Von Ulrich Stock

Eine "Phantom" der Bundeswehr stürzte Ende Januar nach einer Kollision auf eine Montagehalle in Bremerhaven. Zwei Menschen wurden getötet, fünf verletzt.

Nach Angaben der Bundeswehr wurde dieses jüngste Unglück des militärischen Flugbetriebs über der Bundesrepublik nicht durch Tiefflüge verursacht.

Noch Tage nach dem Absturz stand Betriebsleiter Egon Kraatz sichtlich unter dem Eindruck des Ereignisses. "Das einzige, was wir hatten, war Glück", sagt er, "Glück."

Dabei war Pech das einzige, was die Container-Firma Tiemann im Industriegebiet Bremerhaven-Speckenbüttel am 31. Januar 1985 mit Sicherheit hatte. Denn das 20 Tonnen schwere Phantom-Kampfflugzeug der Bundeswehr hätte ebenso leicht auf das nahe Atomkraftwerk Unterweser oder in das Kolumbus-Einkaufscenter in der Innenstadt stürzen können. Es stürzte in die Montagehalle der Firma Tiemann.

Der Schlosser Peter Gericke wurde am Arbeitsplatz getötet, fünf seiner Kollegen wurden zum Teil schwer verletzt.

Der Waffensystemoffizier Frank Weber starb in den Trümmern der 20 Millionen Mark teuren Phantom. Der Pilot des Flugzeugs konnte sich mit dem Schleudersitz retten, ebenso wie die beiden Männer aus der zweiten Maschine, die drei Kilometer entfernt auf eine Sandbank im Watt niederging.

Die Toten tragen die Nummern 12 und 13. In den vergangenen 20 Jahren sind in Bremerhaven und Umgebung zuvor schon elf Menschen bei neun Abstürzen von Militärjets ums Leben gekommen. Die Bürger der Stadt sind darüber in höchstem Maße beunruhigt. Sie zeigten sich "verschreckt, statt Einsicht in militärische Notwendigkeiten zu entwickeln", stellte der FDP-Kreistagsabgeordnete Martin Richter fest, der wiederholt vor den Tiefflügen gewarnt hat.

Die Bundeswehr hält dem entgegen, die beiden abgestürzten Maschinen seien nicht tiefgeflogen, sondern hätten "in mittlerer Höhe" – um 5000 Meter – Abfangjagd geübt, wobei sie einander berührt hätten und abgestürzt seien. Doch diese Beteuerung ändert wenig an der Befürchtung des Politikers, in die Bevölkerung werde bald "Panik fahren", wenn es so weitergehe.

Die neuerliche Katastrophe wird die Front jener stärken, die seit Jahren in der Bundesrepublik gegen die gefährlichen Flugübungen protestieren. Anlaß zum Protest gibt es an vielen Orten:

Die gotische Kirche von Esterndorf in Bayern mußte im Sommer vergangenen Jahres geschlossen werden, nachdem Teile des Gewölbes infolge eines Überschallknalls von der Decke gebröckelt waren. Der Rokoko-Bau der Wieskirche im Allgäu darf seit November wegen Einsturzgefahr, verursacht durch donnernde Tiefflieger, nicht mehr betreten werden.

Die Leitung einer Realschule in Wassertrüdingen wandte sich im November wegen ständiger "Störungen des Unterrichts durch Fluglärm" an das bayerische Kultusministerium. An einem Oktobervormittag wurden 55 vorbeikrachende Maschinen gezählt.

Bremerhaven liegt am Rand eines Gebietes, das von tieffliegenden Maschinen besonders stark frequentiert wird. Die Region südlich der Elbe um Stade liegt mittendrin. Dort raste im Juli vergangenen Jahres bei Groß Sterneberg ein Starfighter in ein Bauernhaus, nachdem sich eine Schraube im Triebwerk gelöst hatte. Ein Mann und eine Frau fanden den Tod, der Pilot konnte sich rettea Bis dahin hatten Anwohner bei gutem Wetter täglich 30 bis 50 Überflüge registriert – nach dem Unglück wurde das Gebiet ein halbes Jahr vom Donner verschont. Ralf-Herbert Schröder, Mitbegründer der "Notaktion Fluglärm Unterelbe e. V.", führt die unüblich lange Schonfrist auf den wachsenden Widerstand der Tieffluggegner zurück. Die Bürgerinitiative sammelte Unterschriften, hatte jedoch erst nach dem Absturz des Starfighters Erfolg. Seit Anfang Januar fliegen sie nun wieder.

Fast überall in der Bundesrepublik darf tiefgeflogen werden, ausgenommen ist der Luftraum über Großstädten, sind Flugplätze, Atomkraftwerke und ein 30 bis 40 Kilometer breiter Streifen an den östlichen Grenzen. Bis zu tausend Flüge finden pro Tag statt. Die Höhe von 150 Metern darf nicht unterschritten werden, ausgenommen sieben dünnbesiedelte Gebiete, in denen die Mindesthöhe 75 Meter beträgt.

Den Militärs ist das nicht tief genug. Peter Kurt Würzbach, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, hält "15, 20, 30 Meter" für eigentlich notwendig, um im Kriegsfall das gegnerische Radar unterfliegen zu können, Ein Drittel der Tiefflugstunden werde schon jetzt in solchen Höhen außerhalb des Landes geflogen.

Flugsimulatoren, die bislang als "ideale Ausbildungshilfe" eingesetzt werden, können nach Meinung der Bundeswehr Tiefflugübungen nicht ersetzen. Der Streß, den ein Flieger bei Tempo 800 verspürt, wenn er über Baumwipfel hüpft, die Angst vor dem Tod im Nacken, lasse sich nicht simulieren.

Das Ministerium versucht, den Bürgern entgegenzukommen: Besonders lärmgeplagte Gebiete sollen entlastet werden, indem ein Teil der Tiefflüge in bislang ruhige Regionen verlagert wird. Freilich bringt das neuen Ärger mit sich. Nach der Öffnung der Grenzzone zu Österreich für Tiefflüge im April vergangenen Jahres fürchten Kurdirektoren deutscher Grenzorte, ihre Urlaubsgäste könnten ins weniger lärmend verteidigte Nachbarland abwandern. Die bayerische Landesregierung hat Verteidigungsminister Manfred Wörner zu einer Kabinettssitzung über Fluglärm eingeladen. Wörner will kommen. Sein Staatssekretär beugt falschen Erwartungen vor: "Bundeswehr heißt ja fliegen, fahren, schießen", das könne nicht geräuschlos abgehen. Und was an Lärm bleibe, sei der "Preis der Freiheit".

Doch vielfach äußern betroffene Bürger den Verdacht, die Piloten hielten sich nicht an die Spielregeln, flögen tiefer als erlaubt. Dieser Eindruck ist zwar subjektiv, aber schwer zu entkräften. Militärjets unterliegen keiner Flugüberwachung. Flugschreiber haben die Maschinen auch nicht. Um "den Nachweis zu erbringen, daß wir diszipliniert fliegen" (Luftwaffen-Sprecher Wolfgang Kownatka), hat die Bundeswehr im vergangenen Frühjahr zwei je zehn Millionen Mark teure Bodenmeßsysteme "sky guard" in Betrieb genommen, mobile Radarfallen für Tiefflieger. Bei Stichproben haben die Kontrolleure ihre Annahme, daß korrekt geflogen werde, "zu 98 Prozent" bestätigt bekommen.

Eine weitergehende Überwachung lehnt Kownatka ab. Die Piloten hätten große Verantwortung zu tragen, da müsse man ihnen glauben, daß sie auch die Flughöhen einhielten. Eine ständige Überwachung würde ihr Selbstvertrauen untergraben.

Vorfälle, die allerdings schon einige Jahre zurückliegen, zeigen jedoch, daß auf das Verantwortungsbewußtsein nicht absolut Verlaß ist. 1979 hatte ein Pilot über Lage bei Detmold eine Begrüßungsschleife für die dort wohnenden Eltern seines Waffenoffiziers ziehen wollen. Dabei unterschritt er die kritische Geschwindigkeit. Das Flugzeug stürzte in ein Wohnhaus. Es gab sieben Tote. Wenige Wochen zuvor war eine Phantom bei Forchheim auf eine chemische Fabrik abgestürzt, nachdem der Pilot eine Ehrenrunde für seine Mutter gedreht hatte. Der Inspekteur der Luftwaffe ordnete daraufhin an, daß nur noch zu zweit oder viert im Verband geflogen werden dürfe.

Außer der Bundeswehr üben Soldaten sieben verbündeter Nationen im deutschen Luftraum. Besonders die Briten, Niederländer und Belgier stehen im Ruf, es mit den Bestimmungen nicht so genau zu nehmen.

Gesetzliche Bestimmungen gegen militärischen Fluglärm gibt es nicht. Das Fluglärmgesetz aus dem Jahre 1981 gilt nur für Zivilflugplätze und hat in erster Linie den Zweck, das Bauen in Lärmzonen einzuschränken. Wer schon am Flughafen wohnt, kann Zuschüsse zur Schalldämmung seines Hauses bekommen, die aber selten mehr als zehn Prozent der Kosten ausmachen.

Dieses Gesetz auf den militärischen Bereich auszudehnen, würde den lärmgestörten Bürgern daher nicht viel bringen. Zudem erfaßt es nur den Dauerlärm; die Energie zweier Schallereignisse wird rechnerisch auf die Ruhezeit zwischen ihnen verteilt. So mag ein Tiefflieger einem beide Trommelfelle zerreißen – wenn es der einzige am Vormittag bleibt, entspricht der "äquivalente Dauerschallpegel" einem Blätterrauschen.

Bürgern bleibt die Flucht. Die Einwohner von Pferdsfeld und Eckweiler im Hunsrück gaben ihre Ortschaften 1979 auf, nachdem sie fünf Jahre lang unter den sehr lauten Phantoms gelitten hatten.

Nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums ist die Zahl der Tiefflüge mit ungefähr 110 000 Jahr um Jahr konstant geblieben. Die Zahl der Beschwerden steigt jedoch ständig. 1980 gingen beim Flugbetriebs- und Informationszentrum (FLIZ) der Bundeswehr in Köln-Wahn 677 Beschwerden ein, zwei Jahre später 1500, im vergangenen Jahr 3040. Staatssekretär Würzbach findet darin eine "gestiegene Sensibilität für jede Form von Belästigung" bestätigt.

Ralf-Herbert Schröder von der "Notaktion Fluglärm" dagegen sieht die wachsende Zahl der Beschwerden im Zusammenhang mit dem Bemühen der Militärs um "realistische Übungen", die mehr und mehr in "kriegsähnliche Aktivitäten" umschlügen. Er verweist auf Manöver im Alten Land, nach deren Ende die Bürgermeister den alliierten Truppen "blinde Rücksichtslosigkeit" attestierten; er erinnert an den Panzer, der im Januar in einen Dorfkrug bei Stade fuhr und an einen "nächtlichen Überfall" auf die Gemeinde Jork/Steinkirchen mit 30 bis 40 Panzern, von denen die Einwohner im Schlaf überrascht wurden.

Das Argument, diese Übungen dienten dem Frieden, empfindet Schröder als Hohn. "Wenn die Beschwerden der Bürger einfach weggewischt werden, wenn Bürger sich gequält fühlen, aggressiv werden, schließlich in Verdrossenheit versinken, wenn die Menschen Tag für Tag belästigt werden – ist das noch ein Frieden?"

Die "Notaktion Fluglärm" will ihre Ziele nur mit gesetzlichen Mitteln verfolgen. Die Mittel werden allerdings härter. Die Gruppe plant, sich Ende Mai an einer bundesweiten Aktion zu beteiligen, bei der wohl auch Ballons in die Luft gelassen werden sollen.

Diese riskante Methode zur Abschreckung von Tieffliegern hatte vor anderthalb Jahren zum erstenmal der Arzt Hanns-Christian Conrad aus Großweiler in der Pfalz angewandt: Er ließ Heliumballons in 100 Meter Höhe aufsteigen. Mit Schüssen aus Kleinkalibergewehren holte die Polizei sie vom Himmel herunter. Doch inzwischen werden Ballons nun schon von gemeindeeigenen Gebäuden aus gestartet.