Nackter Wahnsinn, groß und klein

Ein Sonntagnachmittag im Winter. Das ehrwürdige Zürcher Schauspielhaus zeigt ein Stück von Michael Frayn mit dem schönen, aber auch zutreffenden Titel "Der nackte Wahnsinn". Das ist ein erstklassiges Boulevardstück über eine allenfalls drittklassige Boulevardtruppe, die versucht, ein bestenfalls viertklassiges Boulevardstück mit dem schönen, aber auch zutreffenden Titel "Nichts los" aufzuführen.

Inszeniert haben Peter Fitz und Otto Sander von der Berliner Schaubühne, unter Mithilfe von nicht weniger als sieben Bühnenbildnern (behauptet das Programmheft). Und obwohl dem tüchtigen, gutgelaunten Zürcher Ensemble einige Komiker vom Schlage Fitz und Sander spürbar fehlen, die Aufführung also statt des nackten Wahnsinns nur den schönen Schwachsinn produziert, ist es doch ein arges Vergnügen. Erst ist man betreten, bald lacht man sehr, und dann immer mehr.

"Nichts los." Im Zürcher Schauspielhaus aber ist an diesem Sonntagnachmittag die Hölle los. Ein Kichern, Jauchzen, Jubilieren wie lange nicht. Eine Kindervorstellung. Doch die Kinder im Parkett sind fast alle zwischen sechzig und achtzig Jahre alt. Eine Rentnervorstellung. Daß man oben auf der Bühne über Rentnervorstellungen rüde Witze macht ("Beeilt euch! Einige da unten haben nicht mehr viel Zeit!"), nimmt niemand übel. Mitten unter den glücklichen Alten von Zürich: Herr H., aus Hamburg angereist.

Ein Sonntagnachmittag im Winter. Zur selben Stunde, da Herr H. im Kindertheater sitzt, gönnen sich auch seine Kinder, daheim in Hamburg, ein Sonntagnachmittagsvergnügen. Sie gehen ins Kino. Sie sehen einen der wenigen Filme, die schon für Kinder ab sechs freigegeben sind. Sein Titel, nackter Wahnsinn: "Paris, Texas". "Die Kinder werden sich langweilen", meint die fürsorgliche Frau an der Kinokasse. Die Kinder langweilen sich nicht. Sie freuen sich über die Bilder aus dem fernen Land, vor allem aber über Travis’ altes Auto und über Hunters Funkgerät. Natürlich: "Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten", einen Sonntag später, das wird sie deutlich mehr amüsieren.

Den Filmverlag der Autoren macht die Klassifizierung von Wenders’ Meisterwerk als Kinderfilm offenbar etwas verlegen. Der Film ist schwierig und langwierig, seine Fabel düster und verworren. Eine zerrüttete Familie ist zu sehen, der Vater kaputt, die Mutter in der Peep-Show. Also, ganz klar: ein Film ab achtzehn.

Und doch, genauso klar: ein Film ab sechs. Eine Kindergeschichte, in kühnen, aber immer auch demonstrativ keuschen Bildern erzählt; ein Versöhnungsmärchen, so herzzerreißend wie in den letzten Jahren nur noch "E.T.".

Sie können einem leid tun, die kundigen Damen und Herren, die über das seelische Wohl unserer Kinder wachen müssen. Sie geben sich Mühe – aber das Resultat aller Mühen ist Widersinn, muß Widersinn sein.

Nackter Wahnsinn, groß und klein

Sonntagnachmittag, Kinozeit für Kinder. Doch die meisten Paradiese sind verschlossen: "Der Wüstenplanet" ab zwölf, "Tarzan" ebenso. Bleiben "Paris, Texas" oder "Bernard und Bianca – die Mäusepolizei". Wen diese Alternative schwindlig macht, der hat noch eine dritte Wahl: "Carmen". Eine Geschichte zwar von Mord, Schmuggel und schwüler Sinnlichkeit, aber eine Oper, also Kunst, also vermutlich unschädlich, also ab sechs.

Nicht, was ihnen Spaß macht, dürfen unsere Kinder sehen, sondern was sie einführt in die abendländische Kultur. Das ist schön, aber auch ein bißchen frustrierend. Kein Wunder, wenn sie Trost suchen vor den Fernsehapparaten, wo keine FSK regiert.

Was tun? Was heißt schon kindlich, und was erwachsen? Die kichernden Alten von Zürich: erwachsen? Unser feixender Kanzler auf der Regierungsbank: erwachsen? Großer Staatsmann, doch unter der Maske noch immer der Lümmel von der letzten Bank? Und unsere Kinder: kindisch?

Je heftiger wir sie umsorgen, behüten, forschend betrachten, analysierend bereden, desto rätselhafter werden sie uns. Sie sind wohl doch ein "eigenes, ganz besonderes Geschlecht", ein "fremdartiges Volk" – so hat es Peter Handke in seiner "Kindergeschichte" geschrieben.

Ob es also gut für sie ist, wenn sie am Sonntagnachmittag aufbrechen nach "Paris, Texas" (während der Vater sich im "Nackten Wahnsinn" amüsiert) – wir werden es nie erfahren. Und das ist gut für uns. Benjamin Henrichs