Von Wolfgang Hoffmann

Wackersdorf, Landkreis Schwandorf – seit wenigen Tagen zukünftige Standortgemeinde der Wiederaufarbeitungsanlage für Kernbrennstoffe, der vierten kommerziell betriebenen Atomfabrik dieser Art in Europa. In etwa zehn Jahren soll Wackersdorf Zentrum der deutschen Plutoniumwirtschaft sein, Teil des Konzepts zur Entsorgung von den etwa 25 Kernkraftwerken, die dann am Netz hängen.

Zur Gemeinde Wackersdorf, erstmals im 12. Jahrhundert erwähnt, gehören: 3700 Einwohner, eine evangelische, eine katholische Kirche, dreißig Vereine und Verbände, Reiten, Tennis, Kegelbahn, Sauna und Massage, ein Arzt, ein Zahnarzt, ein Apotheker, und im Gemeindeprospekt steht dann noch: "Das gute Zusammenwirken von Bayerischer Braunkohlen-Industrie und Gemeinde, der große Fleiß und die Schaffenskraft seiner Bürger haben Wackersdorf zu dem schmucken Bergarbeiterdorf in der Oberpfalz gemacht, wie es sich heute zeigt."

Die Idylle wurde inzwischen von der Wirklichkeit überholt. Der Arbeitsamtsbezirk Schwandorf, wozu Wackersdorf gehört, meldete soeben einen neuen Rekord: 22,2 Prozent Arbeitslosigkeit. In dem "schmucken Bergarbeiterdorf" mit seinen zum Teil gar nicht mehr schmucken Häusern ist jeder fünfte Erwerbsfähige arbeitslos. Wackersdorf hat keine Braunkohlenindustrie mehr. Die Gruben wurden im September 1982 geschlossen.

Der relative Wohlstand der Gemeinde hat nicht sehr lange angedauert. Die Braunkohle in und um Wackersdorf war in den fünfziger Jahren erschöpft. 1953 war das alte Wackersdorf noch einmal umgezogen, komplett mit Kind und Kegel einschließlich Friedhof, um die allerletzten Braunkohlenreste unter dem alten Dorf auszubeuten. Nach einer Generation war endgültig Schluß. 1600 Arbeiter verloren ihren Job, vierzig Prozent kamen aus Wackersdorf.

Jetzt soll die Atomfabrik wieder Geld und Arbeitsplätze in die Region bringen. Schon streiten vier Gemeinden darum, wem denn die Steuern zufallen, die reichlich fließen, wenn die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) in Wackersdorf zwischen fünf und zehn Milliarden Mark investiert. Von 30 bis 60 Millionen Mark Gewerbesteuern pro Jahr ist die Rede. Das wäre viel Geld für eine Gemeinde wie Wackersdorf mit einem vergleichsweise bescheidenen Etat von etwa acht Millionen Mark.

Wackersdorf hat dem Standort der Atomfabrik zwar den Namen gegeben, aber das Gelände, auf dem die Anlage errichtet werden soll, 120 Hektar des Taxölder Forstes, gehört noch dem bayerischen Staat. Nach bayerischem Recht muß Staatsland eingemeindet werden, sobald es bebaut wird. Welche Gemeinde jedoch den Zuschag erhält, bestimmt der Regierungspräsident der Oberpfalz in Regensburg. Der Bürgermeister von Wackersdorf, Josef Ebner, hofft auf eine faire Aufteilung unter den vier Anrainergemeinden, die bisher Anspruch auf den Forst erhoben haben.