Von Ernst Martin

Was die Düsseldorfer Wirtschaftswoche am 31. Mai 1974 zu berichten wußte, klang in den Ohren potenter Anleger wie Musik: Spitzenverdiener mit höchster Steuerprogression, die sich in die „Gulftide GbR“ zur Finanzierung einer Ölbohrinsel gleichen Namens einkauften, könnten bis zu 34 000 Mark verdienen, ohne auch nur eine einzige Mark zu investieren.

Der Tip alarmierte nicht nur Großverdiener mit Abneigung gegen hohe Steuerzahlungen sondern auch die Steuerexperten im Bonner Finanzministerium, die zwei Monate später ihre Wiesbadener Kollegen auf die Existenz der im hessischen Weiskirchen domizilierenden Abschreibungsgesellschaft aufmerksam machten. Die mit der Klärung des Falles beauftragte Oberfinanzdirektion Frankfurt (OFD) suchte zunächst vergeblich nach den Steuerakten. Der für den Veranlagungsbezirk zuständige Beamte wußte von nichts. Schließlich wurde man bei seinem Chef, dem Vorsteher des Finanzamts Offenbach-Land, Regierungsdirektor Reinhold Hock fündig. Auf telephonische Anfrage erklärte er, bei der Gulftide handele es sich um eine „Neuaufnahme jüngsten Datums“, die er selbst bearbeitet habe.

Tatsächlich wurde das Projekt schon seit Dezember des vorangegangenen Jahres in Offenbach-Land geführt. Hock hatte das ihm zugrunde liegende Konzept einschließlich der für 1974 und 1975 beantragten Verlustquoten von 211,4 Prozent schon vor Monaten – nämlich am 10. Dezember 1973 und am 22. Mai 1974 anerkannt. Die Folge: Verlustzuweisungen in Höhe von 29 083 702 Mark, die den Gesellschaftern bis Ende 1983 eine Reduzierung ihrer Einkommensteuerlast um 7 212 309 Mark bescherte.

Das Erfolgsmodell stammte von dem Frankfurter Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Georg Bader und sollte Versuchsballon für zahlreiche weitere Projekte dieser Art sein, deren Geschäftszweck im Prinzip beliebig austauschbar war. Ob mit der Bohrinsel überhaupt eine wirtschaftliche Tätigkeit ausgeübt werde – so analysiert der Leiter der Steuerabteilung im Wiesbadener Finanzministerium, Ministerialdirigent Heinrich Horlbeck, sei bei dieser Konstruktion „völlig uninteressant“. Die Bohrinsel könne sogar die ganze Zeit eingemottet in einem Hafen liegen, wobei niemand wisse, ob sie überhaupt existiere und dennoch ihren Zweck erfüllen: Steuerersparnisse erschließen.

Im Fall Gulftide trat die eigens zu diesem Zweck gegründete „Gulftide GmbH“ als Treuhänderin für die „Gulftide GbR“ auf, um am 28. Juni 1974 von der „Canam Offshore Ltd.“ – einer Tochter der amerikanischen „Ocean Drilling and Exploration Company“ – die sieben Jahre alte Bohrinsel Gulftide zu kaufen, 25 Prozent des mit 15,625 Millionen US-Dollar stark überhöhten Kaufpreises wurden durch das von den Gesellschaftern der „Gulftide GbR“ eingebrachte Eigenkapital finanziert, die restlichen 75 Prozent durch ein von der Londoner Niederlassung der New Yorker „Morgan Guaranty Trust Company“ (MGT) bereitgestelltes Darlehen.

Gleichzeitig mit Abschluß des Kaufvertrages wurde die Bohrinsel per Leasing-Vertrag für vier Jahre an die Canam zurückvermietet und ihr das Recht eingeräumt, die Bohrinsel nach Ablauf der Mietzeit für 7,031 Millionen Dollar zurückzukaufen. Zwecks Tilgung des Darlehens gingen die Mieteinnahmen bis auf eine sechsprozentige Verzinsung der Gesellschaftereinlagen an die MGT. Da das Restdarlehen nach Ablauf der Mietzeit exakt mit dem von der Canam zu zahlenden Rückkaufpreis übereinstimmte, waren die Gulftide-Gesellschafter nach Ausübung der Rückkauf-Option durch die Canam am 28. Juni 1978 schuldenfrei – und die Canam um 6 bis 7 Millionen Mark reicher.