Die Mieter erweisen sich bei alledem als äußerst störend. Juristisch ist ihnen, wie sich in der Wittelsbacherstraße gezeigt hat, schwer beizukommen. Aber es gibt andere Methoden. Hausbesitzer Weiß heuerte einen "Entmieter" an. Fürs Grobe war er sich wohl selbst zu schade. Schließlich ist er ein angesehener Mann. Laut Briefkopf ist er nicht nur Facharzt für innere Krankheiten, sondern auch "Schriftsteller und Komponist".

Daß eine Wohnung im ersten Stock einer Baufirma als Massenunterkunft für ihre Arbeiter zur Verfügung gestellt wurde, daran hatten sich die Mieter bereits gewöhnt. Auch daran, daß seit dem massiven Hagelschlag im vergangenen Jahr das Dach sowie geborstene Fensterscheiben und die Dachrinne, von der das Wasser gegen die Hauswand spritzt, nicht mehr repariert wurden. Kleinere Schäden hat der Hausmeister, ein türkischer Facharbeiter, in eigener Regie und auf eigene Kosten behoben.

Ungemütlich wurde es, als die Baufirma die Wohnung im ersten Stock räumte und ein Mann einquartiert wurde, den Dr. Weiß als "persönlichen Freund" einführte. Der Mann hauste ohne Möbel, nur mit einer Matratze und einem Elektrokocher, in der riesigen Wohnung. "Bettzeug mußte ihm meine Frau runterbringen", erzählt der Hausmeister. Immer wieder ließ der neue Hausgenosse auch Trinkkumpane bei sich wohnen; fünfmal mußten Polizei und Feuerwehr gerufen werden, weil das Treppenhaus voll Qualm stand. Der Brandherd lag jedesmal in der Wohnung im ersten Stock. Nachdem Mehmet Emer, der Hausmeister, auch beim fünften Qualmen eingeschritten war, wurde er seines Postens enthoben. Neuer Hausmeister wurde der Mann mit der Matratze.

Wenig später erhielt die Familie Emer ein Schreiben mit der Aufforderung, ihre Wohnung einer Generalüberholung zu unterziehen. Andernfalls würden ihnen die Kosten für einen Maler nach Wahl des Eigentümers in Rechnung gestellt. Auf die türkische Familie hatte es der "Entmieter", ein Manfred Huber, offensichtlich besonders abgesehen. Immer wieder erschien der elegant gekleidete Herr, um irgendwelche läppischen Mittellungen zu machen, zumeist dann, wenn Frau Emer allein in der Wohnung war.

Laute Rockband gesucht

Auch die anderen Mieter hatten unter den Schikanen zu leiden. Die 78 und 80 Jahre alten Eheleute Wollhändler, seit einer KZ-Haft schwerbeschädigt, fürchten, einen Umzug nicht zu überstehen; sie fühlen sich hier verwurzelt. Die Mieterin Modesta Kurz möchte am liebsten gar nichts sagen. "Ich steigere mich da immer so hinein, daß ich hinterher ganz fertig bin." Im vergangenen Sommer mußte sie ihre Eisdiele im Erdgeschoß aufgeben, weil der Vertrag abgelaufen war und nicht verlängert wurde. "Ranftl’s Eissalon", benannt nach ihrem Vater, der den Familienbetrieb 1937 gründete, war in München eine Institution.

Nicht nur die Eisdiele, auch drei Wohnungen im Haus stehen mittlerweile leer. Für deren weitere "Nutzung" hatte "Entmieter" Huber sich Besonderes ausgedacht. Die Bewohner des Hauses erfuhren es durch Zufall. Einer von ihnen fand in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung unter "Verschiedenes" diese Annonce: "Übungsräume für Musiker, Baldepl. v. priv. preisgünstig zu verm. Tel. 3 00 70 31. Die Rufnummer kam ihm bekannt vor; es war Hubers Nummer.