Von Werner Klüppelholz

L... Sie Bach? Ei gewiß doch, über alles, bekennt mein Zahnarzt und mein Friseur, mein Tennistrainer und mein Kultusminister, meine Putzfrau und mein Fräulein vom Amt. Für mich ist Bach die absolute Nr. 1, konstatiert ein älterer Zoologie-Professor, seine Musik gibt viel Erbauung, rapportiert ein jüngerer Bundeswehr-Offizier, sie paßt so gut zu Weihnachten, bemerkt eine Hausfrau, 88, ist einfach toll, lächelt eine Schülerin, 13, sie schafft Beruhigung, spricht ein im übrigen mit kölschen Karnevalsliedern befaßter Elektriker, und belebt so trefflich einen Kirchenraum, findet eine Biologin. Bach eigne sich bestens zum Tanzen, strahle die Gemütlichkeit eines Kaminfeuers aus, erzeuge eine so harmonische Gänsehaut, klinge so mitreißend, klar, so einerseits ausgetüftelt, andererseits lebendig, sei von solcher Mächtigkeit, Melancholie, Gleichmäßigkeit, Endlosigkeit, Ordnung, packend wie soul, spannend wie Kartenspiel, sanft wie Meerbrise, so leicht mit dem Bauch verständlich, so immer haarscharf dran vorbei.

Zufalls-Zitate, aufgefangen und ausgefragt, die gewiß einmal mehr die Schwierigkeit artikulieren, musikalische Wirkungen mit Worten zu vermitteln, die freilich überdies verdeutlichen, daß ungeachtet aller Unterschiede im Alter und Geschlecht, bei Sozialstatus, Bildungsvoraussetzungen und sonstigen Musikvorlieben offenbar das Herz eines jeden, selbst eines eingeschworenen Rock-Fans, noch Platz hat für Bach. In China spielt man und singt ihn in Ghana, Marxisten lieben ihn und die anderen, längst haben die Katholiken ihren Bach einverleibt, Franz Josef Strauß wie Günter Wallraff äußerten öffentlich Zuneigung: Vor Bach sind alle gleich. Bach im Film, in der Werbung und Medizin, als Medium der Diplomatie und Garnierung der Politik. 1940 erklang Bach vor viertausend Soldaten im besetzten Paris (h-moll-Messe unter Herbert von Karajan), im vergangenen Jahr geleitete er den scheidenden Bundespräsidenten aus dem Amt („Air“; Stabsmusikkorps der Bundeswehr) und umrahmte die Bonner Friedensdemonstration („Air“; Gruppe „440 Hz“). 1984 auch wurde der jetzige Bonner Botschafter in Israel, wo Wagner und Richard Strauss bekanntlich und erklärlich immer noch non grata sind, zum ersten Flötisten am „Musikinstitut J. S. Bach“ ernannt.

In der Musiktherapie findet diese Musik ungezählt häufige Verwendung („Bach heilt alles“), sie soll den Konsum von Kupferberg-Sekt befördern, sie begleitet James Whales „Frankenstein“ und Pasolinis „Accatone“, Tanners „Rückkehr aus Afrika“ wie Kluges „Deutschland im Herbst“, und bei Florey benutzt „Die Bestie mit den fünf Fingern“ dieselben dazu, im Film gleichen Namens auf dem Klavier Bach zu spielen. Immer und überall: Bach steht zu den apartesten Diensten.

Daher will wenig verwundern, daß die Nachwelt sich nicht mit den weit über tausend hinterlassenen Werken begnügen mochte, vielmehr es unternahm, Bachs allein quantitativ unvergleichliches Œuvre zu bearbeiten, zu erweitern, breitzutreten. Unterschiedlich waren gewiß die Motive der Bearbeiter – zu denen immerhin Schumann, Mendelssohn oder Busoni zählten –, mag auch den meisten an hausmusikalischer Verbreitung kraft populärer Anpassung gelegen haben.

Der Wiener Komponist van Bruyck zum Beispiel beabsichtigte mit seiner Klavier-Transkription der „Chaconne“ aus der Violin-Partita d-moll, daß „das Werk auch für Laien vollkommen verständlich und genießbar werde“. So waren im 19. Jahrhundert eine Vielzahl von Varianten gerade des nämlichen Stückes in Umlauf, für Orgel, Violoncello, Streichquartett und selbstredend für das Klavier allein. War ein Unfall vorausgegangen, konnte das Opfer gar auf des Grafen Zichys einarmige Reduktion für Pianoforte linker Hand zurückgreifen. Das meiste davon ist vergangen und vergessen, mit Ausnahme der „Meditation“ versteht sich, diese bis heute vielgeschmähte und weitverbreitete Violinmelodie, die der fromme Charles Gounod um die Jahrhundertmitte dem ersten Präludium aus Bachs Wohltemperiertem Klavier zugefügt hat und die er später, zur Zementierung des sich abzeichnenden Erfolges, mit dem Text des „Ave Maria“ unterlegte. Beide Fassungen, die vokale wie instrumentale, fallen uns heute aus allen Plattenregalen entgegen, ob von Leontyn Price mit den Wiener Philharmonikern gesungen oder von Barbara Streisand, ob als Solo von Rudolf Schock oder für Trompete, ob im Album „Die schönsten Melodien der Welt“, „Das Sonntagskonzert“, „O Tannenbaum“. Die „Air“ aus der Dritten Orchester-Suite oder die Orgel-Toccata d-moll haben ähnlich zahlreiche Mutationen durchgemacht. Von den Verjazzungen Jacques Loussiers in den fünfziger Jahren über die als ernsthaft geltenden Entertainer wie Karajan bis hin zu Künstlern vom Schlage Karel Gotts: Bach ist heutigentags in sämtlichen musikalischen Stilen präsent.

Mitnichten wird Bach also länger gefeiert nur von einer kleinen Schar musikbeflissener Blaustrümpfe (beiderlei Geschlechts); Bach für alle, zu allen Anlässen, in allen Geschmacksnuancen und Preislagen, lautet der Befund seiner gegenwärtigen Lage. Gibt es einen Tonsetzer, der universaler wäre – und universaler verwendbar? Zweifelsohne steht Bach am 300. Geburtstag im Zenit seiner Verbreitung, hat die Bach-Rezeption ein buchstäblich globales Ausmaß erreicht, das zu steigern höchstens durch die Entdeckung müsikliebender Marsmenschen und die Einrichtung eines interplanetarischen Paketversands gelänge.