-Wilhelm Schäfer das Kommando. Doch just dies paßte Justus nicht. Entnervt von den ständigen Versuchen der Gruppe Justus, in das Unternehmen hineinzuregieren, stimmte Schmidt Mitte letzten Jahres schließlich der Trennung „im beiderseitigen Einvernehmen“ zu, wie der Rausschmiß beschönigend tituliert wurde. Bei der Suche nach einem Nachfolger stieß Justus Dornier auf Manfred Fischer, der sich im Frühjahr 1983 als Vorstandsvorsitzender von dem Medien-Konzern Bertelsmann wegen „unterschiedlicher Auffassungen in der Beurteilung unternehmenspolitischer Grundsatzfragen“ getrennt hatte. Gegen den Widerstand der Gruppe Claudius setzte Justus die Berufung Fischers zum 1. September 1984 durch und engagierte zudem den ehemaligen Ministerialdirigenten im Verteidigungsministerium Hans Ambos als Entwicklungschef.

Derweil ging der juristische Grabenkrieg zwischen den beiden Gruppen weiter. Es ging um die Informationspflicht der Unternehmensleitung gegenüber den Gesellschaftern, um die Kompetenz der Gesellschafter, um die Besetzung eines Gesellschafterausschusses. Und es ging immer wieder um das Testament des Firmengründers. Das Drama trieb seinem Höhepunkt entgegen, als im Herbst letzten Jahres Anna Dornier starb. Was sollte nun aus den 27,8 Prozent werden, die solange stimmrechtslos gewesen waren?

In sein Testament hatte Claude Dornier eine Klausel eingefügt, daß der Präsident des Oberlandesgerichts Stuttgart einen Testamentsvollstrecker bestellt, wenn seine Witwe stirbt oder ausfällt. Der Präsident bestellte den renommierten Anwalt Professor Hans Thümmel in Stuttgart, der dem Dornier-Vorstand ein notariell beglaubigtes Testamentsvollstreckerzeugnis vorlegte. 1982 jedoch bestellte Anna Dornier zwei Mittestamentsvollstrecker. Die Gruppe Claudius vermutete dahinter Machenschaften der Gruppe Justus und focht die Bestellung an mit dem Hinweis auf die Geschäftsunfähigkeit der Gründerwitwe. Das Verfahren, mittlerweile in mehreren Instanzen verhandelt, läuft noch.

Eine weitere Klausel im Testament bestimmt nun, daß der Testamentsvollstrecker den Stimmblock der 27,8 Prozent verwaltet und eine Aufteilung auf die Nacherben verweigern kann, wenn dadurch Schaden für das Unternehmen eintreten würde. Im Streit der verfeindeten Gruppen würde Professor Thümmel also mit seinem Votum den Ausschlag für die eine oder andere Seite geben.

Während Testamentsvollstrecker Thümmel den Stimmblock zusammenhielt, machten sich die beiden Mittestamentsvollstrecker im September letzten Jahres in Zürich an die Erbauseinandersetzung und teilten – ohne Mitwirkung Thümmels – den Nacherben ihre Anteile zu. Die Vorherrschaft der Gruppe Justus wäre damit verankert.

Für die Gerichte und Anwälte eröffnet sich damit ein weiteres Betätigungsfeld, denn es geht bei den Anteilen an einem Unternehmen mit eineinhalb Milliarden Mark Jahresumsatz und knapp neuntausend Beschäftigten neben Macht und Einfluß um viel Geld.

In der Gesellschafterversammlung ging es nun darum, wer wie viele Anteile vertritt. Ein Kenner der Materie meinte spöttisch: „Da waren 127 Prozent der Anteile vertreten.“ Der Versammlung lag außerdem ein Antrag der Gruppe Claudius vor, den Aufsichtsratsvorsitzenden Thierbach und das AR-Mitglied Etterich (Berater der Donatus-Witwe Ellen) abzulösen – und statt dessen Professor Thümmler und Silvius Dornier (Gruppe Claudius) in das Aufsichtsorgan zu entsenden.

Nach der Zürcher Erbauseinandersetzung legten die Mitglieder der Gruppe Justus dem Vorstand der Dornier GmbH notariell ausgefertigte Bescheinigungen vor, daß sie als Nacherben über Anteile aus dem 27,8-Prozent-Paket verfügten. So sieht es das GmbH-Gesetz vor. Manfred Fischer prüfte und führte letzte Woche einen einstimmigen Vorstandsbeschluß herbei, daß die Erben weitere Nachweise – einen Erbschein etwa – vorlegen sollten. Der von Justus geplante Coup, noch vor der Gesellschafterversammlung vollendete Tatsachen zu schaffen, war damit gescheitert.

Es war nicht das erste Mal, daß Manfred Fischer die Erwartungen der Gesellschafter nicht erfüllte, wie Christoph Dornier, Kunstmaler in Zürich, zur Begründung des Abschusses sagte. So hatte sich Fischer dem Justus-Wunsch widersetzt, sofort 600 Beschäftigte im Bereich Entwicklung zu entlassen. Das gehe „nicht mit dem Rasenmäher“. Fischer beauftragte die amerikanische Unternehmensberatung McKinsey, ein Gutachten für eine differenzierte Personalpolitik anzufertigen. Bei Betriebsräten, leitenden Angestellten und Belegschaft hat er damit Pluspunkte gesammelt.

Fischer lehnte auch das Verlangen von Justus ab, seinen Vorstandskollegen Schäfer und dem gerade berufenen Hans Ambos, der hinter vorgehaltener Hand als sowjetischer Agent verdächtigt wurde, die Stühle vor die Tür zu setzen. Und dann war da noch eine dubiose Forderung der Justus-Gruppe über 1,8 Millionen Mark, die er nach sorgfältiger Prüfung zurückwies.

Gründe für seine Entlassung sind Manfred Fischer bis Dienstagabend nicht genannt worden. Er bestreitet jedoch, daß es dafür einen „wichtigen Grund“ gibt, wie es im Aktiengesetz verlangt wird, und begründet damit neben den Verfahrensfehlern auch seinen Antrag auf eine einstweilige Verfügung. Den wahren Grund dafür, daß Justus Dornier ihn so schnell wieder loswerden will, formuliert er so: „Ich habe Ratschläge eben nicht als Befehle angesehen.“ Und er hat auf seinen Rechten als Vorstandsvorsitzender bestanden.

Ironie des Schicksals: Rückhalt findet Manfred Fischer in der Gruppe Claudius, die ihn ursprünglich nicht haben wollte. Heute möchte Claudius Dornier Fischer in seinem Amt bestätigen. „Das Unternehmen geht schwierigen Zeiten entgegen. Es braucht Ruhe im Innern. Und es darf nicht das Vertrauen der Kunden, vor allem der öffentlichen Hand verlieren.“

Diese Gefahr sieht wohl auch der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth. Sein Wirtschaftsminister Herzog, auf dem Friedrichshafener Parkett geübt, hat am Dienstag Justus Dornier zu sich gebeten.

Claudius Dornier, der sich als ältester Sohn wohl immer als Sachwalter seines Vaters gesehen hat, könnte vieles in dem Streit gleichgültig sein. Er möchte seinen Anteil verkaufen – zwei Prozent an seinen Halbbruder Silvius und 10,8 Prozent an den Meistbietenden. Er braucht Kapital für seine neue Firma. Lothar Späth, so meinen Kenner der Szene, würde wohl gern den Mittler zu Daimler spielen.